Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1919)
- Date
- 1919-04-17
- Page
- Seite 487-488 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649290--0319-2649664- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
487 VOLK UND LAND 488 dieses Ergebnisses im deutschen Judentum überaus beschämend war. Während man auf der einen Seite anscheinend wieder zu der alten Taktik des Totschweigens zu greifen scheint (eine Taktik, die nie törichter und nie unehrlicher gewesen ist als gerade heute), haben wir auf der anderen Seite nur Aeußerungen vernommen, die sich nach Kräften bemühten, den Sieg des jüdischen Volksgedankens zu verkleinern. Sie werden es begreifen, wenn dieses Verhalten der nichtzionistischen Kreise gerade jetzt eine besondere Erbitterung bei den Zionisten hervorrufen muß, und Sie werden es verstehen, wenn ich die augenblickliche Zeit als überaus kritisch bezeichne und glaube, daß von der anderen Seite rasch gehandelt werden muß, um das deutsche Judentum vor einer erbitterten Bruderfehde zu bewahren. Nehmen Sie es als einen Beweis besonderen Vertrauens, sehr geehrter Herr justizrat, wenn ich an Sie öffentlich die Aufforderung richte, das Signal dazu zu geben, daß das nichtzionistische deutsche Judentum sich mit der Tatsache des werdenden jüdischen Palästinas in einer Weise abfindet, die seiner und der jüdischen Sache würdig ist. Wir haben uns jetzt im deutschen Judentum lange genug über den Begriff der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke gestritten. Ich glaube, daß eine Formel gefunden werden kann, unter der auch Sie dieses Bekenntnis ablegen würden und möchte mir gestatten, diese Formel an einem tatsächlichen Beispiel zu erläutern. — Das heutige moderne Griechenland spielt im Leben seiner ausgewanderten Söhne eine Rolle, von der wir alle wünschen können, daß das jüdische Palästina sie im Dasein des ganzen Diaspora-Judentums ebenfalls spielen möchte. Es leben in Amerika zahlreiche Griechen, deren Eltern zum Teil schon dorthin ausgewandert sind, die sich dem amerikanischen Milieu vollkommen angepaßt haben und sich durchaus als Amerikaner empfinden. Trotzdem haben diese Leute ihre Zugehörigkeit zum griechischen Volke niemals aufgegeben' oder vergessen, und das heutige Athen ist ein lebendiger Beweis für die Liebe und Aufopferungsfähigkeit, welche diese Gräco-Amerikaner dem Volk ihrer Väter, das sie zum. größten Teil niemals gesehen haben, entgegenbringen. Athen , heißt im griechischen Sprichwort „die geschenkte Stadt“, weil fast alles, was an öffentlichen Gebäuden und gemeinnützigen Einrichtungen dort vorhanden ist, von ausgewanderten Griechen gespendet worden ist. Ich glaube, die Diskussion über den Inhalt des Bekenntnisses zum jüdischen Volke würde sich wesentlich vereinfachen und vielleicht gar erübrigen, wenn die Nichtzionisten beweisen würden, daß in ihren „Herzen das jüdische Palästina einen ähnlichen Platz einnimmt, wie Griechenland in dem der griechischen Amerikaner, und wenn sie versuchten, das Athener Sprichwort ins Hebräische zu übertragen und auf Jeruscholajim praktisch in Anwendung zu bringen. Ich glaube, daß alle Streitfragen im gleichen Augenblick von ihrer Schärfe verlieren würden, in dem es möglich sein wird, eine Arbeitsgemeinschaft zwischen Zionisten und Nichtzionisten in bezug auf Palästina herzustellen, und ich bin fest davon überzeugt, daß diese Arbeitsgemeinschaft früher oder später zur Gesinnungsgemeinschaft führen muß. Die Abwehr gegen den Zionismus, so wie sie besonders heftig geworden ist seit der Zeit, in der die Zionistische Vereinigung für Deutschland den jüdischen Kongreß propagiert, schießt nach meiner Ansicht in der Art, wie sie zum Ausdruck i kommt, weit über das Ziel des von ihr eigentlich Gewollten hinaus. Ich bin fest davon überzeugt, | daß es heute nur sehr wenige Juden in Deutschj land gibt, welche von Palästinaarbeit überhaupt nichts wissen wollen, und daß die große Mehrzahl der deutschen Juden im innersten Herzen eine Verpflichtung Palästina gegenüber empfindet. Was I sie davon zurückhält, diese Pflicht öffentlich zu i bekennen und ihr nachzukommen, scheint mir | einzig und allein die Furcht zu sein, daß sie mit! dieser praktischen Anteilnahme an der Verwirkj lichung des jüdischen Volksgedankens sich auch prinzipiell festlege auf eine Zugehörigkeit zum jüdischen Volke, die ihr aus politischen # Gründen unerwünscht erscheint. Die Führer des deutschen Judentums sollten im gegenwärtigen Moment einsehen, daß eine Zurückstellung der Palästinapflichten auf Grund vor-! urteilsvoller Bedenken heute auf keinen Fall mehr stattfinden darf. Abgesehen davon, daß uns un-! bedingt die Pflicht der jüdischen Allgemeinheit j gegenüber höher stehen muß als jede Rücksicht- | nähme auf die eigenen politischen Verhältnisse,! kann es zu einem verhängnisvollen politischen * Fehler werden, wenn das deutsche Judentum sich J freiwillig ausschließt .von der Mitarbeit an der Wiedererrichtung Palästinas. Denn ob sich nun in Palästina der jüdische Volksgedanke so durchsetzen wird, wie es von den Zionisten erstrebt wird, oder ob dieses Programm nur teilweise und in veränderter Form zur Ausführung gelangt, so kann es doch keinem Zweifel unterliegen, daß das jüdische Palästina in den Augen der ganzen Welt als die repräsentativ? Körperschaft der gesamten -Judenheit in jeder Beziehung gelten wird. Es wird also das Judentum der ganzen Welt beurteilt werden nach Maßgabe der jüdischen Leistung, wie. sie in Palästina offenbar wird, und daraus ergibt sich für die Judenheit der ganzen Welt und mit ihr auch für die deutschen Juden schon aus politischer Klugheit die Notwendigkeit, mit allen Mitteln zu helfen, daß diese jüdische Leistung in Palästina so imponierend und überzeugend wie; irgend möglich ausfällt. Aber nicht allein aus diesem Grunde muß das deutsche Judentum sofort damit beginnen, prak- | tische Palästinaarbeit zu leisten, sondern auch desj halb, weil der innere Friede in seinen eigenen i Reihen nur damit zu erhalten oder besser wieder-! herzustellen ist. Denn es liegt auf der Hand, daß die deutschen Zionisten (und selbstverständlich auch die Zionisten in den anderen Ländern) jedes Interesse verlieren müssen an dem Zusammenleben und an der gemeinsamen Arbeit mit jüdischen Kreisen, die sich derjenigen Aufgabe ent- I ziehen, die nun einmal die allererste und allervornehmste Pflicht des Judentum in der gegenwärtigen Zeit sein muß. Nachdem der deutsche Zionismus in jahrzehntelangem schwerem Kampf | um seine Ideale gerungen hat, ohne daß ihm aus den Reihen der deutschen Juden etwas anderes zuteil geworden wäre als Hohn und Feindseligkeiten, wird man es begreifen, daß er heute nicht gewillt ist, seine Kraft an deutsch-jüdische Aufgaben zu verwenden, ohne die Gewähr dafür zu naben, daß das deutsche Judentum sich fernerhin der Palästinaarbeit nicht entziehen wird. Andererseits darf gesagt werden, daß die Kluft zwischen Zionisten und Nichtzionisten in Deutschland mit einem Schlage viel geringer werden wird, wenn die deutschen Juden, sich zur praktischen Palästinaarbeit aufraffen würden. Denn es liegt j in der Natur der neuen Entwicklung, daß die 1 Zionisten in der Beurteilung nichtzionistischer