Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1919)
- Date
- 1919-04-17
- Page
- Seite 491-492 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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491 VOLK und LAND 492 von dem Gedanken der Unmöglichkeit der Großkolonisation noch nicht losmachen, der eine Zeit lang die Geister im Zionismus beherrschte. Sie fürchten auch wohl einen Mangel an großzügigen Kolonisatoren. Sie sollten sich erinnern, welche umfassenden Pläne Herzl in seinem, heute von seinen eigenen Anhängern nicht nach Gebühr gewürdigten „Judenstaat“ und in „Altneuland“, entwickelte. Was machte diese Pläne unmöglich? Vorwiegend der Mangel der politischen Vorbedingungen in der Vergangenheit. Die besonders nach dem Ugandakongreß einsetzende Debatte über Groß- und Kleinkolonisation brachte als Ergebnis die Unmöglichkeit einer landwirtschaftlichen Schnellkolonisation überall in der Welt (nicht nur in Palästina) — von industrieller und Gartenstadtkolonisation sprach damals „nur“ Davis Trietsch. Daß dies Ergebnis auch damals falsch war, sehen wir aus dem von Trietsch in „Jüdische Emigration und Kolonisation“ zitierten Werke von Leopold Groebner „Argentinien einst und jetzt“, in dem von dem Ströderschen System berichtet wird. Hugo Ströder war ein armer deutscher Immigrant, der im Jahre 1880 nach Argentinien karrr; er gründete nach einigen Jahren eine Kolonie und später, durch den Erfolg ermutigt, weitere Kolonien, deren Zahl in 32 Jahren 100 und deren Fläche weit über 1 Mill. Hektar betrug. Dieser Riesenerfolg der Initiative eines Privatmannes beweist, daß Großkolonisation auch auf landwirtschaftlicher Basis möglich ist. Wir können annehmen, daß, was einem Einzelnen gelang, der ohne alle Hilfsmittel war, uns. denen eine große Organisation, gewaltige finanzielle Hilfsmittel und zahlreiche Fachleute zur Verfügung stehen, gewiß gelingen kann. Ströder hatte nur zu einem kleinen Teil deutsche Einwanderer zu seinem Werke zur Verfügung, zum größten Teile die allgemeine argentinische Einwanderung, also kein ausgesuchtes Material. Er stützte sich zum allergrößten Teile auf extensive Getreidewirtschaft, während wir die zahlreichen Möglichkeiten der intensiven Baum- und Gemüsekulturen haben und den Effekt dieser Landwirtschaft auf kleinen Flächen noch wesentlich verstärken können durch Verpflanzung gewisser Industrien aufs Land. Dadurch ist ja auch der Befürchtung vorgebeugt, daß die Befürworter der industriellen Kolonisation etwa der Errichtung von „Schwitzhöllen“ nach amerikanischem Muster das Wort redeten. Betrachten wir ferner, was eine Autorität wie Prof. Ballod, der als Außenstehender die Dinge gewiß vollkommen nüchtern ansieht, in Heft 8/9 von „Volk und Land“ schreibt, so finden wir, daß er nicht nur eine Ausdehnung der jüdischen Volkszahl in Palästina auf 6 Millionen für möglich hält, sondern daß er gleich den eingehenden Plan zu einer Schnellkolonisation auf landwirtschaftlicher Basis gibt. Wir können nicht oft genug darauf hinweisen, daß der Krieg die früher geltenden Anschauungen von der Bewegung, Verteilung, Unterbringung, Verpflegung und Beschäftigung von Menschenmassen völlig umgestaltet hat. Im Kriege sind nicht nur Kopfarbeiter zu brauchbaren Erdarbeitern geworden, sondern auch zahllose andere haben von ihren gewohnten Berufen weit abliegende Tätigkeiten dauernd ausgeübt. Und das unter dem Ausnahmezustand des Krieges, während wir an das große Werk der Berufsumschichtung, Anpassung an das neue Klima, die neuen Verhältnisse, die neue Ernährung usw. im vollen Frieden und unter Mithilfe der Juden der ganzen Welt herangehen, unterstützt von dem tätigen Wohlwollen der englischen Weltmacht. Eine Probe davon sehen wir in der energischen Tätigkeit, welche die englische Militärbehörde in dem kurzen Jahr ihrer Verwaltung in Palästina bereits entfaltet hat, und die eine völlige Umgestaltung aller Verhältnisse anbahnt. Sie ist ] so recht geeignet, uns den Unterschied zwischen großzügiger und klemzügiger Arbeit, zwischen alter und neuer Zeit in unserm Lande drastisch vor Augen zu führen. Eine Einrichtung, deren Verwirklichung einen gewaltigen Schritt vorwärts auf unserm Wege bedeuten würde, wäre das zuerst von Herzl vorj geschlagene Arbeitsheer, das nun auch Ballod, Oettinger, Trietsch und andere — wenn auch in verschiedenen Formen — empfehlen: eine Zusammenfassung aller ungelernten Arbeiter z!U einer militärisch organisierten und geleiteten Gemeinschaft. Der Staat soll für Beköstigung, Bekleidung und Unterbringung sorgen; die Verwendung braucht sich nicht auf Arbeiten des Staates 211 beschränken, sondern Arbeitssoldaten könnten auch allen Privatunternehmern zur Verfügung stehen, die sie unter Staatsaufsicht zu den vom Staate vorgeschriebenen Bedingungen und Löhnen beschäftigen wollen. Die Minimalsten vergessen stets, daß die Großkolonisation nicht nur Geld und wieder Geld erfordert, sondern daß die neue Einwanderung auch in Kürze eine bedeutende Eigenproduktion hervorbringt und einen immer größer werdenden inneren Markt für landwirtschaftliche und industrielle Erzeugnisse darstellt. Die Landwirtschaft Palästinas kann eine Umwälzung erfahren durch Produktion und Verwertung von Baumwolle, Wolle und Seide, Zuckerrohr und Zuckerrüben, durch Neueinführung von Tabak-, Kaffee- und Kakaokultur (die Ballod für möglich hält), durch umfangreichen Futter-, Reis- und Maisanbau, Ausdehnung der künstlichen Düngung, Anpflanzung von Nutzholzbäumen im großen und Produktion von Gerbstoffen, Ausnutzung der Wasserkräfte für Bewässerung und Kraftzentralen und vieles andere. Zahlreiche Arbeitskräfte können auch Verwendung finden durch Vorbereitung von Heimstätten für später Einwandernde. Jetzt ist auch die Zeit gekommen, um den Gedanken der Ablenkung eines Teiles der jüdischen Auswanderung in die Nebenländer Palästinas, der vor 25 Jahren zuerst auf tauchte und von Davis Trietsch lebhaft propagiert wurde, zur Ausführung zu bringen. Cypern und Syrien (dort besonders die Großstädte Beyruth, Damaskus und Aleppo), Aegypten (vorzugsweise Port Said, Alexandrien und Cairo) und das El-Arischgebiet bieten Platz für große Mengen von Einwanderern, die auch dort der Sache unserer neuen Kolonisation durch Belebung der Aus- und Einfuhr erhebliche Dienste leisten können, und die da gewiß besser aufgehoben sind, als in ihren jetzigen Wohnländern. Ein großer Aufschwung des ganzen vorderen Orients steht ohnehin bevor; die Juden haben bei einer Anteilnahme an der beschleunigten Erschließung der genannten