Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1919)
- Date
- 1919-04-17
- Page
- Seite 495-496 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649290--0323-2649668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
495 VOLK UND LAND 496 Darlehen gewährt werden,, mit der Verpflichtung, nach erfolgter Existenzgründung dasselbe in kleinen Raten zinsfrei zurück zu zahlen. Dadurch würde der Einwanderer charakterfester, selbständiger, arbeitslustiger werden. Die Bequartierung müßte deshalb „privaten“ Charakter tragen. — Wie soll dieses Privat-Hotel (Massenherberge) ausschauen? Ich kann hier nur andeuten, .entsprechend unsern Beobachtungen im Kriege müßte ein Baracken-Hotel (Herberge) entstehen. Die englische Militärbehörde verfügt sicherlich über große Mengen in den Hafenstädten Palästinas aufgestapelt liegender Materialien, Bretter, Balken, Fenster, Türen, Nägel, Holzwolle, Glas, Dachpappe, Eisenbeschläge, Handwerkszeuge, Kessel, Fahrküchen usw. und ich bin dessen sicher, daß sie die erforderlichen Materialien sehr billig und sehr gerne zu diesem Zwecke abgeben würde. Es müßten einfache, primitive, dennoch nette Baracken-Hotels entstehen. In dieser Herberge müßten zwei Abteilungen voneinander ganz getrennt geschaffen werden: I und II. — Die I., größere, müßte etwa 1000 bis 1200 Personen, die II., kleinere, etwa 100 bis 150 Personen Raum geben können. Die I. für wenig bemittelte, die II. für reichere Einwanderer (Kapitalisten, selbständige Unternehmer). In der Abteilung I (müßten zirka 10 Barackengebäude mit je 10 Räumen für je 10 bis 12 Personen gebaut werden. Die Einrichtung von demselben Holzmaterial an Ort und Stelle gezimmert und an der Holzwand befestigt: zwei Betten übereinander, ein rohgezimmerter, der Zimmerlänge entsprechender Tisch mit zwei Bänken, bei jedem Bett ein Bretterpult zur Aufbewahrung der Utensilien. Im Zentrum der 10 Baracken eine Aufbewahrungsbaracke, wo alle Einwanderer ihre Habseligkeiten gegen Quittung hinterlegen können. Daneben eine Baracke für Verwaltung und Personal. In letzterer eine sogenannte Kantine, wo der Einwanderer zu den. denkbar billigsten Preisen seine Vorräte ergänzen kann. An ganz isolierter Stelle eine Baracke für Bade-, Entlausungs- und Desinfizierungszwecke und Marodenzimmer. In der Abteilung II wären etwa vier Barackengebäude vonnöten mit je 10 Räumen für je 4 Personen. . Die Abteilung müßte mit etwas mehr Komfort ausgestattet sein, mit Speise- und Lesesälen, und das Essen müßte restaurationsmäßig serviert werden. Die in dieser Abteilung erzielten Mehrbeträge müßten zur Aufbesserung der Verpflegung in der Abteilung dienen, wodurch ein gerechter Ausgleich geschaffen wäre. In beiden Abteilungen müßte eine „Beratungsstelle“ eingerichtet werden, die sowohl den Arbeitern als auch den freien Unternehmern in allen Fragen der Niederlassung zur Seite steht. Ich denke mir den Vorgang folgendermaßen: Sobald ein Transport in Sicht ist, wird für die Neuankommenden in Fahrküchen gekocht, das Essen zur Ankunftsstelle geführt und dort verteilt. Jeder Einwanderer hätte sich vop cler Heimat sein Eßgeschirr und -Beeteck mitzubringen, da. dieses in Europa billiger und leichter zu beschaffen wäre, als in Palästina. Nach der Begrüßung und Speisung müßte Jedermann im Interesse der Erhaltung der Gesundheit im Lande vorerst in die Bade-, Entlausungs- und Desinfektionsräume geführt werden, alsdann in die für diese Neuankommenden reservierten Baracken, wo sie einige Tage in Quarantäne verbleiben, und nachdem sie der Baracken- Arzt für infektionsfrei erklärt hat, können sie in die eigentliche Herberge kommen. Diese Maßregel müßte unbedingt und rücksichtslos durchgeführt j werden, zwecks Vorbeugung der Malaria und an-! derer Krankheiten. In der „Herberge“ bewegen sich die Leute frei, ohne jede Bevormundung, wie in jedem Privathotel. Auf die Reinhaltung des Eßzeugs müßte mit Nachdruck gesehen werden, damit die Leute gleich bei ihrer Ankunft an Hygiene gewöhnt werden. In Abteilung ] muß das Prinzip vorherrschend sein: keinen Pfennig für nicht notwendige Dinge, dafür aber den ganzen zur Verfügung stehenden Betrag für die Verpflegung. Ein schmackhaftes (östlicher Geschmack!), gesundes, reichhaltiges Essen in großen Kesseln mit den denkbar kleinsten Unkosten bereitet. Es muß natürlich damit gerechnet werden, daß der Aufenthalt eines Einwanderers in der Herberge 8—14 Tage dauern würde, im Erkrankungsfalle vielleicht noch länger, so müßte der Aufwand an Geld ein denkbar kleiner sein! Natürlich läßt sich heute von hier aus unmöglich die Höhe des erforderlichen Betrages für Kopf und Tag berechnen, aber bei richtiger Kalkulation und fachmännischer Verwendung und Einteilung der Lebensmittel könnte mit sehr kleinen Beträgen Großes .geleistet werden. Ich habe im Österreichischen Heere während des Krieges gelernt, mit einem an sich unzulänglichen Betrag ein vorzügliches Essen zu bereiten. Nur muß man nach dem guten alten Sprichwort handeln: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist der Million nicht wert.“ Dieses Baracken-Hotel für Einwanderer müßte aus vielen sehr wichtigen Gründen von einer zionistischen Stelle aus (Bank, Nationalfond) gebaut werden. Hier möchte ich nur einen Grund anführen : Um sich eine vollständige Kontrolle über das Gebahren im Hause zu bewahren, müßte die zionistische Organisation „Herr im Hause“ sein. — Das Gebäude samt roher Einrichtung dürfte 250—300000 Mark kosten. Mit dem Aufbau dieser Gebäude müßte man bald beginnen. Vor allem könnte man dadurch schon vielen Einwohnern Palästinas Verdienst geben, auch wäre jetzt billig Material und Arbeitskraft zu haben. Der allerwichtigste Grund, das Bauen noch vor Beendigung der •Friedensverhandlungen zu beginnen, ist der: Wir Zionisten sind ja dessen sicher, daß uns Palästina in nicht zu ferner Zeit für eine großzügige Einwanderung freigegeben wird, und daß^ wie wir bereits oben ausführten, ein großer Einwanderungsandrang einsetzen wird. Denn mit Friedensschluß werden allerorts vielfach Erwerbs- und Existenzumschichtungen stattfinden, viele werden vor die Frage gestellt sein: Was beginnen wir? Und die, welche sich für Palästina entschließen, werden nicht zögern, sich sofort in Bewegung zu setzen, schon aus Selbsterhaltungstrieb heraus. — Es wäre nun, um jeder katastrophalen Unordnung und Verwirrung vorzubeugen, Eile mit der Vorbereitung der Unterkünfte notwendig, da der Aufbau ja mindestens IV2 Jahr erfordern dürfte. Ein sehr wichtiger Faktor ist der Leiter (gleichgiltig ob er Pächter oder Angestellter) der Unterkunft. Er müßte möglichst im Osten geboren seinj jüdisch, hebräisch, polnisch, russisch und deutsch sprechen. (Auch etwas englisch, um sich mit der Besatzungsbehörde verständigen zu können.) Er muß rituell verläßlich sein. Aber ebenso selbstverständlich müßte er im Westen, eine zeitlang wenigstens, gelebt und gewirkt haben,, wo er die Kunst des strammen Organisierens gelernt haben müßte. Vor allem aber müßte er das Restaurationswesen und die Küche gründlich kennen, um zweckmäßig kalkulieren zu können. — Auch darf er nicht ganz unvermögend sein, da er den Pachtzins oder die Kaution im Vorhinein erlegen soll.