Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1910)
- Date
- 1910-04-24
- Page
- Seite 527-528 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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527 VOLK UND LAND 528 im Handwerk sind notwendig, aber sie müssen praktisch sein und nicht allgemein theoretisch, wenn sie etwas nützen sollen. Die Großindustrie, die ihre Ware mit Maschinen und Geräten herstellt und die den Arbeiter mehr als Aufseher über die Arbeit der Maschine ansieht, muß vollkommen modern und möglichst auf der Grundlage automatischer Arbeit aufgebaut sein. Die kleine Gruppe von Arbeitern muß am Gelingen der Arbeit interessiert sein, was durch Beteiligung am Gewinn, Gründung von Arbeiterheimstätten und durch Gewährung sonstiger Existenzerleichterungen erreicht werden kann. Dagegen muß die Heimindustrie, besonders die auf dem Akkordsystem aufgebaute Kleinfabrikation, vollständig in die Hand selbständiger ’Arbeitergruppen gelegt Werden. Auf solche Weise wird der freie Geist und die Individualität des jüdischen Arbeiters sich gut entwickeln können, und sein Fleiß und sein Auffassungsvermögen werden Früchte tragen zum eigenen Woble und zum Gedeihen der Industrie und des Gewerbes. Für den Fortschritt der Kleinindustrie, des Gewerbes und des Handwerks müssen Musterfabriken gegründet werden. Glaubt man, daß ein neuer Industriezweig für Land und Bevölkerung vorteilhaft sei, so ist es unbedingt notwendig, für diesen Zweig gute und erfahrene Spezialarbeiter heranzuziehen. Im Notfälle kann man auch gute und fleißige Techniker zwecks Vervollkommnung dorthin senden, wo dieser Industriezweig in Blüte ist. Dann sollen zuerst kleine wohlgeleitete und vollkommen moderne Arbeitsstätten durch öffentliche Mittel unterstützt oder durch die Initiative des Privatkapitals ins Leben gerufen werden. Diese sollen eine bestimmte Zeit hindurch unter Aufsicht arbeiten. Der Zweck solcher Arbeitsstätten wäre: Meister und Spezialarbeiter auszubilden, die Produkte der Industrie im Lande und in den Nachbarländern zu verbreiten, die Erzeugnisse der Fabrikation populär zu machen und einen Markt für sie zu gewinnen. Eine so erprobte Fabrikation wird dann Arbeitergruppen der kooperativen Genossenschaften übergeben. Den Arbeitern wird man gegen Ratenzahlung die modernsten Maschinen und Geräte verschaffen müssen. Man wird für Zentralinstitute zum Einkauf der Rohmaterialien und zum Verkauf der Produktion sorgen müssen. In vielen Fällen wird man eine zentrale Arbeitsstätte brauchen, in der alles, was in den Arbeiterwerkstätten als Halbfabrikat hergestellt ist zum fertigen Erzeugnis verarbeitet wird. Diesem Zwecke könnten vielleicht auch-die Musterfabriken dienen. Des weiteren sind nötig eine Industriebank zur Finanzierung und Besorgung aller Geldangelegenheiten sowie ein nationales, technisches Büro, das die Aufsicht über sämtliche kleinindustriellen Institute zu übernehmen hätte. Wir stehen vor einer Umwälzung der Gesellschaft, vor einer Wandlung aller Werte, Begriffe und Ordnungen. Vielleicht ist jetzt die Stunde gekommen, dafür zu sorgen, daß der Aufbau unserer Zukunft nicht die alten. Fehler wiederholt. Es ist möglich, durch Vereinigung der Industrie mit der Landwirtschaft zu guten Resultaten für die produktiv arbeitenden Elemente zu kommen. Dadurch werden wir den Arbeiter selbständig machen, seine physische und moralische Lage heben, seinen Fleiß und seine Arbeitsausdauer fördern, die schädlichen Wirkungen der Fabrikarbeit beseitigen. Zur Erreichung dieses Zieles müssen Arbeitergartensiedlungen gegründet werden. Die Arbeiter sollen unter günstigen Bedingungen kleine Landflächen erhalten, die für Gemüse- und Obstbau, für eigenen Bedarf, für Wohnung und vielleicht auch für eine kleine Werkstättenanlage mit elektrischem Betrieb ausreichen. Jeder Arbeiter soll die Möglichkeit haben, in seiner freien Zeit zu Hause oder in der kommunalen Werkstätte in seinem Fache zu arbeiten, und diese Arbeit wird er mit Gartenarbeit in der frischen Luft abwechselnd betreiben. Je hach den technischen Bedürfnissen eines Fabrikationszweiges wird man entscheiden können, ob eine Arbeitergruppe eine gemeinsame Arbeitsstätte haben muß, oder ob jeder seine eigenen Werkzeuge haben und innerhalb seiner Gruppe vollständig unabhängig sein muß. Durch die Arbeit in seiner freien Zeit und die Mitarbeit der Familienmitglieder wird der Arbeiter aus seinem Garten einen großen Teil seiner Nahrungsmittel ziehen. Die Hilfe der Frau und der Kinder bei der Gartenarbeit kann deren Entwicklung und Gesundheit nur förderlich sein. Und so wird es dem Arbeiter ermöglicht, seine Lebensweise billig einzurichten und gesund zu gestalten. Der so gestellte und mit den modernsten Geräten ausgerüstete Arbeiter wird sein ganzes Können intensiv seinem Werke widmen und sicherlich ein konkurrenzfähiges Produkt berstellen. Durch genossenschaftlich eingerichtete Speicher und durch Institutionen zur Organisation des Einkaufs der Rohmaterialien und des Verkaufs wird erreicht werden, die Ausgaben der Fabrikleitung und für die Vermittlung auf das Geringste einzuschränken. Der gut organisierte Arbeiter in ^seiner Gruppe kann hohe Löhne erzielen, allmählich seine Schulden abzahlen, um so endlich zur vollständigen Selbständigkeit zu gelangen. Die Dezentralisation der Industrie nach’ innen und ihre Zentralisation nach außen, die Vereinigung der Industrie mit der .Landwirtschaft, und schließlich die freie Stellung des Arbeiters — diese Dinge in ihrer Verbindung miteinander sind Voraussetzung für ein ersprießliches Schaffen des jüdischen Arbeiters. Auf diesem Wege wird er seinen nach Auswirkung strebenden Intellekt entfaltet!, wird er sein persönliches Leben auskömmlich und würdig gestalten und Industrie und Gewerbe in Palästina, wenn auch in langsamer Entwicklung sicher zu einer hohen Stufe führen können. (Aus Haarez W’haawoda 5679 N. V.) ANREGUNG ZU -EINER AERZTE - NEUORDNUNG IN PALAESTINA Von Emma Trietsch. Die Aerzteordnung, wie sie jetzt noch in allen Kulturländern existiert, bedarf dringend der Neugestaltung. Sie fordert in ihrer bisherigen Form täglich unzählige Opfer kostbaren Menschenlebens. Die Grundfehler sind in der Hauptsache die, daß das Hinzuziehen eines Arztes in das Belieben der Angehörigen der Patienten gestellt ist, daß der Arzt von Fall zu Fall zu bezahlen ist, daß die Aerzfe überbürdet sind, und daß man in den meisten Fällen an den einen hinzugezogenen Arzt gebunden ist. Ich will diese Fehler in folgendem des Naiveren beleuchten. Es wird wohl nur wenige Mütter geben,