Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1919)
- Date
- 1919-04-17
- Page
- Seite 501-502 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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501 VOLK UND LAND 502 Kreta den Besitz von Bassora und . Mesopotamien. Kon stantinopel und Nord Anatolien sollen den Russen Zufällen v die Bulgaren, die Griechen, kurz jedermann verlangt etwas vom türkischen Fell zu bekommen. Und was soll Frankreich haben, dessen Anstrengungen, sich im- Orient auszubreiten, die aller andern übersteigt, dem der größte Teil der oftonianischen Staatsschuld gehört, ebenso die Mehrzahl der Handelsunternehmungen, Industrieanlagen und Schulanstalten? Was überläßt man ihm an Stelle von Kompensationen und an Gegenleistungen? Denn Frankreich will keine Eroberungen, obwohl der Krieg gerade ihm besonders schwere Opfer auf - erlegt. Man gibt ihm Syrien, dessen Seele ihm seit langem gehört, mit einer Küstenlinie von Alexandrette bis Gaza. Und da gibt es Leute, die da wollen, Frankreich solle das zurückweisen, sollte sich der Teilung fernhalten? Unter dem* Vorwand, seine Kräfte nicht zerstreuen zu wollen, will man sie beschränken; unter dem Vorwand, das afrikanische Imperium schützen zu wollen, will man uns hindern, die dringlichsten Vorsichtsmaßregeln hierfür zu ergreifen undi sich in den Besitz der wirksamsten Mittel für diese Verteidigung zu setzen. Man versteht wohl, daß Italien sich mit Triest, Valona, Tripolis und dem Dodekanäus nicht begnügen kann und auch noeh Adalia nehmen muß; und da sollte es nicht begreiflich sein, daß Frankreich sich nicht mit Bizerta zufriedengibt und nach Alexandrette will? Aber welchem Nebenbuhler zuliebe soll eigentlich Frankreich seine Rechte im Mittelmeer fallen lassen und die Zukunft seiner afrikanischen Besitzungen opfern? Man vergißt wohl vollständig, daß, wenn die politische Kraft eines Volkes sich Friedenserwägungen hinopfert oder vor unabweisbaren Anstrengungen zurückweicht, seine ökonomische Entwicklung darunter mehr leidet, als unter einem blutigen Kriege. „Es gibt kein Halten“ sagt ein berühmter Stratege — „weder im Leben des einzelnen, noch in dem der Völker. Entweder man schreitet vorwärts oder man weicht zurück.“ Frankreich bewahrt sein afrikanisches Imperium am sichersten dadurch, daß es am jenseitigen Ende des Mittelmeers eine neue militärische und politische Basis schafft, wenn nicht, so wird, es ihm verloren gehen, weil es versäumt hat, die nötigen Sicherheitsmaßregeln für die Zukunft zu ergreifen. Nach Treitschke ist Schwäche eine Sünde gegen den heiligen Geist der Politik. Jeder Staat, der seine Ausbreitungsmöglichkeiten nicht im rechten Moment zu nutzen weiß, verurteilt sich dadurch selbst zur Bedeutungslosigkeit. Tatsächlich ist Syrien für Frankreich unentbehrlich, nicht nur, um das maritime Gleichgewicht im Mittelmeer aufrechtzuerhalten, sondern auch, um die Ruhe seiner mohammedanischen Besitzungen in Afrika sicherzu stellen . . . Wenn dennoch Frankreich sich als in Syrien nicht interessiert betrachten würde, so daß dieses wahrscheinlich seine Unabhängigkeit erklären würde, so müßte es schnell einsehen, daß es mit eigenen Händen den Schmelztiegel geformt hat, aus dem die panislamistischen Ansprüche hervorquellen werden, und das Feuer schürte, von dem die zündenden Funken äuffliegen. Aber es wäre vorauszusehen, daß das scharfsichtige England dieser wirklichen Gefahr, die auch seinen muselmanischen Besitzungen drohen würden, entgegentreten würde und statt Frankreichs von Syrien Besitz ergriffe. Diese Hypothese wird den Leuten, die „um jeden Preis“ unser Desinteressement in Syrien wollen, nicht mißfallen. Wir wollen ihnen aber eine kleine lehrreiche Geschichte erzählen, die einer uns bekannten Dame j passiert ist. Sie besaß in Syrien fünf Dörfer, was j ein ansehnliches Vermögen ausmacht. Aber die Verwalj tung dieser fünf Dörfer machte der Dame, die wenig j fleißig und noch weniger einsichtig war, ständig Sorgen, j denen sie in unendlichen Klagen beredten Ausdruck gab. Eines Tages aber verkündet sie ihrem Neffen mit freudestrahlendem Blick, daß sie eines der Dörfer verkauft habe. Sie habe nun also einige Sorgen weniger. „Das macht gar nichts aus“, versichert ihr der Neffe. Nach zwei Monaten wird ein zweites Dorf verkauft, als sie aber nach kurzer Zeit den Neffen davon verständigte, daß weitere zwei Dörfer veräußert werden sollten, sagte dieser traurig: „Tante, da kommt für dich und für uns etwas sehr Betrübliches dabei heraus, denn wenn derartige Veräußerungen erst mal angefangen haben, hören sie nicht eher auf, als bis alles verkauft ist. Schon als du es verweigertest, ein sechstes Dorf zu kaufen, ahnte mir, daß wir zurückgehen würden, da wir nicht vorwärts schritten. Jetzt ist nur noch ein Dorf übrig; die Katastrophe wird nächstens eintreten.“ Und so geschah es. Frankreich als mohammedanische Macht kann unmöglich auf Syrien verzichten, das ihm als unersetzliche (Ergänzung seines afrikanischen Imperiums zu gelten hat. Für Frankreich ist Damaskus, die heilige Stadt, das Tor zur Kaaba, die Stätte der Bewahrung uralter Tradition des Islams und Arabiens, die Krönung des Gebäudes, dessen Pfeiler Algier, Tunis und Fez sind. Es besitzt weder Kairo noch Konstantinopel: also muß es Damaskus besitzen. Nur so kann es die gewaltige Entwicklung der Syrier und Araber mit eigenen Händen lenken. Es wird ihr eine Richtung zu geben verstehen, die ihnen von Nutzen sein wird, ohne daß sie eine Beunruhigung der afrikanischen Positionen enthielte. Von Syrien aus kann Frankreich mit Erfolg das panislamitische Feuer überwachen, das seine Gegner gegen es zu entfachen suchen. Wer den Kopf hat, dem gehört der Leib! Wir geben an dieser Stelle dem französischen Publikum folgende Zeilen wieder, die wir dem Bericht über eine Rede entnehmen, die Lord Curzon, der ehemalige Vizekönig von Indien, vor einiger Zeit in London über Mesopotamien gehalten hat: „. . . Wir verfolgen in dieser Gegend die Verwirklichung unseier traditionellen Politik. Die Pflicht legt uns auf, diesem Lande eine Zukunft zu garantieren, die jener fernen Vergangenheit entspricht, in der es in Sicherheit und Blüte bestand. Es ist nötig, daß wir die Bevölkerung dazu ermutigen, ihr Land und ihre Heimat wieder emporzubringen, und daß wir ihnen dabei helfen, und daß wir uns so einen der Wege sichern, die nach Indien führen. Dieser Krieg bietet uns die Gelegenheit, unsere Politik im Persischen Golf so zu konsolidieren, daß uns der Friede in diesen Gegenden auf hundert Jahre gesichert erscheinen kann. Unsere erste Aufgabe für die Zukunft wird es sein, diese Gebiete nicht länger unter der unfruchtbaren und unfähigen türkischen Herrschaft zu belassen. Das um so weniger, als diese Gebiete niemals türkisches Territorium gewesen sind. Die Türken sind in ihm nur Fremde, die Bevölkerung ist arabisch. Und das Schicksal der Araber scheint unserm Blick unvergleichlich wichtiger, als das der Türken. Wir werden nicht länger gestatten, daß diese Gebiete dauernd der Schauplatz von Intrigen und Anschlägen bleiben, mit denen eine feindliche Macht in der letzten Zeit unaufhörlich gegen uns arbeitete. Wir machen es uns zur Pflicht, jeden deutschen Einfluß dort unten zu ersticken. Deutschland darf an der Friedensgestaltung Mesopotamiens keinerlei Anteil haben.“ Und Antonin Dubost, Präsident des Senats, erklärt in einer patriotischen Kundgebung: „Das Land hat sich mit seiner materiellem und moralischen Kraft im Willen zum Siege erhoben. Dieser Wille wird sein Ziel erreichen, und schon heute darf versichert werden, daß er sich durch keinerlei Ideologie etwas von den Früchten seiner Anstrengungen rauben lassen wird.“