Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1919)
- Date
- 1919-04-17
- Page
- Seite 485-486 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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485 VOLK und LAND 486 und es hieße in die politische Einsicht der Entente gar zu geringes Vertrauen setzen, wenn man annehmen wollte, daß sie an die zionistische Organisation und an das jüdische Palästina Forderungen Stellen Würde, die unter keinen Umständen erfüllt werden können. Es ist von zionistischer Seite immer und immer wieder gesagt worden, daß das jüdische Palästina das Zentrum des jüdischen Lebens der ganzen Welt darstellen soll; in diesem Begriffen ist zweifelsfrei enthalten, daß das jüdische Palästina niemals wird darauf verzichten können, das gesamte Diaspora-Judentum als zu ihm gehörig zu betrachten und in ständiger innigster Verbindung mit ihm zu bleiben. Einigermaßen in Widerspruch mit den von Ihnen genannten Bedenken gegen die Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes scheint es mir zu stehen, wenn Sie letzthin der Errichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina und der nationalen Autonomie für die Juden des Ostens zugestimmt haben. Denn ob das ganze jüdische Volk in Palästina lebt, oder nur ein beträchtlicher Teil desselben in irgendeiner politisch organisierten Form, so bleiben in jedem Falle für dieses Palästina- Gemeinwesen die von Ihnen angeführten Gründe geltend, und Sie müßten konsequenterweise gegen eine nationaljüdische Heimstätte sein, die den „Gefahren eines Konfliktes mit Arabern und Franzosen“ ausgesetzt ist. Und wenn wirklich die Würde des jüdischen Gedankens es nicht verträgt, daß aus dem Judentum ein „Wald- und Wiesenvolk“ gemacht wird, warum sollte es sich besser mit ihr vereinbaren lassen, das Judentum aufzulösen in eine Reihe von jüdischen Volksminoritäten, die inmitten der einzelnen Länder jüdischer Massensiedlung lauter kleinere und größere jüdische Volksgemeinschaften bilden? Wenn man schon den jüdisch-nationalen Gedanken als dem religiösen widerstrebend verwirft, dann muß man konsequenterweise wohl auch zu dem Schluß kommen, daß die polnischen und russischen Juden sich ihrer nationalen Qualitäten igid Forderungen zu begeben haben, um den jüdischen Religionsgedanken unverletzt vertreten zu können. Mit großem Bedauern werden sicher ich nicht nur die Zionisten, sondern auch eine große Anzahl von Leuten aus Ihrem eigenen Lager gelesen haben, daß Sie für die französischen und englischen Juden nicht viel anders empfinden als wie für die französischen und englischen Christen, und daß Sie erst „die Zeit, wo Völkerbund und Völkerfrieden; die nationalen Feindseligkeiten hoffentlich überwinden werden“, erwarten wollen, um den geistigen Konnex mit unseren Brüdern in den Ententestaaten wieder herzustellen. Auch das scheint mir j in unvereinbarem Widerspruch zu stehen mit Ihrer > Auffassung vom Judentum als religiöser Gemeinschaft. Während des ganzen Krieges haben sich beispielsweise die Katholiken Deuts'chlands und Frankreichs als Feinde gegenüber gestanden und gerade gewisse katholische Kreise sind es gewesen (ich erinnere nur an die Haltung der „Kölnischen Volkszeitung“), welche den deutschen Chauvinismus besonders geschürt haben. Trotzdem ist niemals davon die Rede gewesen, daß der geistige Konnex zwischen dem deutschen und dem französischen Katholizismus aufgehoben gewesen wäre, und daß der gemeinsame geistige | Kampf für den Katholizismus gegenüber der übrij gen nichtkatholischen Welt abgeschwächt worden | wäre. Ich möchte annehmen, daß es eine Selbsttäuschung ist, wenn Sie glauben, geehrter Herr Justizrat, für die französischen und englischen Juden „nicht viel anders“ zu empfinden als für französische und englische Christen. Daß Sic überhaupt anders für sie empfinden, scheint mir das Entscheidende zu sein. Daß es „nicht viel anders“ ist, würde beweisen, daß Ihr religiöses Gemeinschaftsbewußtsein in diesem Falle nicht sehr groß ist. Ich glaube aber behaupten zu dürfen, daß es der Mehrzahl der deutschen Juden anders geht, und daß sie es aufs innigste bedauert hat, durch rein äußere Momente gezwungen zu sein, die Verbindung mit dem Entente- Judentum aufgeben zu müssen. Ich kann mir denken, daß der größte Teil der deutschen. Juden heute mit einem gewissen Neid auf die deutschen Zionisten blickt, denen es durch die interterritoriale Organisation gelungen ist, die Einheit des Judentums während des Krieges in ähnlicher Weise zu wahren, wie es für den Katholizismus durch die Existenz des Vatikans geschehen ist. Lassen Sie mich hinweggehen über Ihre Ausführungen, welche die propagandistische Tätigkeit der deutschen Zionisten betreffen. Es sei hier nur ein Wort gestattet: Sie richten heftige Vorwürfe gegen den sogenannten zionistischen „Radikalismus“ und insbesondere gegen die Auffassung, welche Erich Cohn in der „Jüdischen Rundschau“ geäußert hat. Ohne irgendwie prinzipiell auf diese Aeußerungen einzugehen, darf doch wohl das eine gesagt werden, daß es nicht Sache der zionistischen Organisation sein kann, derartige Aeußerungen zu unterdrücken. Gerade weil ich die Auffassung des Herr Cohn in keiner Weise teile, glaube ich sagen zu dürfen, daß es jedem Zionisten von der Partei selbstverständlich unbenommen bleiben muß, sein Verhältnis zur deutschen Politik so zu ordnen, wie es ihm richtig erscheint. Davon, daß. sich etwa die zionistische Leitung mit der Anschauung des Herrn Cohn identifiziert, kann und darf selbstverständlich nicht die Rede sein, die Proteste aus den Kreisen der deutschen Zionisten würden sich genau so einstellen wie Ihr eigener. Indem ich nun zum dritten Teil Ihrer Ausführungen gelange, bekenne ich, daß dieser mir als der wichtigste und in jeder Beziehung diskutabelste der ganzen Erörterung erscheint. Wir haben bisher um Worte und um Begriffe gekämpft. Wir haben versucht, auf diesem Wege eine restlose Klärung der Lage herbeizuführen, ohne daß es uns gelungen wäre. Die Geschehnisse der letzten Woche geben uns die Möglichkeit zu einem anderen Wege: zu dem Versuch, auf' Grund gemeinsamer, tätiger Arbeit zur Uebereinstimmung der Anschauungen und Gesinnungen zu gelangen. Wenn dieser Versuch bisher nicht unternommen worden ist, so lag es wohl ausschließlich daran, daß die objektiven Voraussetzungen für den Beginn derjenigen Arbeit nicht vorhanden waren, von der auch Sie nicht leugnen werden, daß sie im Judentum der gesamten Welt und so auch in den Herzen der deutschen Juden bewußt oder unbewußt eine hervorragende Stellung einnimmt: die Palästinaarbeit! Wir deutschen Zionisten haben in den letzten Tagen neben einer außerordentlichen Freude eine fast ebenso große Enttäuschung erlebt. Wir haben erlebt, daß der zionistische Gedanke die Anerkennung der politischen Welt Europas gefunden hat, und daß der Anspruch des jüdischen Volkes auf die nationale Heimstätte in Palästina von der Friedenskonferenz anerkannt worden ist. Man kann über den praktischen Wert dieses Resultates streiten, aber auch Sie, geehrter Herr Justizrat, werden zugeben, daß damit ein prinzipieller Erfolg ohne gleichen erzielt worden ist, und daß das Judentum dadurch den Völkern gegenüber eine ganz neue Stellung einnimmt. Wir deutschen Zionisten haben dann erleben müssen» daß das Echo