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Volk und Land · 1910-04-24 · Heft 17 (24.4.1910) · p. Seite 515-516

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 17 (24.4.1910)
Date
1910-04-24
Page
Seite 515-516 (sequence 4)
Language
German
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515 VOLK UND LAND 516 Pogrom von Kiclcc eine jüdische Deputation zu Moraczewski kam, um Ihn zu bitten, durch sofortige Herausgabe eines Manifestes dem Morden Einhalt zu tun, wußte er ihnen nichts Tröstlicheres zu sagen, als daß er — beim nächsten Pogrom ganz bestimmt ein derartiges Manifest erlassen werde. Das Zustandekommen eines zweiten Pogroms schien dem polnischen Ministerpräsidenten also selbstverständlich zu sein, und es gewinnt den Anschein, als ob der Pogrom von Kielce ihm nicht genügt hätte und daß erst die Ungeheuerlichkeiten von Lemberg kommen mußten, um ihn zum Eingreifen zu veranlassen. Als die Proteste bei Moraczewski nichts halfen, wandte man sich an die höchste Spitze des polnischen Staates selbst: Herrn P i 1 s u d s k i. Und was wußte Herr Pilsudski zu all dem Elend, welches das edle polnische Volk über die Juden herbeigeführt hat, zu sagen? „Die einzige Möglichkeit der Rettung für Euch ist die Auswanderung nach Palästina.“ Denn Herr Pilsudski ist großzügig. Er gibt .sich nicht mit Kleinigkeiten ab, wie es die Verhinderung von Pogromen darstellt, sondern er will gleich die ganze polnische Juderifrage auf radikalste Art lösen. Ob diese Lösung möglich ist, und ob nicht vorher die Frage auf viel einfachere Art durch Totschlägen und Massenmorde gelöst sein wird, was schert es Herrn Pilsudski? Selbstverständlich weist Herr Pilsudski jede Schuld an den Vorkommnissen weit von sich. Was er gesagt hat, hat er njeht gesagt als Oberhaupt des polnischen Staates, sondern er hat lediglich dem Denken und Fühlen eines jeden guten Polen beredten Ausdruck verliehen. Als Moraczewski stürzte, kam Paderewsk'i ans Ruder, der Führer der National-Demokraten. Wenn man auch von den National-Demokraten selbst nichts Gutes erwartete, so setzte man doch einige Hoffnung auf die Persönlichkeit Paderewskis, der während seines Aufenthaltes in Amerika Fühlung genommen hatte mit den dortigen führenden jüdischen Persönlichkeiten, und ihnen versprochen hatte, die Judenfrage in loyalster Weise einer befriedigenden Lösung entgegenzuführen. Gleichzeitig mit ihm kam Professor Grabski vom polnischen Nationalkomitee aus Paris und erzählte, daß Dmowski, der gefürchtetste polnische Judenfresser und Vorsitzende des Nationalkomitees, sich plötzlich in einen Judenfreund verwandelt habe. Aber all das war nur Stimmungsmache und von allen den zagen Hoffnungen, die das immer noch optimistische polnische Judentum bereits wieder zu hegen begann, ist nichts in Erfüllung gegangen, trotzdem Polen nicht allein eine konstitutionelle Nationalversammlung erhalten hat, sondern sogar eine so moderne Einrichtung wie den Arbeiterrat. Die Atmosphäre wurde immer schwüler, die Stimmung immer gedrückter. Während bisher die Juden nur auf der Straße durch den ungebildeten und auch durch den gebildeten Pöbel beleidigt wurden, hagelte es jetzt Verleumdungen von der Tribüne des „Sejms“ und selbst bei den Versammlungen des Arbeiterrates. Es ist charakteristisch für Polen, daß selbst dieser Arbeiterrat, der für eine „revolutionäre Errungenschaft“ gilt, sich so wenig frei zu machen weiß von der chauvinistischen Ideologie der polnischen Bourgeoisie, daß sich ein Gelächter erhebt, sobald die jüdische ' Frage auch nur angeschnitten wird. Wenn das! im Arbeiterrat möglich ist, was soll man dann | von der Nationalversammlung erwarten? Man muß die jüdischen Abgeordneten bewundern, die in | dieser Atmosphäer von Haß und Verachtung ihre | Pflicht tun und auf ihrem Posten bleiben! Daß die antisemitische Flut in Polen noch in ständigem Steigen begriffen ist, haben in den letzten Tagen die Ereignisse in Kalisch, Weljun und Pinsk bewiesen. Und wer weiß, in welch furchtbarer Weise sich die Dinge noch auswachsen werden? Neben den Pogromen und dem wirtschaftlichen Boykott arbeitet man in neuer Zeit noch mit einem andern Pressionsmittel, dessen Gebrauch man von dem seelenverwandten Volk der Rumänen erlernt hat. Man erklärt einfach Tausende von Juden für Ausländer, spricht ihnen die polnische Staatszugehörigkeit ab und versucht auf diese Weise die Möglichkeit zu gewinnen, einen großen Teil der polnischen Juden aller politischen " Rechte zu berauben. Den Anstoß hierzu hat die Presse gegeDen, indem sfe dagegen protestierte, daß die polnischen Juden für sich die Rechte einer nationalen Minderheit in Anspruch nehmen. Man wolle kein Volk im Volk, kein „Judäo Poloniae“. Den Juden wird die Wahl gelassen, sich zur polnischen Nation zu bekennen, öder als Fremde ohne eigene Staatszugehörigkeit (Staatenlose) zu gelten; eine jüdische Nationalität wird von den Polen nicht anerkannt. Bei der Wahl zur Nationalversammlung ist diese Theorie in die Wirklichkeit umgesetzt worden, indem man 'das Wahlrecht der Juden, die nicht in Polen geboren waren, von einer derartigen Erklärung abhängig gemacht hat, auch dann, wenn diese Leute bereits seit Jahrzehnten in Polen wohnten. Das Bekenntnis zum polnischen Staatsbürgertum allein genügt nicht, man mußte mit Haut und Haaren Nationalpole werden, und allen denjenigen, die sich hierzu nicht verstehen konnten, würde das Wahlrecht versagt. Aber auch diese Forderung ist eine halbe Maßregel, gemessen an dem, was die Polen eigentlich wollen: nämlich nicht die Juden zu Polen machen, sondern: sie mit Stumpf und Stiel in Polen ausrotten. Da das vorläufig nicht zu verwirklichen ist, drangsalieren sie die Juden zunächst damit, daß sie sie zwingen wollen, weder auf der polnischen Nationalversammlung noch auf der Friedenskonferenz irgendwelche nationalen Forderungen aufzustellen und zu verfechten. Da die Juden sich dieser Erpressung nicht fügen wollen, und da im Guten von ihnen nicht zu erlangen ist,.daß sie sich in waschechte Polen verwandeln, so versucht man es im Bösen, indem man sie zu Rechtlosen und Landfremden macht. Wie wird das gemacht? In den europäischen Staaten steht der Begriff des „Staatsbürgers“ zweifelsfrei fest. Es gibt genau fixierte Gesetze und Bestimmungen, in denen ntedergelegt ist, wer, Von Natur aus Staatsbürger ist, und auf welchem Wege Angehörige eines anderen Volkes Staatsbürgerrechte erlangen können. In Polen kann von alledem noch nicht die Rede sein, da die neue polnische Verfassung überhaupt noch nicht feststeht. Theoretisch betrachtet, gibt es noch gar keine „polnischen Staatsbürger“, da ja sämtliche Polen bis vor kurzer Zeit noch russische Staatsbürger gewesen sind, und es also auch bei ihnen erst einer

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