Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 14-15 (3.4.1919)
- Date
- 1919-04-03
- Page
- Seite 433-434 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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433 VOLK UND LAND 434 Teiles, einer Klasse, einer Schicht des Volkes vertreten oder auch nur dulden. Und in allen diesen Lebensproblemen darf sich der jüdische Sozialismus politisch und sozial nicht auf eine Klasse und nicht auf ein Klasseninteresse stützen, sondern auf das ganze arbeitende jüdische Volk. Der jüdische Sozialismus — will er wirklich: jüdisch und wirklich: Sozialismus sein — kann nur ein Volkssozialismus sein. Entscheidend wirkt hier die Frage der Gesinnung. Die Sozialdemokratie, die die Klassenverhetzung und den Klassenkampf als stärkstes Agitationsmittel, als stärkstes Mittel überhaupt, benutzt hat, ist drauf und dran von ihren eigenen Kindern aufgefressen zu werden. Sie kann die Geister, die sie einmal beschworen hat, nicht mehr bannen, sie kann der aufgepeitschten Klasseninstinkte, des aufgestachelten nur-wirtschaftlichen Interesses nicht mehr Herr werden. Sie hat es versäumt, dort, wo sie gezwungen war, sich de? Kampfes gegen den Unternehmer zu bedienen, darauf hinzuweisen, eindringlich zu wiederholen, daß ihr dennoch und trotz allem all das nur erzwungenes Mittel ist, daß ihr aber der Sozialismus eine Frage der Gerechtigkeit für das Ganze des Volks, der allmenschlichen Gerechtigkeit darstellt. Noch wissen wir nicht, wie schwer sich das in der kommenden europäischen sozialistischen Wirtschaft rächen wird. Dann ausschlaggebend und entscheidend wird in einer sozialistischen Wirtschaft viel mehr noch als in der kapitalistischen die Gemeinschaftsgesinnung, das Menschlichkeitsbewußtsein, der Arbeitswille des Einzelnen sein. Wir wissen aber, daß wir den jüdischen Sozialismus schon allein um des neuen jüdischen Menschen willen, der entstehen muß durch die Wiedergeburt der Nation, niemals auf einem Klasscnintcresse auch nur werden bauen wollen. Der jüdische Sozialismus kann nur ein Volkssozialismus. sein. Er fordert im Namen des ganzen schaffenden jüdischen Volkes, das ihn trägt. Seine Erfüllung ist .nicht eine Erfüllung, eine Umgestaltung des Lebens im Sinne und im Interesse einer Klasse — das ist doch das Ziel des sozialdemokratischen Klassenkampfes — sondern das Werk und das Ziel des ganzen sich befreienden Volkes. Und letzten Endes entsprechen sich dergestalt Form und Träger nirgend besser als im jüdischen Volk. Wie Georg Büchner einmal den Revolutionär Ca« mille Desmoulins sagen läßt: „Die Lebensform des Volkes muß ein durchsichtiges Gewand sein, das sich dicht an seinen Körper schmiegt. Jedes Schwellen der Adern, jedes Spannen der Muskeln, jedes Zucken der Sehnen muß sich darin abdrücken. Die Gestalt mag nun schön oder häßlich sein, sie hat einmal das Recht, zu sein, wie sie ist, und niemand ist berechtigt, ihr ein Röcklein nach Belieben zuzuschneiden.“ DIE ORGANISATION DER JUEDISCHEN EINWANDERUNG ' Von Dr. Julius Ka Die Realisierung der zionistischen Palästina- Idee wird zu einem nicht unbeträchtlichen Ausmaße eine Funktion der jüdischen Rückwanderung in ihr altes Land sein. Es erhebt sich das Problem der Bewegung jüdischer Massen, oder besser gesagt, da das Problem der Bewegung jüdischer Massen seit langem vorhanden ist, eine Anwendung dieses Problems auf die palästinensische Besiedlung und die Aufdeckung und Nutzbarmachung der besonderen Gesichtspunkte, unter welchen diese besondere Massenbewegung stehen muß. Während die bisherige Juden Wanderung im wesentlichen sich als Abwanderung von Zentren erhöhten Druckes charakterisierte, wird nunmehr eine Zuwanderung entstehen, die mehr vom Anreiz des neuen Zentrums als vom Antrieb des alten getragen wird. Die Besiedlung erfordert Menschenmaierial. Dafür ist zu organisieren einmal die Heranschaffung und die Bereitstellung und andererseits die Nutzbarmachung des Materials. Was soll herangeschafft werden und wie soll herangeschafft werden? Bis jetzt hat man im wesentlichen um das „wa^s“ gestritten, hat zwar die Wichtigkeit des „wie“ nicht geleugnet, ist ihm aber sachlich nicht so nahe getreten, wie das erforderlich ist. Das gute Funktionieren des technischen Apparats ist aber eine unerläßliche Voraussetzung, denn seine Inanspruchnahme wird sich schon sehr bald zeigen, ganz gleichgültig, welche Entwicklung die jüdische Politik nehmen wird. Ich bin davon überzeugt, daß selbst bei einer eventuellen Beschränkung oder Negierung unserer Ansprüche auf der Friedenskonferenz der Strom der Einwanderung einsetzen würde, eben weil durch die Entwicklung des jüdischen Gedankens schon zu viele geistige und zenstein, Bremen. seelische Anreize bereit liegen, die sich slbsttätig auslösen werden, ohne ihre Sanktionierung durch die hohe Politik abzuwarten. Ohne Rücksicht auf unsere Wünsche und Pläne wird also die Wanderung einsetzen. Auch wenn wir uns politisch durchsetzen und unsere Legitimation erhalten, also das öffentliche Recht zur Organisation der Einwanderung erhalten, werden unsere Pläne von dem Impuls, der nicht nach Disziplin fragt, durchkreuzt werden. Diese Möglichkeit liegt einmal vor, wenn sich der Gedanke der Gruppenwanderung und Gruppenbildung mit Schaffung einer Vorbereitungszeit durchsetzt. Gegen den Impuls ist diese künstliche Verzögerung in Form einer Karenzzeit machtlos. Man wird wandern. Man wird sogar eventuell doppelt wandern, denn die von Ruppin vorgeschlagene Gruppenwanderung mit Karenzzeit, die eventuell durch angemessene Betätigung in Südeuropa auszufüllen sein soll, bedingt eine Nebenwanderung, die auch erfaßt sein müßte, weil sie vorbereitendes Stadium der Hauptwanderung ist. Umgekehrt kann aber auch der Fall eintreten, daß das Land plötzlich mehr Menschen braucht, als zur Einwanderung bereitstehen, besonders, wenn es sich einmal um eine erhöhte Anforderung von Menschen bestimmter Berufsschichtung handelt, die für einen gegebenen Zweck sofort gebraucht werden. Da auch in den gemäßigten Ziffern des Ruppinschen Maximalprogramms eine progressive Steigerung der Wanderung enthalten ist, auf die sich das Einwanderungsamt von vornherein einstellen muß, so kann -es gar nicht früh genug errichtet werden. Es ist selbstverständlich, daß die Einwanderung nicht sich selbst überlassen werden darf. Sie