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Volk und Land · 1919-04-17 · Heft 16 (17.4.1919) · p. Seite 483-484

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 16 (17.4.1919)
Date
1919-04-17
Page
Seite 483-484 (sequence 4)
Language
German
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483 VOLK UND LAND 484 kehren. Der Orient, ein Teil der Menschheit, ist j keinesfalls ein Objekt der Politik, keinesfalls eine Nutzpflanzung für weiße „Herrenvölker“. Der jude, fast zwei Jahrtausende das Objekt des Hasses,; wird der Menschheit dienen, indem er darlegt: daß geachtet werden soll, wer arbeitet; daß die Hautfarbe keine Vorrechte bedingt; daß niemand das Recht hat, Menschen, seine Brüder zu versklaven; daß die Erde geräumig ist, und daß die Lehre, die dereinst von Zion und Jerusalem an alle Völker ausgehen soll, der Geist brüderlicher, hilfsbereiter, herzensmilder Gesinnung und Lebensgestaltung ist; daß aber alles Böse mit der Trägheit des Herzens anfängt, mit verachtendem Ge* danken weitergeht und mit Gewalttat endet.“ Das bedeutet doch wahrlich etwas anderes, als das wiedererstehende jüdische Volk in Palästina in seinen nationalen Zielen auf die gleiche Stufe zu stellen mit den Machtgelüsten europäischer Staaten, das heißt doch wohl in Wahrheit, dem jüdischen Volk ein Ziel weisen, das der Würde des jüdischen Gedankens — auch des religiösen — in einer Weise gerecht wird, mit der auch Sie, geehrter Herr Justizrat, zufrieden sein dürften. Es ist nicht einzusehen, warum es der jüdische Gedanke erfordern soll, daß die jüdische Gemeinschaft auf das in alle Ewigkeit verzichtet, was uns als die notwendige und unerläßliche Voraussetzung dafür erscheint, daß nicht allein der jüdische Gedanke' seine Aufgabe in der Welt weiter erfüllen könne, sondern daß auch die jüdischen Menschen, die doch nun einmal die Träger des jüdischen Gedankens sind, diejenige Form der Gemeinschaft finden, die uns allein den Weiterbestand des Judentums zu verbürgen scheint: die des Volkes! Wenn Sie fragen, warum das Judentum nach dieser Volksgemeinschaft strebt, während Christentum und Mohammedanismus sich über alle nationalen Grenzen hinweg ihr geistiges Reich geschaffen haben, scheint mir die Ursache hierfür viel zu nahe zu liegen, als daß ich glauben könnte, daß Sie sie wirklich übersehen haben. Die jüdische Religion ist zu allen Zeiten eine Volksreligion gewesen, und bis auf den heutigen Tag lehnt sie den Gebrauch desjenigen Mittels ab, dessen sich die übrigen Religionen in weitgehendstem Maße bedienen und dem allein sie ihre Ausbreitung und ihre Macht zu verdanken haben, nämlich das Werbemittel der Bekehrung. Während die Jünger Christus und Mohammeds die Fahne ihres Glaubens über ganze Weltteile trugen und es ein wesentliches Moment ihrer religiösen Ueberzeugung ist, daß es ihre Aufgabe sei, aller Welt „das Heil“ zu bringen, und, wenn nötig, es 'ihr mit Gewalt aufzuzwingen, hat der jüdische Glaube als seine Bekenner stets nur diejenigen reklamiert, die von .einer jüdischen Mutter stammten. Sollte das Judentum die von Ihnen angewendete Parallele zwischen ihm und den beiden anderen monotheistischen Religionen wirklich aufnehmen, so müßte es sich gleich diesen zum Gedanken der Proselytenmacherei bekennen, zu einem Gedanken, der i Ihnen sicher genau so fremd und unannehmbar j scheinen wird, wie uns. Ist es aber Tatsache,! daß sich die jüdische Religion nur an diejenigen j wendet, welche die Nachkommen des ehemaligen jüdischen Volkes sind, so ist nicht zu verstehen, warum es eine Herabwürdigung des jüdischen Religionsgedankens bedeuten sollte, wenn die jüdische i Gemeinschaft heute wieder zu der ursprünglichen Form ihres Bestehens zurückkehrt. Aber Sie wollen die Wiedererrichtung des jüdischen Volkes auch aus einem anderen Grunde nicht. Sie wollen nicht, daß die Juden in den Streit der Völker hinekigezogen werden, und daß der Zusammenhang der Juden der Diaspora zerrissen wird, was unausbleiblich sei, wenn die Juden in Palästina einen eigenen Staat gründen, oder, da das zurzeit eine Utopie sei, eine Nation unter englischer Sachwalterscliaft wird. Man möge an die Konflikte mit Arabern, Franzosen und dergl. denken! Wie soll ich dieses Argument verstehen, nachdem fast fünf Jahre lang die Juden aller Länder in den gewaltigsten Streit der Völker in einer Weise verwickelt gewesen sind, die der jüdischen Gemeinschaft weit mehr Opfer an Gut und Blut gekostet hat, als irgendein anderes am Krieg be teiligtes Volk sie bringen mußte. Wie soll ich die Befürchtung eines möglichen Konfliktes mit ( Arabern und Franzosen bewerten gegenüber den | Millionen zerstörter Judenheimstätten im Osten und i gegenüber der nach Hunderten zählenden, sich; ständig mehr enden Zahl der Pogromopfer? Sind etwa die Juden in der Diaspora verschont geblieben vom Streit der Völker, oder will es nicht auch Ihnen, geehrter Herr Justizrat, scheinen, als wenn die Geschichtee der europäischen Völker keine Katastrophe politischer oder wirtschaftlicher Art aufzuweisen hat, die nicht in erster und in furchtbarster Weise das Judentum betroffen hätte? Kon-! flikte mit anderen Völkern liegen für das jüdische Palästina selbstverständlich nicht außer dem Bereich aller Möglichkeiten, wenn Sie auch nicht so; nahe zu liegen scheinen, wie Sie es annehmen, | besonders nachdem auf der Friedenskonferenz eine! Einmütigkeit der hauptsächlichsten maßgebenden , politischen Faktoren über die nationaljüdisehe Heimstätte in Palästina erzielt worden ist. Aber selbst wenn es einmal der Fall sein sollte, daß das jüdische Volk in Palästina sich seiner Haut zu wehren hätte, so wird ihm diese Notwendig- ) keit immer noch lieber sein, als der furchtbare Zwang, der beispielsweise unsere Brüder im Osten verurteilt hat, ihr Leben für eine Sache in die Schanze zu schlagen, die nicht nur nicht die ihre gewesen ist, sondern die ihrer furchtbarsten Feinde. Wir trauen dem jüdischen Volke soviel politische Klugheit und natürliche Widerstandsfähigkeit zu, | als nötig ist, einerseits Konflikte nach Möglich- I keit zu vermeiden, andererseits sie auszutragen,! wenn sie sich trotz allem nicht vermeiden lassen. Warum aber sollte der Zusammenhang zwischen den palästinensischen Juden und den Juden der Diaspora zerrissen werden? Ich sehe hierfür nicht den mindesten Grund ein und Sie haben sich damit begnügt, diese Behauptung auf-! zustellen, ohne den Versuch eines Beweises zu | unternehmen. Selbst wenn man annehmen wollte,! daß beispielsweise der bestehende politische Gegensatz zwischen der Entente und den Mittelmächten zu dem Verlangen führen könnte, das jüdische Palästina solle keinerlei Verbindung mit den Juden der Mittelmächte unterhalten, so bedarf es für mich keines Zweifels, daß das nationale Judentum dieses Ansinnen mit aller Entschiedenheit ablehnen wird. Der Verlauf der Londoner Konferenz dürfte auch Ihnen bewiesen haben, daß die Einheit der zionistischen Organisation unversehrt geblieben ist, und auch Sie dürften nicht übersehen haben, daß es eine wohlbeabsichtigte Demonstration war, wenn die Konferenz ihr Bedauern darüber aussprach, daß verschiedene Landsmannschaften infolge der polischen Verhältnisse auf ihr nicht vertreten sein konnten, und wenn sie den deutschen Mitgliedern des Engeren Aktionskomitees und dem Führer der, Zionistischen Vereinigung für Deutschland ihren herzlichsten Dank und ihre besten Grüße übermittelte. Es ist ja auch ganz selbstverständlich, daß der Zionismus für die Einheit des ganzen jüdischen Volkes unter allen Umständen eintritt,

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