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Volk und Land · 1919-04-17 · Heft 16 (17.4.1919) · p. Seite 505-506

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 16 (17.4.1919)
Date
1919-04-17
Page
Seite 505-506 (sequence 15)
Language
German
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VOLK UND LAND 506 505 „Es hat wenig Sinn (für die Zionisten Deutsch Oesterreichs), neue organisatorische Grundlagen aus zuarbeiten, sich darüber zu streifen und sie anzunehmen, wenn eine völlige Neuregelung der Verhälfnisse, wie sie durch ein Zusammenlegen mit der „Zionistischen Vei einigung für Deutschland“ gegeben wird, vor der Tür steht. Auf dieses voraussichtliche Zusammenlegen hat sich gegenwärtig unser Interesse zu konzentrieren. ... Es ist ganz selbstverständlich, daß von einer einfachen Fusion nicht die Rede sein kann. Dazu ist die Verteilung der jüdischen Kräfte eine viel zu ungleichmäßige. Deutschland hat bei seiner Bevölkerung von 60 Millionen insgesamt nur zirka 600 000 Juden gehabt, von denen ein großer Prozentsatz überdies in den Ostprovinzen ansässig ist, welche Deutschland jetzt verlieren dürfte. Deutschösterreich dagegen hat bei einer Gesamt bevölkerung von 6 bis 7 Millionen (exklusive Deutschböhmen) beinahe 300 000 Juden, was also ein wesentlich günstigeres Prozentverhältnis ergibt. Noch wesentlicher und fast schon ausschlaggebend ist aber dies: während sich die deutschen Juden über ein riesiges Territorium verteilen, bilden sie in Deutschösterreich die geschlossene Wiener Siedlung, welche mit ihren 280000 Juden nächst Warschau (dessen gegenwärtige Bevölkerungsziffern nicht bekannt sind) die stärkste Judengemeiude des Kontinents überhaupt darstellt. Berlin mit seinen 150000 Juden kann den Vergleich damit nicht aufnehmen. Abgesehen von der rein zahlenmäßigen Differenz ist dabei auch noch der Unterschied an jüdischer Dynamik zu berücksichtigen. Die Berliner Juden sind so sehr assimiliert, daß selbst die zionistischen Kreise, sofern sie überhaupt Boden gewinnen können, weitgehende Konzessionen an die Assimilation machen müssen. Die V. J. O. D. (Ver- | einigung Jüdischer Organisationen Deutschlands) ist ein; trauriges, aber charakteristisches Symptom für die politische Zwangslage gewesen, und daß sie gleichzeitig Ausdrucksform des herrschenden zionistischen Geistes ist, weiß jeder, der in Deutschland für die wahre, vom deutschen Geiste unbeeinflußte Rückkehr zum Judentum gekämpft hat. Die Einflüsse dieses deutschen Geistes j auf den deutschen Zionismus sind so weitgehender Natur, daß die Verlegung der Leitung aus Berlin nach j einem jüdischeren Zentrum nur von größtem Vorteil für die Reinerhaltung der jüdischen Bewegung sein könne. Ein solches jüdisches Zentrum bietet sich nun in Wien. Hier ist das Gros des Judentums noch durchaus jüdisch, durchaus national und stark genug, um gegen alle assimilatorischen Einflüsse ein genügendes Gegengewicht aufbringen zu können. Hier ist der Sitz der einzigen jüdischnationalen Tageszeitung in deutscher j Sprache, hier ist die jüdische Masse, die sich die Vertretung durch einen eigenen Abgeordneten im Parlament erzwungen hat. Hier ist eine Kultusgemeinde, die mehr und mehr unserem Einfluß unterliegt und deren vollständige Nationalisierung nur noch eine Frage von Wochen sein kann. Hier haben wir auch, last not j least, einen nationalgesinnten Oberrabbiner, dessen überj ragende Persönlichkeit und geistiges Führertum uns den Zugang zu den breitesten Massen öffnet und sichert. Dies alJes fällt in Berlin fort. Unter dem alten Regime erwies sich, daß die nichtzionistische Nebenregierung Oppenheimer, Sobernheim, Friedemann, Nathan usw. ein politisch ungleich stärkerer Faktor als die ' zionistische Organisation war. Dias neue Regime hat zwar die mit uns sympathisierenden Sozialisten Gohn, Bloch, Kaliski usw. in leitende Stellen gebracht, nichts destoweniger betrachtet das Auswärtige Amt immer noch Professor Sobernheim als den maßgebenden Vertreter des Judentums, und die zionistische Vereinigung j für Deutschland ist nach wie vor auf das Antichamj brieren angewiesen. Eines deutlicheren Beweises für! den geringen innerpolitischen Einfluß der Berliner Leij tung der Zionistischen Vereinigungfür Deutschland bedarf es nicht, und wir sind objektiv genug, voraus- I zusetzen, daß dieser Zustand nicht in den Personen, sondern in den Verhältnissen begründet ist. Es ist wahr, das Menschenmaterial in Berlin ist anders und für organisatorische Zwecke zweifellos besser qualifiziert, als die jüdische Bevölkerung in Wien. Die deutsche Vereinigung basiert auf einem Geschlecht junger Zionisten, dem beneidenswerten Ergebnis einer seit acht Jahren systematisch betriebenen Jugendbewegung. Der Durchschnittstyp des deutschen Zionisten ist der 23-jährige Student, der mit ganzer Hingabe die Entfaltung seiner Persönlichkeit lediglich in der Selbsterziehung zur Organisation erblickt. Die Organisation der jungen Kaufleute, der Herzlbund, enthält qualitativ, sowohl hinsichtlich des jüdischen Empfindens wie der intellektuellen Leistungskraft, genau das gleiche Material. Das alles haben wir nicht. Die Träger des Zionismus bilden hier immer noch die älteren und die altgewordenen Zionisten. 1 Soweit eine Jugendbewegung besteht, hält sie sich abseits von der Partei. Bei den Wahlen konnte man sehen, daß der größte Teil der Jugend sieh von der Wahlarbeit fernhielt, infolge dieser Passivität bekam die Wahlbewegung, wie der Zionismus hier überhaupt, den Charakter einer ausgesprochenen kleinbürgerlichen Mittelstandsbewegung. Die Schwungkraft des nationalen Gedankens muß dadurch notwendig erlahmen. Was uns also fehlt, ist eine Verjüngung der Partei durch ein neues junges Geschlecht, welches das zionistische Ideal aus seiner vielfach festzustellenden Verschlackung befreit. Was wir aber besitzen, ist der aus sichtsreiche jüdische Boden und das jüdische Echo. Nun ist es zweifellos leichter, jüdische Jugend und insbesondere Studentenschaft aus Deutschland nach Wjen zu bringen, als die Leopoldstadt nach Berlin. Ist Wien erst reichs-! deutsch, wird es ohnehin zum Anziehungspunkt für zahlreiche Studenten werden, und wenn es Sitz der zionistischen Leitung ist, so werden zweifellos ganz von selbst zionistische Studenten aus ganz Deutschland nach Wien strömen und hier der zionistischen Bewegung jene Blutauffrischung mitbringen, welche sie so bitter notj wendig braucht. Kommt der Anschluß an Deutschland zustande, so ist die Verlegung des Zentralbureaus (der deutschen Ver- *, einigung) nach Wien ganz ohne Zweifel nur eine Frage der Zeit.“ Oberschlesien und Polen Ein Vertreter der „Jüdischen Pressezentrale Zürich“ hat dort ein Interview mit dem langjährigen Führer der schlesischen Sozialdemokratie Dr. Landsberg, dem Bruder des deutschen Reichsjustizministers, gehabt, worin sich dieser Politiker über die Stellung der oberschlesischen Juden ausspricht Dr. Landsberg sagte: „Ich ergreife mit Vergnügen die Gelegenheit meiner Anwesenheit in Zürich, um mich auf neutralem Boden über Fragen zu äußern, die mir sehr am Herzen liegen. Der Umstand, daß ich gegenüber dem Vertreter der „Jüdischen Pressezentrale“ das Wortergreife, bedarf einer Erläuterung. Ich komme durch meine parteipolitische Tätigkeit als langjähriges Mitglied der deutschen Mehrheitssozialisten sonst nicht allzuviel zur Beschäftigung mit jüdischer Politik. Indessen habe ich als Jude sowohl, wie als geborener Oberschlesier allen Anlaß, auch in meiner Parteistellung das Wort zur oberschlesischen Frage und ihrer Bedeutung für die Judenheit, wie sie sich vor dem Friedenskongreß aufrollt, zu ergreifen. Ich hatte im Frieden längere Zeit keine Gelegenheit gehabt, meine oberschlesische Hermat aufzusuchen. Während des Krieges habe ich wiederholt und zum Teil längere Zeit mich in Oberschlesien aufgehalten und dabei gefunden, daß der oberschlesische Arbeiter bei aller Energie, mit der er seine sprachlich-kulturellen Interessen als Pole vertritt, in der erdrückenden Mehr-

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