Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 14-15 (3.4.1919)
- Date
- 1919-04-03
- Page
- Seite 429-430 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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429 VOLK UND LAND 430 terisdie Uebertragung fremder ürundsätze auf unsere Gegenwart, die ganz andere Notwendigkeiten in sich trägt? Man könnte es, wenn sie nicht für die Weiterentwicklung unseres Lebens von größter Gefahr wäre. Selbstverständlich scheuen sie alle sich auch j nicht, dieselben Methoden, dieselben Waffen, die die! Sozialdemokratie in den Großindustrieländern an- | wendet, auf das Jüdische prompt zu übertragen. Vor allem spielt der Streik bei uns eine große j Rolle. So führt z. B. die bundistische Statistik | innerhalb von 3 Jahren 312 Streiks auf, davon j 143 in mittleren Industriebetrieben und 169 in! Handwerksbetrieben. Und diese Ungeheuerlichkeit, j die’ dazu wirtschaftlich vollkommen kindisch ist, ] stellt direkt das Ziel der Parteiorganisation, ihren j Stolz dar. Wie anders könnte sonst Chasanowitsdh j schreiben: „Nicht als ob sie (die jüdischen Arbeiter) j sich nicht für Streikst hätten gewinnen lassen. Ganz im Gegenteil, die jüdischen Arbeiter müssen als geborene Streiker bezeichnet werden. Wenn das Signal zur Schlacht ertönt, so strömen sie in hellen Haufen herbei.“ Es muß endlich einmal damit aufgeräumt werden. Die Voraussetzungen des sozialdemokratischen Programms treffen auf unser Wirtschaftsleben nicht zu. Und deshalb treffen auch die Mittel der europäischen Sozialdemokratie für uns nicht das Ziel. Wenn wir zum Aufbau unseres Lebens auf den Grundlagen der sozialen Gerechtigkeit und der produktiven jüdischen Arbeit schreiten wollen, so müssen wir unsere eigenen Wege gehen. Vor j allen Dingen heißt für uns Sieg des Sozialismus j nicht Sieg einer Klasse, Kampf für den Sozia- | lismus nicht Kampf einer Klasse gegen die anderen, j Unsere Mittel sind der positive ökonomische Abj bau Und die Schaffung jener sozialistischen Gesinnung, deren Wert die Sozialdemokratie, nachdem sie ihn so lange außer acht gelassen, in Deutschland und in Rußland erst nach der Revolution erkennt. Nicht weil diese Wege durchaus unsere sein müssen, nicht aus mißverstandenem intellektuellen Lokalpatriotismus, nicht einer Kirchturmpolitik zuliebe, sondern weil die Theorien, die wir ablehnen, weder unserer inneren Stellung zum Sozialismus, der für uns eine Angelegenheit der Gerechtigkeit und nicht ein Lohninteresse darstellt, noch den Forderungen unseres Wirtschaftslebens entsprechen. Vielmehr würden sie unser Wirtschaftsleben zum Zusammenbruch führen, ein ganzes Volk ökonomisch ins Verderben stürzen. Das aber kann in keines Menschen Interesse liegen. Sicherlich aber hat es nichts zu tun mit dem Sozialismus. Und dennoch: Ganz ohne Parallele — das für die sehr Aengstlichen — ist auch der jüdische Volkssozialismus nicht. Jene russischen Volkssozialisten, die Narodniki, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die besten Teile des russischen Volkes mit sich fortgerissen haben, die russischen Sozialrevolutionäre, die russischen Trudowicki, sie alle, die nicht im Namen der einen oder anderen Klasse für die sozialen ideale gekämpft haben und kämpfen, sie alle sind uns nahe und verwandt. Für sie alle wie für uns repräsentieren die eigentlichen Arbeiter (im sozialdemokratischen Sinne) nicht die Masse des Volks und nicht seihe Vorkämpfer. Für sie alle sind alle arbei-! tenden Klassen des Volkes gemeinsam die Träger! der sozialen und der nationalen Befreiung. Wen umfassen nun diese Massen? Es ist selbstverständlich, daß sich dieser Begriff im jüdischen und im russischen Volk nicht deckt, und daß der jüdische Volkssozialismus sich dem anpassen muß, was er bei uns wirklich enthält. Der Hauptträger der russischen Sozialrevolutionären und narodnistischen Bewegungen war und ist der russische Bauer. Wir könnten glücklich sein, wenn wir uns auf eine Masse so bodenständiger, ureingesessener Elemente stützen könnten, wie sie die russische Bauernbevölkerung darstellt. Ein ungeheures Maß an Arbeitskraft, Ausdauer, an sozialen und kulturellen Fähigkeiten liegt im russischen Muschik. Diese gesunde Grundlage fällt für das jüdische Volk vollkommen fort. Zunächst werden die arbeitenden jüdischen Massen selbstverständlich den Teil des Volkes umfassen, der nichts weiter sein Eigentum nennt als seine Arbeitskraft, dessen einziges Besitztum sie darstellt, und das er in irgendeinem beliebigen Betriebe verkauft. Das ist neben der verhältnismäßig kleinen Fabrikarbeiterschaft die weit größere Zahl von Arbeitenden im Handwerk und in der Hausindustrie. Daneben aber die großen Mengen von Menschen, die im Handel beschäftigt sind und dazu noch alle die freien Berufe, die die eigene Arbeit zur Grundlage haben. Viel wesentlicher jedoch und ihrer Zahl nach, wie wir schon ausführten, viel bedeutender sind alle jene Kleinunternehmer, besonders die kleinen Handwerker, die es im Jüdischen Volk in Massen gibt, die zwar noch im Besitz von Produktionsmitteln sind, aber sowohl der Quelle ihres Ein-: kommens, der Arbeit nämlich, als auch ihrer ganzen Weltanschauung und Psychologie, ihren ganzen Erfordernissen und Bewegungen nach zu den jüdischen Arbeitenden gehören. Dabei ist meines Erachtens vollkommen unwesentlich, ob ihre Arbeit tatsächlich selbständig ist oder als hausindustrielle im Dienste eines übergeordneten Unternehmers steht; ob sie allein arbeiten oder mit einem oder zwei Gehilfen. Gerade dieser Typus der Wirtschaft ist im östlichen Judentum ungeheuer verbreitet. Gerade hierhinein hat man Klassengrundsätze konstruieren und tragen wollen, und gerade hier haben diese Versuche am verderblichsten gewirkt. Jeder, der das jüdische Leben im Osten kennt, weiß, daß davon keine Rede sein kann. Wir wissen, wie der jüdische Handwerker, der jüdische Kleinhändler in allen Städten und Städtchen des Rayons sein Leben fristet, wir wissen, wie es von Tag zu Tag in Nahrungssorgen Und Arbeitsnöten und tausend Aengsten dahingleitet, wir wissen auch, wieviel soziale Energie, wieviel kulturelle Widerstandskraft in ihnen allen, wie im jüdischen Arbeiter, so im arbeitenden Intelligenzler, schlummert. Welche Heldentat ist es, und welche sozialdemokratische Lebensauffassung kann es erklären, daß der jüdische Handwerker, dem die russischen Gesetze die Freizügigkeit gestatteten, in seinem gesunden nationalen Gefühl im Rayon geblieben i ist und sich durch keine Lockung besseren wirtj schaftlichen Daseins dahin hat bringen lassen, die