Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1919)
- Date
- 1919-04-17
- Page
- Seite 489-490 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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489 VOLK UND LAND 490 Kreise heute in allererster Linie das Kriterium der Frage „was leisten diese Leute für Palästina“ anwenden werden, und daß ihnen die positive Leistung auf diesem Gebiete wertvoller erscheinen wird als das theoretische Bekenntnis einer- Zuehörigkeit zum jüdischen Volke, das recht prolematisch bleibt, solange es nichts ist, als eine gesprochene Formel. Es ist selbstverständlich, daß der deutsche Zionismus nie aufhören wird, vom deutschen "Judentum zu verlangen, daß es sich zum jüdischen Volke bekenne. Aber es scheint mir ebenso sicher, daß das deutsche Judentum, j so wie es heute ist, dieses Bekenntnis nicht eher aussprechen wird, als bis auf allen Seiten ganz; klar erkannt sein wird, daß dieses Bekenntnis j seinem Inhalte nach etwas gänzlich anderes ist, { als .etwa eine Option zugunsten einer jüdischen , Staatsgemeinschaft, und solange nicht in das Bewußtsein aller die Erkenntnis übergegangen ist, j daß der Begriff des jüdischen Volkes in keiner 1 Weise sich deckt mit irgendeinem anderen Volksbegriff. Solange ,es nicht möglich sein wird, diesen Wesensunterschied auf eine klare und einwandfreie Formel zu bringen, und das Wesen der Volksj Zugehörigkeit in einem einfachen Satze so zu erläutern, wie es mir durch das Beispiel der Gräcoj Amerikaner erklärt zu sein scheint, so lange wird! eine prinzipielle Einigung zwischen zionistischen j und nichtzionistischen Anschauungen kaum zu erj zielen sein. | Es liegt auf der Hand, daß diese Klärung | der Begriffe noch längere Zeit in Anspruch nehmen j wird; darauf kann aber die Palästinaarbeit nicht j warten.' Und wenn es der nichtzionistischen Juden-! heit Deutschlands ernst damit ist, die Palästinai Siedlung mit allen Kräften zu unterstützen, was j nicht zuletzt von Ihnen selbst, sehr geehrter Herr Justizrat, ausgesprochen worden ist, so wird auch | sic nicht warten wollen, bis theoretische Auseinandersetzungen uns viel der so kostbaren Zeit geraubt haben. Wir Zionisten erwarten daher von der Führerschaft der deutschen Juden, daß sie in allernächster Zeit mit einem großzügigen Palästinaprogramm vor die Oeffentlichkeit tritt, und daß Sie den Beweis erbringt, daß die deutschen Juden gewillt sind, dieser Aufforderung zur Erfüllung der Palästinapflichten in demselben Maße nachzukommen, wie sie bisher der Kampfparole gegen den Zionismus nachgekommen sind. Wenn sich das deutsche Judentum nicht schnell und energisch zu solcher Palästinaarbeit auf rafft, gleichgültig, in welcher Weise es die Verpflichtung dazu theoretisch' begründen will, so liegt die Gefahr außerordentlich nahe, daß die deutschen Zionisten, deren Arbeitskraft und Arbeitswillen noch nie so stark gewesen ist, wie gerade jetzt, all ihre Energie ausschließlich ihren eigenen nationalen Zielen widmen und sich gegenüber dem übrigen deutschen Judentum als vollkommen nichtinteressiert erklären. Ich darf ohne weiteres annehmen, daß Sie darin eine ernste Schädigung der jüdischen Interessen erblicken werden und erwarte wohl nicht zu unrecht, daß Sie alles, was in Ihren Kräften steht, tun werden, um es zu vermeiden, daß die Passivität des deutschen Judentums gegenüber der der Palästinaforderung die Gegensätze zwischen Zionisten und Nichtzionisten auf die Spitze treibt. Indem ich hoffe, daß Sie es diesen Blättern nicht versagen werden, Ihre Antwort auf Riesen Brief in ihren Spalten veröffentlichen zu dürfen, begrüße ich Sie, sehr geehrter Herr Justizrat, mit dem Ausdruck vollkommenster Hochachtung als Ihr sehr ergebener C. Z. Klötzel. DAS MAXIMALISTISCHE UND DAS MINIMALISTISCHE KOLONISATIONSPROGRAMM Von Ernst Herrmann. Die seit dem Delegiertentage viel diskutierte Frage der Ausdehnung der künftigen Kolonisation scheint einer Klärung entgegen zu gehen. Rechtsanwalt Rosenbaum aus Minsk hatte in der Debatte gesagt, daß eine Auswanderung großen Stils nach Palästina infolge der ungeheuren Not der jüdischen Massen in Rußland sogleich nach Oeffnung der Grenzen einsetzen würde, ganz gleichgültig, für welches Kolonisationsprogramm man sich entschiede. Am 17. März gab der zur Tagung der jüdischen Nationalräte reisende Delegierte Goldstein aus Kiew in einer großen öffentlichen Versammlung in Berlin einen Bericht, durch den die verzweifelte Lage der Juden in der Ukraine mit erschreckender Deutlichkeit erkennbar wurde. Er schilderte, wie dort durch die Pogrom welle in Verbindung mit der fortschreitenden Beschlagnahme aller Waren durch die Bolschewiki die Dinge einer Katastrophe zutreiben. Millionen von Juden seien in Gefahr, zu Bettlern zu werden. Es ist zu hoffen, daß die Minimalisten nicht weiter eine Vogelstraußpolitik treiben und etwa den permanenten Pogrom und die Gefahren des Bolschewismus als vorübergehende Erscheinungen ansehen, sondern daß sie sich jetzt durch die Tatsachen eines Besseren belehren lassen werden. Wenn sie diese Tatsachen mit der schon mehrfach, u. 'a. in Nr. 18 der ,-Jüdischen Rundschau“ gebrachten Nachricht von der beantragten Schließung der amerikanischen Grenzen gegen jüdische Einwanderer zusammen halten, so kann ihre Entscheidung wohl nicht zweifelhaft sein. Trotzdem wollen wir versuchen, den Gründen nachzugehen, aus denen der Kleinmut der Minimalisten und ihre Furcht vor Großzügigkeit stammt. In erster Reihe haben sie noch nicht begriffen, daß die Zeit der kleinen. Mittel schon deshalb definitiv der Vergangenheit angehört, weil der Machthaber der Vergangenheit, die türkische Regierung, endgültig beseitigt ist. Was früher unmöglich war, ist jetzt möglich. Die Großmächte haben in Paris das Baseler Programm anerkannt, das jüdische Volk ist wieder ein politischer Faktor geworden und nimmt seine Geschicke selbst in die Hand. Weizmann forderte Bedingungen, die eine Einwanderung von zunächst 60—70 000 Juden jährlich ermöglichen. Das ist immerhin das 3l/2fache der auf dem Berliner Delegiertentage errechneten 20 000, die die Minimalisten, wie sie sagen, schon für „viel“ halten. Sie können sich