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Volk und Land · 1919-04-17 · Heft 16 (17.4.1919) · p. Seite 507-508

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 16 (17.4.1919)
Date
1919-04-17
Page
Seite 507-508 (sequence 16)
Language
German
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507 zahl nicht daran denkt, Bürger des polnischen Staates zu werden. Er weiß, daß die polnische Unternehmerschaft die rücksichtsloseste und räuberischste in ganz Europa gewesen ist Leider gilt das auch von der assimilatorisch - jüdischen Großunternehmerschaft, hauptsächlich in Lodz, gegenüber den jüdischen Arbeitern. Demgegenüber ist die polnische Arbeiterbewegung vom Bolschewismus und Nationalismus zerrissen und dadurch in ihrer Widerstandskraft geschwächt. Die politischen und wirtschaftlichen Führer Polens sind völlig unbewährt und haben noch den Nachweis zu erbringen, daß sie imstande sind, aus dem neu gegründeten Staat ein blühendes Gemeinwesen und eine einheitliche Volkswirtschaft erstehen zu lassen. Der realpolitische Sinn des oberschlesischen Arbeiters lehnt diesen Sprung ins Dunkle ab. Ich höre mit Bedauern, daß die blutigeÜ Exzesse, die die Polen in Galizien und in Kongreß polen gegen wehrlose Juden geleistet haben, Scharen von Juden und namentlich von. jüdischen Arbeitern über die Grenze nach Deutschland treiben. Obwohl wegen der andauernden Flecfktyphusgefahr die deutsche Grenze gegen Polen heute noch für Ueberw anderer gesperrt ist, denkt der deutsche Arbeiter, soweit er Sozialdemokrat ist, von vornherein nicht daran — getreu seinem Wahlspruch „Gleichheit für alles, was Menschenantlitz trägt“ —, die deutsche Grenze für irgendwelche Zuzügler dauernd zu sperren. Ich halte es allerdings im Interesse der deutschen Arbeiterschaft und ihres guten Verhältnisses zu ihren jüdischen Klassengenossen für bedenklich, wenn diese Auswanderung regellos erfolgt und eine katastrophale Form an nimmt, weil dann zu befürchten wäre, daß der polnisch-jüdische Arbeiter, der von Hause aus an eine niedrige Lebenshaltung gewöhnt ist, die höhere Lebenshaltung des deutschen Arbeiters herabdrücken würde. Auch allgemeine kulturelle Gesichtspunkte sind es, die mich dazu veranlassen, mich mit aller Energie gegen den Uebergang Oberschlesiens an Polen auszusprechen. Was das oberschlesische Judentum für die deutsche Wissenschaft im allgemeinen und die jüdische im besonderen geleistet hat, ist allbekannt. Ich habe mit Freude gesehen, wie selbst noch im Kriege das kulturelle Leben in Oberschlesien blühte, namentlich eine hochentwickelte Pflege guter Musik; auch Theater, Volksbibliotheken und dergleichen mehr haben in Oberschesien einen sehr achtenswerten Stand erreicht. Man wird mich nicht jüdischer Einseitigkeit zeihen, wenn ich erkläre, daß die oberschlesischen Juden an der Pfege dieser Kulturgüter in erster Linie beteiligt sind. Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß, wenn es den Polen gelingt, Oberschlesien an sich zu ziehen und die Juden, durch die blutigen Vorgänge der letzten Zeit gewarnt, in Scharen fliehen werden, all diese Quellen kulturellen Lebens versiegen müßten. Die Zahl der Juden in Oberschlesien steht hinter anderen östlichen Wirtschaftsgebieten, wie zum Beispiel Posen, zurück. Aber jeder Kenner des oberschlesischen Wirtschaftslebens wird mir beipflichten, wenn ich sage, daß sie in der Industrie, wie im Handel und Gewerbe eine Rolle spielen, die außer jedem1 Verhältnisse zu ihrem zahlenmäßigen Anteile an der Bevölkerung steht. Sie haben sich allenthalben als die geborenen Mittler zwischen den beiden aneinander grenzenden Gebieten und Völkern betätigt, und es würde eine nicht wieder auszufüllende Kluft bedeuten, wenn sie aus Oberschlesien verschwänden, was bei einem Uebergang am Polen mit Sicherheit zu befürchten ist.“ Eine Kritik das jüdischen Lebens in Deutschland, die schon durch den Ort ihre» Erscheinens interessant ist, findet sieh im 508 „Sprectisaal“ des „Israelitischen Familienblattes“. Wir! entnehmen ihr folgende Sätze: „Es gab, um es in einem prägnanten Worte zu I sagen, bisher zwar eine. große Menge deutscher Juden,! aber keine lebendige deutsche Judenheit. Wir haben zwar seit langem eine weitverbreitete jüdische Presse, und zwar hat jede politische und religiöse Richtung der deutschen Juden ihre besonderen Organe, wir haben auch zahlreiche jüdische Organisationen, welche allerdings den Anschein erwecken, als ob das öffentliche Leben der deutschen Juden in ihnen seine Verkörperung und seinen weithin sichtbaren Ausdruck fände — aber die Tatsache, daß es keine große lebendige deutsche Judenheit gibt, daß ihr das selbständige Leben fehlt, diese Tatsache läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Die Gründe hierfür sind mannigfach — es bedürfte eigener geschichtlicher und wohl auch psychologischer Studien, sie alle zu erkennen und aufzuzählen. Zweifellos spricht bei dieser betrübenden Erscheinung der Vernachlässigung unserer ureigensten Interessen in hohem Maße der Umstand mit, daß wir deutschen Juden vielleicht zu sehr am dem öffentlichen Leben unseres Vaterlandes und unserer Volksgenossen mit Anteil nehmen, so daß wir nicht dazu kommen, die Frage des Erzvaters auch uns selbst vorzulegen, wann wir für unser eigenes Haus sorgen werden und wollen. Wir lassen uns von dem brausenden Strom unserer Umgebung mit fortreißen, wir beteiligen uns an den politischen, künstlerischen, wissenschaftlichen, an vielen nützlichen und wertvollen und leider auch an mancherlei unnützen und wertlosen Bestrebungen unseres Volkes, so daß unserer eigenen jüdischen Sache manch sdhätz bare Kraft verloren geht, so sehr wir es auch, ganz in Uebereinstimmung mit den Lehren und Forderungen unserer Religion, begrüßen, wenn der deutsche Jude, zumal in Zeiten der Not, sich in den Dienst seines deutschen Vaterlandes stellt. Zu einem großen Teile schuld an der Teilnahmslosigkeit weiter Kreise der deutschen Juden ist aber auch die Art und Wieäse, in welcher allgemein-jüdische Dinge hierzulande erledigt werden, sowohl in den Gemeinden, wie in den jüdischen Organisationen. Gerade die letzteren sind immer und immer wieder die Gründungen derselben Männer, deren Arbeitseifer und Selbstlosigkeit man anerkennen mag, an deren Tätigkeit aber die breite Masse der deutschen Judenheit kein oder nur geringes Interesse nimmt, weil sie ihren Auftrag — wenn auch in bester Absicht und' zu den edelsten Zwecken — sich selbst erteilten, ohne zu bedenken, daß sie so bei ihrem Wirken und Schaffen keinen Rückhalt an ihren Gemeinden im einzelnen und der Gesamtheit der Glaubensgemeinschaft hn ganzen und daher auch keinen Resonanzboden finden konnten. Ganz mit Recht sagt daher Steinhardt, daß die Gründung des Verbandes der deutschen Juden „ein Fehlschlag gewesen ist, daß er sich zu keiner Gesamtvertretung der deutschen Juden entwickelt hat und bei seinem undemokratischen Aufbau sich auch nicht dazu entwickeln konnte“. Und die gleiche Kritik würde ebenso berechtigt sein gegen all die anderen Organisationen des deutschen Judentums, gegen den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, dessen Gemeindetage ebenso wie die Hauptversammlungen des Verbandes der deutschen Juden, die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit unberührt ließen — von denen, die von den Tagungen selbst überhaupt nicht erfuhren, ganz zu schweigen gegen die V. J. O. D., das Komitee für den Osten und andere mehr. Auch der Zentralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ist nicht in dem Bewußtsein der deutschen Judenheit derart verankert, daß er die Massen aus I ihrer allgemeinen Teilnahmlosigkeit gegenüber jüdischen Dingen aufzurütteln vermöchte. In dieser Tatsache liegt I vielleicht die schärfste Kritik seiner Tätigkeit, denn VOLK UND LAND

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