Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 14-15 (3.4.1919)
- Date
- 1919-04-03
- Page
- Seite 431-432 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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431 VOLK UND LAND 432 Zentren der nationalen Gesellschaft mit den äuflösenden assimilierenden russischen Gouvernements zu vertauschen? Er lebt mit seinen Gehilfen sein Leben gemeinsam. Dasselbe Zimmer, denselben Arbeitstisch teilen sie. Alle Sorgen und Nöte des Gehilfen sind auch seine Sorgen. Mit dem einzigen Unterschied, daß der Arbeiter durch seine Arbeit wenigstens seinen geringen Lohn gesichert hat, während der „selbständige Unternehmer“ oft gerade durch die Löhne und die anderen Produktionskosten überhaupt um jeden Verdienst kommt Und wer das alles noch nicht kennen sollte, der wird vielleicht dem Urteil Karls Kautskys Vertrauen schenken, der in einem seiner Werke ausführt, es sei festgestellt worden, daß die Lage eines _Xfihnarbeiters jetzt besser ist als die eines Kleinbauern oder eines Handwerkers. Aber auch einer weiteren Tatsache muß hier Beachtung geschenkt werden. Die „Klassengrenzen“ zwischen den Gehilfen und den Meistern sind nicht etwa scharf geschieden. Vielmehr sind die Uebergänge von einem zum anderen sehr leicht, beweglich und flüssig. Die Hoffnung lebt stark in all diesen „Proletarier“-Gehilfen, selbst einmal zu der „ökonomischen Selbständigkeit“ des Handwerksmeisters zu gelangen. Diese Hoffnung allein läßt sie oft das Ungemach und das Elend ihres Daseins verwinden. Es ist genau dieselbe Hoffnung, die den Meister selbst davon zurückhält, seine Werkstatt zu verlassen, um in der Großindustrie sich besseren Augenblickslohn zu suchen. Und wie leicht vollziehen sich diese Uebergänge vom Gehilfen zum Meister im jüdischen Wirtschaftsleben. Einige wenige Rubel, ein Plätteisen, ein Bügelbrett, eine Frau, einen Haufen Sorgen mehr, und der Meister ist fertig. Und das Rad dreht sich weiter. Gegen ihn nehmen dann seine beiden Gehilfen den „Klassenkampf“ auf. Genau dasselbe Verhältnis ist für den Handel in der Lage des Kleinhändlers gegenüber dem ungeheuren Heer der Agenten, Vermittler, Buchhalter und dergleichen anzunehmen. Z. Rosenstein, dem wir überhaupt auf unserem Gebiet vieles zu verdanken und zu danken haben, hat mit Recht darauf hingewiesen, daß es selbstverständlich auch zwischen ihnen zu ökonomischen Konflikten kommen kann. Aber er hat noch besser eingeworfen, daß derartige wirtschaftliche Konflikte, weit entfernt davon, Klassengegensätze zu schaffen oder gar schon darzustellen, selbst innerhalb einer Klasse keine Seltenheit sind. „Wir haben oft,“ schreibt er, „ökonomische Konflikte innerhalb der Grenzen selbst einer Klasse. So erzählt z. B. die Geschichte der englischen Arbeiterbewegung von häufigen und ganz scharfen Zusammenstößen zwischen dem qualifizierten und dem nichtqualifizierten Proletariat. Innerhalb der Bourgeoisie können wir einen Kampf zwischen der Finanzbourgeoisie und der industriellen Bourgeoisie andererseits unzweideutig feststellen. In den Reihen der industriellen Bourgeoisie wieder sieht man einen Zwiespalt zwischen den Großkaufleuten und den Industriekapitalisten.“ Aber hierher gehören auch noch andere Erscheinungen, z. B. die feindliche Stellung der Sozialdemokratie gegenüber dem Trade-Unloilismus, dessen Bestrebungen eben die Schlichtühg dieser ökonomischen Gegensätze allein | bilden. Diese Erscheinung soll hier nichts mehr sein als ein weiterer Beweis dafür, daß in keiner Weise ökonomische und Klassengegensätze zu identifizieren sind. Klassengegensätze zwischen all diesen jüdischen selbsttätigen Gruppen bestehen nicht. Sie alle, die erdrückende Mehrheit des jüdischen Volkes, sind nicht getrennt, sondern geeint. Nicht auseinandergeschlagen, wenn nicht durch bösen Willen und 1 willkürliche Verhetzung, sondern zusammenge-! schweißt. Geeint durch ihr ganzes Leben und durch ihre Kultur, geeint durch ihre Ansprüche und Forderungen, durch ihre sozialen Aufgaben, durch ihr Schicksal und ihre Zukunft. Geeint vor allem durch die gemeinsame Quelle, aus der sie alle ihren Lebensunterhalt schöpfen, die eigene Arbeit. | Gemeinsam sind sie die Träger der Bewegungen unseres sozialen, unseres kulturellen wie unseres I politischen Fortschritts. 1 Denn für den politischen Klassenkampf ist noch! weniger als für den sozialen, seine Kehrseite und Voraussetzung, Raum im jüdischen Volksleben vor-! handen. Auch dies sei noch kurz erwähnt. Wollen wir selbst von der Tatsache absehen, daß dem jüdischen Gesellschaftskörper überhaupt keine Macht politischer Art über ein Territorium oder ein staatsähnliches Gebilde bisher zugestanden hat (wenn man sich gewöhnt hat, mit dem Zionismus; als dem jüdisch-politischen Faktor in der Weltpolitik zu rechnen, so ist das auch eigentlich nichts als ein Blankowechsel auf das Kommende, die Vorwegi nähme einer politischen Zukunft, die in ihm zu { reifen scheint.) Selbst wenn wir davon. absehen! wollen und das gegenwärtige Dasein des jüdischen Galuth auf seine politische Struktur hin unter- | suchen wollten, so müßte sich das für jeden erj geben, der ohne Vorurteil an die Prüfung der ) Frage herantritt. i Erstens besitzt keine Klasse im jüdischen Volk! die politische Vorherrschaft über die andere, wie : z. B. die europäische Bourgeoisie bis zur russischen und deutschen. Revolution. Daher kann es auch nicht das Bestreben irgendeiner Klasse sein, wie z. B. das des europäischen Proletariats, die politische Führung an sich zu reißen. Das jüdische Volk als solches, als Gattes, ist machtlos, — i und wo nichts ist, hat nicht nur der Kaiser, sondern sogar der Klassensozialismus sein Recht verloren. Zweitens sind alle politischen Fragen der jüdischen Gegenwart nicht Fragen, die an eine Klasse gestellt werden und nicht Fragen, die von einer Klasse beantwortet werden können. Die Plünderer und Mörder von Lemberg und Kischinew haben nicht nach Produktionsmitteln und Berufszugehörigkeit | gefragt. Der Jude ist gestorben, weil er und! nur weil er Jude war. Die jüdisch-autonome Gei meinde kennt nicht und hat nie Klassenunter- | Scheidungen und Klassensonderinteressen gekannt. Unsere nationale Autonomie braucht der jüdische | Arbeiter ebenso wie der jüdische Handwerker, der i jüdische Händler wie jeder national empfindende | Jude. Und Palästina endlich, der Mittelpunkt | unseres neuerwachten schöpferischen Geistes, das! Heimatland, zu dem das ruhelose Volk zurückzu- | kehren sich anschickt, wird alle Stände, Splitter, j Strömungen und Richtungen des. Volkes umfassen. I Es kann nie und ward nie die- Interessen eines