Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 14-15 (3.4.1919)
- Date
- 1919-04-03
- Page
- Seite 441-442 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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441 VOLK UND LAND 442 der organisierten Einwanderung die Immigranten auf Rechnung des Staates ein auf Grund eines vorher bestimmten Budgets. Die Zahlung erfolgt unmittelbar an die Schiffsgesellschaften auf Grund der visierten Listen (Artt. 24, 33—35). Oder es werden auch den Transportgesellschaften Subventionen gegeben, die die Gesellschaft zur Ausgabe ermäßigter Fahrkarten verpflichtet. Es wird von der Einordnung des Einwanderungsamtes in die Organisation abhängen, ob sich die erstere (an sich sehr zweckmäßige) Art der Begünstigung empfiehlt. Dann müßte das Siedlungsamt dem Einwanderungsamt Erstattung leisten für jeden organisierten Einwanderer, det nicht freiwillig seine Passage selbst bezahlt. Auf jeden Fall ergibt sich die Notwendigkeit, für die Zwecke der organisierten Einwanderung große Mittel in Bereitschaft zu stellen. Wir wissen noch nicht das Tempo der Besiedlung, wir dürfen aber nie aus Mangel an Vorbereitung und an Mitteln dem Tempo der Einwanderung Einhalt tun müssen. Jedenfalls: Für die Durchführung der organisierten Einwanderung ist ein besonderes Budget zu schaffen. Eine weitere Belastung erfährt das Einwanderungsamt durch Rücksendung und Rückwanderung. Im allgemeinen verpflichten die Einwanderungsgesetze die Schiffsgesellschaften zur freien Rückbeförderung abgewiesener Emigranten. Wir werden aber doch mit den Kosten der Untersuchung, der vorläufigen Unterkunft und der vorläufigen Verpflegung belastet. Lassen wir mittellose, nicht organisierte Einwanderer unter Vorbehalt der Arbeitswilligkeit zu, so fallen dem Einwanderungsamt auch die Kosten des Rücktransportes bei-Nichtbewährung zur Last. Endlich ist mit dem Fall zu rechnen, daß organisierte Einwanderer sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen abfinden können oder wollen und Palästina verlassen möchten. In Fällen, in denen wir die Herkunft veranlaßten, müssen wir den Rücktransport bewirken. Die Kosten dieser Rückwanderung gehen zu Lasten des Einwanderungsamtes. In diesem Zusammenhang ein Wort über Transportmöglichkeit. Es wird viel von der Uebernahme des Transportes in eigener Regie gesprochen. Das ist aber ein sehr zweischneidiges Schwert, besonders für den Anfang. Auch wenn wir in der Hauptsache nicht von allen vier Ecken der Welt aus mit Einwanderern rechneten und nur mit einer einzigen Linie zu tun hätten, sagen wir etwa Odessa—Palästina, und selbst wenn wir die Dampfer mit den höcnsten Zwischendeckszahleh der großen transatlantischen Dampfer belegen, das sind 2000 Personen, so würden wirx gelbst wenn alle die volle Ueberfahrt bezahlten, gründlich daran zusetzen, wenn nicht sehr große Einkünfte j aus Kajüt- und Frachtverkehr hinzukämen. Es ist zu befürchten, daß Dampfer in eigener Regie nach Landung der Immigranten fast ohne Passagiere zurückfahren würden. Trotz intensivster Ausnutzung des Frachtraumes für im wesentlichen auf Passagierverkehr eingerichtete Schiffe auf der Hinreise wäre der Ausfall erheblich, wenn für die Rückfahrt keine Passagiere und Frachten zu bekommen wären. Nun einen Schritt weiter. Zur Erfassung der Wanderung muß sich das Einwanderungsamt in seinem Wirkungskreis selbstverständlich in die Diaspora erstrecken. Die Folge ist eine bedeutende Dezentralisation der Aufgaben und Tätigkeiten. Diese werden ihre Besonderheiten haben. Die Bewältigung der hinwandernden Massen unter normalen Umständen (und dafür müssen wir die Organisation einrichten) ist an sich kaum ein Problem. Die für Palästina in Frage kommenden Zahlen sind im Verhältnis zu der bislang stattfindenden Judenwanderung nicht allzu groß. Im Jahre 1906/1907 sind allein nach Amerika 149182 Juden ausgewandert, davon allein 106 968 über New York. (Dabei möchte ich der Tatsache gedenken,-daß die auf sich selbst beruhende Einwanderung sich stets auf gewisse Monate zusammenzudrängten pflegte, besonders Mai bis August, und seltsamer Weise I November.) Hier hatten wir es mit größeren Ziffern zu tun I als voraussichtlich in Palästina. Zudem haben wir, wenn es darauf ankommt, die Bewältigung der Massen im Kriege wirklich gelernt. Wo aber die Bewältigung der Masse an sich kein Problem darstellt, müssen ganz neue Gesichtspunkte der Wan- I derungsbewegung aufgestellt werden. Es liegen psychologische Aufgaben vor, denn eine Menge ante portas, zur Untätigkeit oder zum Warten verurteilt, hat ihr eigenes Gesicht. Hier kommt zum Ausdruck, daß die Einwandemngsorganisation kein Transportunternehmen ist. Hier werden Menschen | verpflanzt. Ihre ethischen, sozialen und religiösen j Bedürfnisse vertragen keine Unterordnung unter j Geschäftskalkulationen. Jede Organisation darf nur Vermittler zwischen den Anforderungen des neuen Landes und den gerechten Bedürfnissen der neuen Siedler sein. Diese Mittlerschaft darf nicht von langer Hand geschehen, sondern muß innerhalb des einzelnen Emigrationslandes unter engster Fühlungnahme mit den spezifischen Verhältnissen gei übt werden. Auch diese Forderung ist eine allj gemein anerkannte: Das Einwanderungsj amt errichtet Auswanderungsämter in allen Ländern der Diaspora. Für die Tätigkeit der Auswanderungsämter wollen wir zunächst die organisierte Wanderung betrachten. Wer auf dem planmäßigen Wege durch das Einwanderungsamt hindurch will, hat zunächst das Auswanderungsamt zu passieren. Das Auswanderungsamt wird die Kontrollstation für#die Emigranten des betreffenden iTa n d e s. Dahin hat sich jeder zu wenden. Zu diesem Zweck muß das Auswanderungsamt Personallisten mit ausführlichen Rubriken anlegen. Die Einteilung von Dr. Noack (Volk und Land, S. 171) ist dafür eine nicht ungeeignete Grundlage. In jedem Falle muß angegeben sein, für welche Zeit die Uebersiedlung in Frage kommt, denn es ist eine der wesentlichsten Aufgaben des Auswanderungsamtes, jederzeit auf Anforderung des Einwanderungsamtes eine Bestandsmeldung über die verfügbaren Kräfte vorzuiegen. Das vorhandene Material, im Einwanderungsamt zusammengestellt, ergibt auch die wesentlichste Unterlage für die Tätigkeit des Siedlungsamtes, das nach der Richtung hin durch die Auswanderungsämter wirksam entlastet wird. Eine weitere Entlastung muß aber auch schon darin liegen, daß nicht nur die Auswanderungsämter Material häufen, sondern darunter auch schon die erste Auslese treffen. Alles, was nach obiger Aufstellung unter die verbotene Einwanderung fällt, ist nach Möglich- I keit schon im Auswanderungsamt zu erfassen und | -auszuscheiden. Darum ist vor allem die Gesund-; heitsuntersuchung dahin zu verlegen. Ein vom Aus-! wanderungsamt ausgestelltes Gesundheitsattest muß vorbehaltlich des Untersuchungsrechtes des Einwanderungsamtes diesem gegenüber gültig sein. Es wird dadurch viel Elend er-! spart. Auch der Nachweis der Subsistenzmittel j bei,, erwerbsunfähigen Personen hat zweckmäßig schon beim Auswanderungsamt zu erfolgen und ist i zu bescheinigen.