Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 14-15 (3.4.1919)
- Date
- 1919-04-03
- Page
- Seite 459-460 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649289--0300-2649644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Lod 1× ep/1045074
OCR text
459 VOLK UND LAND 460 VII. Maschinen-Reparatur-Werkstätten --- Metallbetten Geldschränke — Perlmutterknopfin dustrie. Im allgemeinen ist zu empfehlen, soweit irgendmöglieh, die zu errichtenden Fabriken nicht sofort im größtmöglichen Maßstabe anzulegen, sondern im kleinsten, bis sich die Unternehmer mit den Landesverhältnissen, dem Rohmaterial und den Arbeitern genügend vertraut gemacht haben; dann steht einer Vergrößerung ja nichts im Wege — den guten Geschäftsgang in diesem Anfangsstadium vorausgesetzt. Ein Musterbeispiel hierfür sind die in größerer Anzahl im ganzen Lande betriebenen Reparaturwerkstätten für Maschinen aller Art, die samt und sonders gut prosperierten soweit sie in kleinem Umfang angelegt waren. Andererseits scheiterte die von vornherein zu groß begonnene Maschinenfabrik „Athid“ in Haifa, die sich vorzugsweise mit Reparaturen, dann mit dem Import von Pumpen, MühleneinriChtangen und Mo- , toren befaßte, aber auch gleichzeitig Oelpressereien I in Haifa und Lydda betrieb. Eine Erklärung des ' Mißerfolges liegt auch darin, daß die Gesellschaft ,.Athid“ wenn man vom Weinkeller in Rischon absieht, das erste größere industrielle Unternehmen Palästinas überhaupt darstellte, also ohne Erfahrungen arbeiten mußte. Ein gleiches Schicksal erlitt die Steinsche Maschinenfabrik, als sie veri größert und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Später begann Stein allein nochmals im! kleineren Umfange lind hatte Erfolg.. — Im Zusammenhang hiermit sind noch Eisenmöbel, bej sonders Bettstellen zu erwähnen, die bisher größtenteils importiert, in kleinerem Maßstabe auch im Lande hergestellt wurden; sie könnten jetzt in größerem Umfange und mit modernen Maschinen fabriziert werden, ebenso Geldschränke,, die in einfacher Form bereits in der jüdischen Handwerkerschule in Jaffa gefertigt wurden. Es gibt selbstverständlich auch Branchen, bei j denen ein größeres Ausmaß gleich bei Beginn, j der Natur der Sache nach, unerläßlich ist; da müssen natürlich um so sorgfältigere Spezialstudien der j Begründung von neuen Unternehmungen vorangehen. — Ich bemerke, daß ich vorzugsweise Industrien erwähnt habe, die Landesprodukte verarbeiten; es wurden jedoch schon vor dem Krieg auch neue Fabrikationen auf Grund von importierten Materialien geplant, z. B. eine Perlmutterknopffabrik. Es wurde geltend gemacht, daß ja auch die amerikanischen' Fabriken diesen Artikel aus eingeführtem Material erzeugen, und daß die Maschinen ebensogut in Palästina aufgestellt werden könnten. Es scheint, daß sich dieser Grund auch bei einer Reihe anderer Industrien anführen läßt, bei dem zu erwartenden Zustrom von Unternehmern wird es! wohl zum Import einer ganzen Anzahl derartiger Fabrikationen kommen. — VIII. Bau-Unternehmungen, Bau-Materialien: Steinbrüche, Z e m entsteine, Zement, Kalksandstein^, Lehmdrahtbau, gebrannte Ziegel, Dachziegel, „Sudd i t“. Die Bau-Industrien werden sich jetzt naturgemäß am schnellsten ausdehnen, da eine enorme Bautätigkeit in Stadt und Land bevorsteht. Es handelt sich um' die Vergrößerung von bestehenden und die Anlage von neuen jüdischen Stadtvierteln in den Städten, um den Bau von Gartenstädten, um Unterbringung des Zuzugs in den alten Kolonien und um Begründung zahlreicher neuer, um Ausdehnung der jüdischen Besiedlung aiuf Städte und Landesteile, in denen bisher wenig oder gar keine Juden zu finden waren, um .Wiederbelebung alter, ietzt verlassener Städte aus der Blütezeit im tödischen Altertum. Außer der Beschaffung von Wohngelegenheit für die neuen Einwanderer wird die Errichtung von Fabriken und öffentlichen Bauten, von Häfen, Chausseen und Eisenbahnen notwendig sein. Neben dem Baugeschäft als solchem kommt hier die Herstellung von Baumaterialien in Frage. Die Steinbrüche, die bisher das hauptsächlichste Baumaterial lieferten, befinden sich im allgemeinen in arabischem Besitz. Zemefttsteine wurden in einigen größeren und kleineren Betrieben von Juden und Deutschen fabriziert. Die Begründung von Zementfabriken ist geplant; das Rohmaterial ist im Lande vorhanden. Eine Kalksandsteinfabrik sollte in Jaffa eröffnet werden, doch erlitten die Arbeiten durch den Krieg eine Unterbrechung. Es ist geplant, für billige Schnellbauten das Lehnidrahtbausystem einzuführen, mit dem in Deutschland gute Erfahrungen gemacht wurden und das die moderne Anwendung einer seit den Urzeiten im vorderen Orient üblichen Bauweise darstellt. Es ist zu hoffen, daß die Fehler der bisherigen städtischen und ländlichen Koloniegründungen, sowie die Lehren des modernen europäischen Städtebaues in Zukunft berücksichtigt werden; jedenfalls sind alle diese Industrien geeignet, vielen Unternehmern und zahlreichen Arbeitskräften Brot zu geben. — Ein Versuch, gebrannte Ziegel zu fabrizieren, wurde im Deutschprotestantischen Schnellerschen Waisenhaus in Jerusalem, das auch eine Handwerkerschule unterhält, mit gutem Erfolge gemacht. Dieses äußerst wichtige Baumaterial wurde bisher in größerem I Umfange deshalb nicht erzeugt, weil es an einem billigen Brennstoff fehlte; sollte in Palästina die Herstellung des „Suddits“ gelingen — eines schon im Sudan durch Verarbeitung des Pflanzenfasermaterials der Flußbarren gewonnenen billigen Brennstoffs, dessen Rohmaterial auch am Meromsee in Obergaliläa vorhanden ist — so würde nicht nur die Fabrikation von gebrannten Mauersteinen und Dachziegeln ermöglicht, sondern eine Industrialisierung Palästinas in großem Stil in die Wege geleitet werden können. DIE CHALUKAH* Die Chalukah ist eigentlich eine sehr alte Einrichtung. Sie geht auf das Apostolat zurück, welches in der tannaitischen Periode, vielleicht schon zur Zeit des zweiten Tempels, an den Zentrallehrhäusern in Palästina bestand. Das große Lehrhaus schickte Apostel aus, welche wohl Lehraufträge mithatten, die Interkalation verkündeten, und Beiträge für die Erhaltung des Lehrhauses einsammelten. Das Lehrhaus erbte die Rechte auf | Erhaltung und Unterstützung von der alten Tempelj kasse. Die meisten Juden sahen sich verpflichtet, den alten Tempelbeitrag jetzt an das Lehrhaus abzuführen. Die Apostel waren auch Kulturträger, lehrten und predigten überall, wo sie hinkamen, *) Quelle: Jerusalem, Sammelschrift von A. M. Luncz, Jahrgang 7 und 11, Artikel des Herausgebers über die Chalukah.