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Volk und Land · 1919-04-03 · Heft 14-15 (3.4.1919) · p. Seite 475-476

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 14-15 (3.4.1919)
Date
1919-04-03
Page
Seite 475-476 (sequence 32)
Language
German
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475 VOLK UND LAND 476 sonders in Mazedonien und Klein asien, ein ungewöhnlich gastfreies Asyl. Salonik und Smyrna wurden mit der Zeit spaniolische Städte, Salonik ist eine solche bis auf den heutigen Tag geblieben. Eine Entwicklung in völliger Unabhängigkeit und Freiheit hat diesem jüdischen Stamm Ghetto und Emanzipation erspart. So ist im „Spaniolen“ ein Typus herangewachsen, der sich wenigsten im Hinblick auf das Biologische für den „Edeljuden“ halten darf. Zugleich aber bedingte diese bürgerliche Freiheit im Verein mit den natürlichen Anlagen des jüdischen Geistes eine besondere Ausbildung des wirtschaftlichen Sinnes und eine hervorragende Begabung für die praktischen Aufgaben, die Händel und Verkehr stellen. Wie sich in neuerer Zeit Palästina unter Wirkung der jüdischen Kolonisation zu Steuerleistungen aufgeschwungen hat, die dem türkischen Finanzminister ebenso willkommen wie erstaunlich erschienen, so ist in vergangenen Jahrhunderten Salonik durch das spanisch-jüdische Patriziertum zu einem türkischen Hamburg geworden. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, daß für den Handel südlich der Donau bis nach Aegypten hin die Häuser der Errera, Allatini, Crescas, Eigas, Cazes, Benario u. a. m. ähnliche Bedeutung hatten, wie die guten alten hansischen für Nordsee und Baltisches Meer. Sieht man aber selbst ab von den gewiß nicht unwichtigen Tatsache, daß in diesen Kreisen ein rühriger und seit Jahrhunderten eingeführter Kaufmannsstand großen Stils besteht, so bleiben immer noch so viel empfehlende Momente, daß der Hinweis auf das Spaniolentum sich rechtfertigen dürfte. Eis sei hier zunächst vom Sephardi als Konsumenten die Rede. Der Gesamtverbrauch einer Gruppe von insgesamt etwa U/a Millionen Menschen mag für den Handel weder eine zu vernachlässigende Kleinigkeit, noch eine besonders zu beachtende Ab* Satzgelegenheit bedeuten. Beim Spaniolen handelt es sich aber nicht allein um die Höhe, sondern in hervorragender Weise um die Art des Konsums. Er ist nach dieser Richtung heute das fortschrittlichste Element auf dem Balkan, das allem Neuen mit offenen Augen und scharfer, aber gerechter Kritik gegenübersteht. Nun macht sich zwar bei Griechen, Serben, Türken und bei den Kleinasiaten ebenfalls ein Hang zum Modernen auch in wirtschaftlicher Hinsicht bemerkbar. Aber es ist da ein großer Unterschied: hier sind es dünne Oberschichten, die leicht den Blick für die große Masse, welche noch keinerlei Verständnis für wirtschaftlichen Fortschritt äußert, trüben. Weder der mazedonische, noch der anatolische Bauer wird heute aus eigenem Antrieb zur landwirtschaftlichen Maschine oder auch nur zum neuzeitlichen Arbeitsgerät gelangen, so wenig wie die Masse des arabischen Fellahs oder der albanesischen Ackerbesteller. Es bedarf hier eines Anreizes, eines kräftigen Stoßes von draußen, von dem man bei uns heute vielleicht doch noch nicht ganz weiß, welch starke Kraft ihm innewohnen muß. Anders beim Spaniolen. Er ist in noch viel höherem Maße als Armenier und Grieche der „Balkan-Amerikaner“. Der Sinn für den Fortschritt, besonders auf dem Gebiete des Handels, findet sich gleichmäßig in allen Schichten, wobei man eben nicht vergessen darf, daß es nicht nur spaniolische Großkaufleute und Makler, sondern .auch sephardische Handwerker und Arbeiter gibt, und zwar im gleichen gesunden Verhältnis, wie wir es in gut entwickelten europäischen Städten finden. Nur daß beispielsweise in Saloniki der Mittelstand die eigentliche wirtschaftliche Basis ahgibt, während es kein „Proletariat“ gibt. Sicherlich gebraucht heute nodt der „gutsituierte“ Balkanbewohner weniger, als der mitteleuropäische Arbeiter, aber das liegt nidht an der Kaufkraft, sondern am Mangel des äußeren Anreizes zum Konsum. Dieser Anstoß muß von außen kommen, wirken wird er zunächst beim Spaniolen. Die Verkaufsbücher der Nähmaschinen-Industrie z. B. könnten lehrreichen Aufschluß darüber geben, wie viele Prozent der nach dem Balkan verkauften Maschinen sich in jüdischen Händen befinden. Durch dieses zielbewußte Vorangehen in Dingen der Modernisierung jeglichen Betriebes wird das spaniolische Element, selbst wenn der eigene Verbrauch die Einfuhrziffer nicht erheblich beeinflußt, zum unschätzbaren Werber für den Markt, dem' es sein Käufervertrauen schenkt. Ein modernes Eisengerät, ein Tuch aus nordeuropäischer Fabrik, ein Massenartikel, der bei uns längst zum gewohnten täglichen Bedarf gehört, verwandelt sich in den Händen des Spaniolen zu einem Ding, das reichliche Anziehungskraft ln sich trägt. Denn man hat sich, besonders) bei der Provinzbevölkerung, seit langem daran gewöhnt, den Spaniolen als Führer in wirtschaftlichen Dingen anzusehen. ' Man wird stets das neue Gerät, das neue Tuch, den neuen Hausrat des Spaniolen in Beziehung setzen zu seinem wirtschaftlichen Erfolg und sich., seiner. Entschluß zum Vorbild nehmen. Wenn hier gesagt sein soll, daß eine Mark, dem Spaniolen abverdient, gleich zehn Mark Gewinn sind, die seinen Nachahmern entspringen, so möge man dieses Beispiel nicht auf seine statistische Richtigkeit prüfen. Man halte sich an den Sinn: der Absatz beim Spaniolen ist der Anfang, gleichzeitig der gangbarste Weg für den Handel auf dem Balkan und, in gewissen Grenzen, auch in KJeinasien. Sollten schon aiis diesem Grunde die spaniolisdien Verhältnisse weitgehende Beachtung finden, so kommt hinzu, daß der Spaniole als Persönlichkeit für den Balkanhandel nicht zu umgehen ist. In den Berichten über die Kämpfe in Serbien und an den Dardanellen ist mehr als einmal darauf hingewiesen worden, welch hervorragende Rolle einzelne Spaniolen als sprachliche Vermittler dabei gespielt haben. Eine ähnliche „Parlamentärrolle“ wird ihnen in wirtschaftlicher Hinsicht zugewiesen werden. Denn sie verfügen, über eine schlechthin unübertreffliche Sprachbegabung, die wirkungsvoll unterstützt wird durch das gut angelegte Schulwesen, das sie allerdings nicht eigener Initiative | verdanken, sondern dem Solidaritätsempfinden westeuro- I päischer Juden. In Salonik spricht der Jude im Hause! Spanisch, am Sabbat Hebräisch, im geschäftlichen Verkehr viel Französisch. Sie lernen außerdem in den i Schulen — je nach der Nationalität — Türkisch, Griechisch, Serbisch, Bulgarisch, Rumänisch und selbst Magyarisch. Daß ein Lastträger in Salonik, Kawalla, Smyrna oder Piräus fünf bis sechs Sprachen beherrscht, ist keine Seltenheit, dreisprachig zum mindesten sind alle. Nimmt man zu dieser Sprachbegabung die große geistige Regsamkeit, die angeborene Großzügigkeit im Denken und Handeln, vor allem aber die in jenen Breiten sprichwörtliche Vornehmheit und Ehrlichkeit des sephardischen Charakters, so hat man damit die Eigenschaften aufgezählt, die den Spaniolen dem Handel im Orient besonders beachtenswert erscheinen lassen müssen. Besondere Bedeutung gewinnt das Spaniolentum durch die zu erwartende kommerzielle Entwicklung in Palästina. Abgesehen davon, daß sehr viele Sephardim nach Erez Israel übersiedeln werden, ist das Vorhandensein eines so fortschrittlich gesinnten jüdischen Wirtschaftselementes in den Levanteländern von einem heute noch kaum richtig einzuschätzenden Wert für das Uebersiedlungswerk. Mit allem Nachdruck sollte bereits jetzt darauf hingewiesen werden, daß sehr viel davon abhängt, ob es der zionistischen Leitung gelingen wird, rechtzeitig die im Spaniolentum schlummernden Möglichkeiten der Bewegung nutzbar zu machen. (Deutsche Levante-Ztg.) C. Z. Klötzel. Die Lage in Ostgalizien Dr. Leo Reich, der bekannte Führer der galizischen Zionisten, äußert sich, laut einem Bericht des „Isrl.

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