Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1919)
- Date
- 1919-04-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JL M I 'U I £k, 1^1 VOLK umd LArlD JUEDISCrtiWÖCilNSCHRIFT FUER POLITIK. WIRTSCH^^UND PALAESTINAARBEIT HERAUSGEGEBEN V^N DAVIS TRIETSCH 17. APRIL 1919 HEFT 16 I. JAHRGANG OFFENER BRIEF AN HERRN GEH. JUSTIZRAT DR. EUGEN FUCHS Hochgeehrter Herr Justizrat! An zwei Stellen — im Organ des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und in den Neuen jüdischen Monatsheften — veröffentlichen Sie einen Artikel unter der Ueberschrift: „Was nun?“, in dem man wohl nicht zu Unrecht ein Programm der von Ihnen vertretenen Kreise für die Neuorientierung des deutschen Judentums nach innen wie nach außen erblicken darf. Indem ich mir Vorbehalte* späterhin auch zu Ihren Ausführungen über die jüdische Einheitsfront nach außen Stellung zu nehmen, möchte ich mir heute gestatten, auf denjenigen Teil Ihres Artikels einzugehen, der sich' mit der „innerjüdischen Front“ befaßt. Ihren dort wiedergegebenen Gedankengängen schrittweise folgend, möchte ich versuchen, vom Standpunkt eines Zionisten, den Sie seiner Anschauung nach sicher unter die „Radikalen“ zu rechnen geneigt sein werden, zu untersuchen, inwieweit es möglich sein wird, praktische Zusammenarbeit zwischen Zionisten und Nichtzionisten in Deutschland in einer Form zu ermöglichen, die keiner der beiden Parteien ein Opfer des Intellekts oder der Ueberzeugung zumutet. Lassen Sie mich hinweggehen über alle die Dinge, die als unausbleibliche Folgen eines politischen Parteihaders hüben und drüben Aerger erregen müssen, ohne den Kern der Sache irgendwie zu berühren. Es wäre erfreulich, wenn man sich auf beiden Seiten dazu verstehen könnte, zu erklären, daß jeder sein gerüttelt Maß von törichten und übertriebenen Vorwürfen dem Gegner gegenüber erhoben hat, daß man nunmehr gewillt sei, einen dicken Strich unter die gegenseitige Rechnung zu machen, und sie als beglichen zu betrachten. Nach dem von Ihrer Seite erklärt worden ist, daß es keinem einfallen könne, die jüdischnationalen Kreise des Mangels an Pflichtgefi^il dem deutschen Staate und der deutschen Heimat gegenüber zeihen zu können, sollte es jeder Zionist sieh zur Ehrenpflicht machen, nun auch seinerseits dafür zu sorgen,/ daß der Vorwurf, ein Nichtzionist könne kein guter Jude sein, für immer aus dem Arsenal parteipolitischer Dialektik verschwindet. Eine Verständigung, eine Diskussion über die zwischen uns bestehenden Differenzen können ja auch nur dann fruchtbar sein, wenn jeder den anderen als ebenbürtigen Gegner anerkennt, und mau wird der jüdischen Sache, für die beide Seiten nach bester Erkenntnis kämpfen wollen, nur dann gerecht, wenn man jedes Moment das von außenher Einfluß zu gewinnen versucht, un-; bedingt ablehnt. | Daß dies von Ihrer Seite neuerdings mit allem | Ernst versucht wird, beweist mir das neue Argument, daß Sie gegen den Zionismus in» Feld führen. Sie wünschen nicht, daß „aus dem Judentum ein Wald- und Wiesenvolk, ein nach völkischer Macht strebendes, chauvinistisches, imperialistisches, von Volksleidenschaften getriebenes Volk“ gemacht wird, daß „das Volk der Religion, das Volk der Lehre auf das Niveau eines weltlichen Volkes herabgedrückt wird, das an Raum und Zeit gebunden; ist, und so wie alle Völker wie Spreu vor dem Winde verweht“. Sie glauben, daß wir die Einheit des Judentums zerreißen, wenn wir es in die Völker einreihen, die heute um die Macht kämpfen. Sie fragen, warum die Zionisten das Judentum auf ein Volksniv^au herabdrücken wollen, während doch Christentum und Mohammedanismus ein über den nationalen Rahmen hinausgehendes geistiges Band darstellen. Gestatten Sie mir, darauf zu erwidern, daß; zunächst einmal kein Zionist beabsichtigt, das \ Judentum zu einem „Wald- und Wiesenvoik“ zu j gestalten und daß vor allen Dingen dem jüdischen Nationalismus nichts ferner liegt als jener Chauvinismus und Imperialismus, die ganz Europa in i den Weltkrieg getrieben haben. Gestatten Sie hier zu wiederholen, was Arnold Zweig über die Arides jüdischen Nationalismus gesagt hat, und was zweifellos cler weitaus größten Zahl aller Zionisten der Welt aus dem1 Herzen gesprochen ist: ,,Das ist das Urjüdische an der Grundlage des neuen _ Gemeinwesens: Die Juden werden keinen bor- * Hielten Nationalismus mit in den Orient bringen ...! und somit kann der Jude, den so enge* zähe und j zahlreiche Fäden mit den Ländern des zentralen und des östlichen Europas und mit Amerika verbinden, und der zu gleicher Zeit nach England loyale und politische Beziehungen hat, daran arbeiten, den großen Riß zu schließen, den die Urheber des Krieges in die so eng verflochtene Welt gebracht haben, und den der Pariser Frieden kaum heilen zu können imstande sein dürfte. Dies aber ist eine religiöse Aufgabe, ein Amt der reineii Gesinnung und reiner Hände. Die Menschheit, aufgebaut aus Völkern, wird solange ein dissonierendes Getöse sein, als Haß und Verachtung blind von Volk zu Volk Stacheln und Widerhaken