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Volk und Land · 1919-04-03 · Heft 14-15 (3.4.1919) · p. Seite 461-462

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 14-15 (3.4.1919)
Date
1919-04-03
Page
Seite 461-462 (sequence 25)
Language
German
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461 VOLK UND LAND 462 brachten palästinensische Lehrhausluft in die Diaspora-Gemeinden*). Die Gelder dienten dazu, das Lehrhaus zu erhalten, seine Mitglieder zu unterstützen, die Schüler zu fördern, wohl auch das Patriarchenhaus zu unterhalten, wenn es sich nicht mehr durch seinen eigenen Reichtum erhalten konnte. Die Apostel nannte man Schelichim, Scheliche Zion, in amoräischer Zeit wohl auch Scheliche de Rabanan (Sendboten Zions, Sendboten der Rabbinen). Mit Unterbrechungen setzte sich diese Uebung wohl auch in der gaonitischen Periode j fort. Wir wissen heute, daß die Lehrhäuser in! Palästina in jener Zeit eine sehr wertvolle Kulturtätigkeit entfalteten, daß Palästina damals für weite Länderstrecken ein Kulturzentrum gewesen ist. j Ohne Beiträge aus der Diaspora wäre diese Tätigj keit wohl nicht zustande gekommen. Wir hören mitunter, dgß Chasdai ibn Schabrut und andere Wohltäter Unterstützungen nach Jerusalem! schickten. Eine jüdische Bevölkerung hat es in Palästina wohl immer gegeben, und die Lehrhäuser und Gemeinden griffen auf das alte Mittel zurück und schickten Sendboten in die Diaspora. Solche Sendboten sind das ganze Mittelalter hindurch von Zeit zu Zeit ausgezogen und haben Nachrichten aus Palästina gebracht. Von einem von ihnen hören wir im Jahre 1487, der den merkwürdigen Namen Rabbi Moses Vierundzwanzig führt und dem es beschieden war, die nicht sehr erfreuliche Rolle zu spielen, zwischen der italienischen und damals jungen türkischen Judenheit Zwietracht zu säen. Es war etwas später, als Rabbi Obadja de Bartenora aus Italien nach Palästina zog und dort die Gemeinde stärkte und aufrichtete, ein Lehrhaus begründete Und (1508) sich auch bemühte, regelmäßige Einkünfte aus der Diaspora zu sichern. Damals war es auch wohl, daß zuerst die Stelle eines Palästinafürsten (Nassi), das heißt eines Vertreters der palästinensischen Sammlungen, geschaffen wurde. Italien war damals das Land, durch welches das Geld nach Palästina gingj und in Venedig hätte man einen solchen Nassi ernannt. Die Jerusalemer und die anderen palästinensischen Gemeinden schickten aber nach wie vor ihre Sendboten, welche sie Scheliche de Rabanan oder Schaddar, später Moschlechim. nennen, aus. Die damaligen Reiseverhältnisse erschwerten jedoch manchmal die Reise sehr und verminderten auch oft den Erfolg/ Häufig blieb der Sendbote einige Jahre aus und auf der Rückreise wurde er beraubt. Schon damals verfiel man auf die Einrichtung von Sammelbüchsen, ohne daß dies aber eine ständige Institution geworden wäre. Mehr waren es feste Jahresbeiträge, die aber immer erst wenn ein Sendbote kam eingesammelt wurden. Es mehrten sich aber die Sendboten, und damit wird auch das große Ansehen, das mit dem Namen Palästina verbunden war, sich gemindert haben, und man hört immer wieder Klagen über verringerte Einnahmen. Damals kam auch eine Einrichtung auf, die sich bei den sephardischen Juden bis heute erhielt: es sind die Jeschiwa-(Lehrhaus-)Stiftun<ren, welche aber nicht mehr Lehrhäuser im eigentlichen Sinne betreffen. Ein reicher Mann im Auslande stiftet eine Summe, aus deren Zinsen einige Gelehrte in Jerusalem eine Unterstützung erhalten, um an gewissen Tagen eine gewisse Anzahl von Stunden stiftungsgemäß mit Lernen zuzubringen. Dies wird seit etwa 1740 ein ständiges Einkommen der Gelehrten in Jerusalem. Die Zentren für die *) Das Apostolat der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem wird vielleicht ursprünglich ebenfalls die Erhaltung der Muttergemeinde bezweckt haben. Geldsaminlung sind nicht mehr Venedig allein, sondern auch Amsterdam und Livorno. Die wenigen Aschkenasim, die von Zeit zu Zeit nach Palästina kommen, erhalten ihre Unterstützungen von dieser allgemeinen Kasse. Sie versuchen es später, eine besondere aschkenasische Gemeinde zii gründen und ernennen ebenfalls einen Nassi in den aschkenasischen Ländern. Ihre Gelder gehen zumeist über Amsterdam, wo sie ebenfalls eine Vertretung haben. Die aschkenasische Gemeinde hat es aber zu einem ständigen ununterbrochenen Bestehen nicht gebracht. Die palästinensische Judenheit ist in den sephardischen Gemeinden organisiert. Hier sind die vier Gemeinden, welche gesonderte Chalukahverwaltungen haben, Jerusalem, Safed^ Tiberias, Hebron; die ._,vier Länder des Lebens“ nennt man sie. Jede dieser Gemeinden benennt ihre Chalukahkasse gern nach' dem Hauptheiligtum dieser Stadt. So nennt Safed seine Chalukahverwaitung: die Kasse des Rabbi Simon ben Jochai, nach dem Grabe dieses Heiligen; — Tiberias: die Kasse des Rabbi Mei’r Baal Haness, dessen Grab dort liegt; — und Hebron nannte seine Kasse nach dem Patriarchengrab. Die Ordnung, die etwa seit Anfang 1840 in den sephardischen Gemeinden eingeführt wurde, herrscht dort noch bis heute. Die Chalukah beruht da hauptsächlich auf dei Institution der Sendboten. Büchsen werden nicht verteilt. Auch Vertreter im Auslande hat die sejphärdische Chalukah nicht. Von Zeit zu Zeit wird ein angesehener Gelehrter mit dem Auftrag betraut, Sendbote zu sein. Er erhält Vollmachten vom Rabbinat, es wird ihm die Reiseroute vorgeschrieben, ein gewisser Prozentsatz von seinen Einnahmen zugesichert, auch die Auszahlung eines kleinen monatlichen Betrages an seine Familie. Wenn er in eine Stadt kommt, begibt er sich sogleich zum Rabbiner und zu dem Vorsteher der Gemeinde. Ein angesehener Bürger macht dann mit ihm die Runde durch die Stadt und jeder gibt, wohl nach einer gewissen ortsüblichen Bemessung, ohne daß jemanden irgendein Zwang träfe. Der Sendbote predigt auch wohl am Samstag in der Synagoge. Er wird bei einem reichen Bürger einquartiert. Wenn er mit der Sammlung fertig ist, wird die Sammelliste hergestellt und mit dem Gelde in die Heimatsgemeinde abgeschickt. Die sephardischen Gemeinden lassen «o von ihren Sendboten den ganzen Orient den Balkan, Italien und die afrikanischen Länder bereisen. Sie gelangen sogar bis nach Afghanistan; man trifft' sie in der Buchara und im Kaukasus, ln manchen Ländern sind sie noch heute Kulturträger. Mancher Bleibt -wohl als Rabbiner in einer sehr fernen Gemeinde und kehrt erst nach einigen Jahren zurück. Sie .bringen jüdische Kultur und regen die Phantasie an. Die gesammelten Gelder werden hauptsächlich unter die Chachamim, die Gelehrten, verteilt. Diese haben noch Einkünfte von Jeschiwah-Stiftungen, welche zuletzt sehr zahlreich geworden sind, besonders seitens indischer Juden, und von Zeit zu Zeit wird jeder Chacham mit einem Auftrag als Sendbote betraut, so daß die Gelehrten alle mehr oder weniger ihr Auskommen haben. Dagegen beziehen die Nichtgelehrten gar keine oder nur sehr geringe Unterstützungen von seiten der Chalukah. So blieb der Zustand in den sephardischen Gemeinden noch bis hart vor dem Krieg. Die aschkenasischen Gemeinden konnten es nur schwer zu einer geordneten Organisation bringen, und immer wieder wurden die Anfänge dieser Gemeinden zerstört. Auch sie schickten anfänglich! Sendboten; später war es hauptsächlich die Organisation des Nassiats, welche ihnen die Gelder

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