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Volk und Land · 1919-04-03 · Heft 14-15 (3.4.1919) · p. Seite 463-464

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 14-15 (3.4.1919)
Date
1919-04-03
Page
Seite 463-464 (sequence 26)
Language
German
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463 VOLK UND LAND 464 übermittelte. Zu einer geordneten Siedlung brachten üs die Aschkenasim erst durch die chassidische Bewegung. Es war Rabbi Menachem Mendel aus Witebsk, welcher mit einer größeren Gruppe von Chassidiin die russischen Länder verließ, um so den Kämpfen, die der Chassidismus dort zu bestehen hatte, auszuweichen. Sie gingen, etwa um 1778, geradewegs nach Safed, dem alten Hort der jüdischen Mystik, und nach einiger Zeit wandten sie sich nach Tiberias. Dort gründeten sie auch eine Chalukahverwaltung. Sie hatten für Jahresbeiträge ihrer Anhänger in Rußland und Polen gesorgt. Man nannte diese Beiträge Maamadoth und nach dem bei Tiberias gelegenen Grabe des Rabbi Me'ir Baal Haness: Kupat Rabbi Me'ir Baal Haness (die Kasse des Rabbi Me’ir Baal Haness), welchen Namen auch die allgemeine aschkenasische Chalukah bis heute behielt. Auch diese Gemeinde mußte aber Sendboten schicken, um die Sammler anzutreiben, die'Gelder flüssig zu machen, die Sammlungen zu fördern. So war der erste geordnete Kolel (Gemeinde) ein gesamtchassidischer. Die wenigen aschkenasischen Nichtchassidim, die nach Galiläa kamen, schlossen sich ihm ebenfalls an. Als Gegengründung, wohl um den Chassidim nicht den alleinigen Einfluß in Palästina zu überlassen, entschlossen sich einige aus der Schülergruppe des Gaon von Wilna, ebenfalls nach Palästina zu gehen, um dort in Jerusalem eine Gemeinde zu gründen. Rabbi Israel von Siklovv war der Führer der im Jahre 1795 gegründeten Gemeinde. Sie nannten sich, um sich von den Chässidim zu unterscheiden, Peruschim, wie man in Jerusalem behauptet, weil einige der Führer aen Beinamen Parusch führten; dies hat aber nichts mit dem alten Namen der Pharisäer zu tun. Seit damals teilen sich die Aschkenasim in Aschikenasim Chassidim und Aschkenasim Peruschim. Sie folgten in der Organisation ihrer Chalukah dem bereits bewährten Beispiel der Chassidim. Sie ernannten Vertreter im Auslande, schickten auch von Zeit zu Zeit Sendboten, um die Sammlungen zu be-* schleunigen, verteilten jedoch, zum Unterschiede von den Sephardim, die gesammelten Gelder an alle Mitglieder ihrer Gemeinde. So war es auch bei den Chassidim. Der Grund war wohl, daß alle eingewanderten Aschkenasim damals auch wirklich Gelehrte waren und daß sie, als nicht Alteingesessene, wie die Sephardim, gleich nach ihrer Ankunft gar keine Einnahmen hatten. Dies blieb aber dann ein wichtiges Merkmal der aschkenasischen Chalukah, daß alle sie beziehen, während bei den Sephardim nur eine gewisse Gelehrtenaristokratie die Chalukah genießt. Lange Zeit waren auch nur zwei aschkenasische Chälukahgemeinden in Palästina, der chassidische Kolel Chassidim, und der nicht chassidische Kolel Peruschim. Die Gelder gingen über Amsterdam, wo es eine Vertretung der aschkenasischen Palästina-Gemeinde gab. Die erste Landsmannschaft, welche sich von dem allgemeinen Kolel abtrennte war die holländisch-deutsche (im Jahre 1849). Die wenigen holländischen und deutschen Juden fanden heraus, daß aus Holland und Deutschland große Gaben flössen^ sie aber denselben Teil bekamen gleich allen andern. Sie sahen daher ihren Vorteil in einer besonderen Verwaltung und gründeten den Kolel Hod (Anfangsbuchstaben Holland und Deutschland). Es wurde festgesetzt, daß eine gewisse Summe von den Einkünften des Kolels auf alle Kolelim verteilt werde, und sehr lange blieb es auch so. Ihrem Beispiel folgten dann auch die polnischen Juden und trennten sich von dem allgemeinen chassidischen Kolel. Die Kolelim wurefen immer mehr geteilt, immer kleiner wurden die Landsmannschaften. Dies schien im Anfang die Sammlung stark anzufeuern und zu befördern. Im Laufe der Zeit führte es aber zur Atomisierung der Kolelim und zu ihrer Kraftlosigkeit. Die Organisation der Kolelim ist sehr verschieden. Das Gemeinsame ist, daß sie eine Verwaltung in Palästina haben und eine in ihrem Heimatlande. In Palästina stehen einige Memunim der Gemeinde vor, welche entweder aus dem Heimatlande ernannt oder in Palästina nach einem gewissen Wahlmodus gewählt sind. Im Heimatlande besorgt ein Komitee, dem der Nassi vorsteht, die Sammlung. Dieses Komitee besitzt größere oder kleinere Befugnisse. Der Chalukahbeitrag wird entweder nach einem Schlüssel oder nach Einsicht des Komitees im Heimatlande bestimmt. Im einzelnen ist aber die Organisation sehr verschieden. Die meisten Kolelim bemühen sich auch, Häuser für ihre Mitglieder zu bauen, die dann in einer gewissen Reihenfolge für je drei Jahre abgegeben werden. Die Zahl solcher Häuser ist ziemlich groß und stellt ein großes Vermögensobjekt der Kolelim dar. Die Summe, die ein jeder bezieht, wird in der Regel hach Kopfzahl der Familie bestimmt, wobei aber das Oberhaupt der Familie nach seinem Ansehen, nach seiner Gelehrsamkeit, -nach seinem Einflüsse eine verschieden hoch bemessene Summ? bezieht, die zumeist vor seiner Einwanderung bestimmt wird. Im ersten Jahre der Einwanderung bezieht man keine Beiträge, weil vorausgesetzt wird, daß der Einwandernde noch genügende Summen mitgebracht haben wird. Zur Deroutierung der Vermögensverhältnisse trägt ein Anleihesystem bei, welches sehr eingerissen hat. Die Kolelverwaltungen stellen jedem Anweisungen auf eine gewisse Zahl von Janren aus, die dann in Jerusalem gegen einen gewissen Prozentsatz leicht belehnt werden. Es führte dies zu einem schwunghaften Handel, der nicht immer ganz glatt ablief. Es gibt selten jemand, der nicht seine Chalukah schon so belastet hätte. Außer den eigentlichen Chalukaheinkünften gibt es in jedem Kolel noch einige kleinere Summen, welche im Laufe des Jahres ausgezahlt werden. So zum Beispiel früher die kleine Chalukah, das war der Beitrag der deutsch - holländischen Landsmannschaft an alle anderen Kolelim, die sich auf einige Piaster für den Kopf belief. Es gibt auch mitunter Beiträge, die mit einer Bitte um Gebet für einen Kranken gesandt werden und die dann immer an einige Mitglieder des Kolel nach einer gewissen Reihenfolge verteilt werden. Einige Kolelim beziehen ihr ganzes Geld nur yon ihren Verwaltungen im Auslande; andere haben auch mehr oder minder beträchtliche Einkünfte, die von den Spendern direkt durch die Post an sie gelangen. Eine Quelle der Einnahme und Unordnung ist die Friedhofverwaltung. Die Kolelim üben auch die Funktionen von Gemeinden aus. Stimmberechtigt sind nur Chalukahempfänger. Durch die Atomisierung der Landsmannschaften sind die Einkünfte der Chalukah in den meisten Gemeinden sehr gering geworden, sie gibt kaum einen geringen Beitrag zur Wohnungsmiete. Beträchtlich ist der Beitrag nur bei den drei bedeutendsten und bestorganisierten Kolelim, das ist der holländisch-deutsche Kolel, der österreichische und der ungarische. Der holländisch-deutsche Kolel weist die geringste Seelenzahl in Palästina auf. Er hat sich seit einer Reihe von Jahren nicht mehr durch Zuwanderung vermehrt. Eine scheinbare Vermehrung hat wohl früher mitunter durch Uebernahme einiger nichtdeutscher Juden in den Kolel stattgefunden.

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