Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 14-15 (3.4.1919)
- Date
- 1919-04-03
- Page
- Seite 427-428 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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427 VOLK UND LAND 428 dische Masse lebt also in der typischen kleinkapitalistischen Wirtschaftsweise. ' Aber die Entwicklunglehrt uns auch, daß wir es nicht mit einer Zurückgebliebenheit der nationalen Wirtschaft oder besser nicht vornehmlich mit einer Zurückgebliebenheit zu tun haben. Wir stehen hier vielmehr vor einem soziologischen und psychologischen Rätsel. Die jüdischen Massen zeigen nicht die geringste Tendenz, zur großkapitalistischen Produktionsweise überzugehen. Trotz der aufblühenden polnischen Großindustrie industrialisieren sich die jüdischen Massen nicht. Unter den Ursachen dafür haben wir zunächst eine ökonomische. Das ist die Entwicklung der jüdischen Fabrik. Das! nämlich, was wir an jüdischer Großbourgeoisie haben, ist vornehmlich Handels- und Finanzkapital, nicht Industriekapital, und auch das nur schwach konzentriert. Nach der österreichischen Zählung z. B. kommen bei Kar. tholiken auf 100 selbständige Produzenten 435 Arbeiter und Beamte, bei den Juden nur 92 Arbeiter und Beamte, d. h. weniger als ein Viertel. Nun ist der Jude im 0$ten wesentlich auf die jüdische Fabrik angewiesen. Wenn auch selbst der jüdische Fabrikant, was selbstverständlich in anderen Völkern eine vollkommene Unmöglichkeit darstellt, dem jüdischen Arbeiter mit starkem Mißtrauen entgegensteht, wenn selbst der jüdische Fabrikant aus verschiedensten imaginären und realen Gründen den polnischen und russischen Arbeiter dem Juden vorzieht, so ist die polnische Fabrik aus religiösen und nationalen Gründen in den meisten Fällen für den Juden ganz verschlossen. Zum wesentlichen Teil hängt das auch nicht einmal von der Stellung des polnischen Arbeitgebers, sondern von der „solidarischen brüderlichen“ Haltung der nichtjüdischen Arbeiter selbst ab. Aber wenn das unzweifelhaft ein Grund dafür ist, warum der Jude so fern von der Fabrik stehen muß, so rührt eigentlich erst das: Faktum, daß auch in den jüdischen Fabriken selbst der Jude prozentual hinter den anderen zurücksteht, erst an den eigentlichen inherlichen Kern der Frage. „Und zwar ist sein Anteil um so geringer, je mehr der ganze Betrieb mechanisch, eigentlicher Großbetrieb wird.“ Das erklärt — und damit stimmen wir mit den meisten Forschern überein — aller Wahrscheinlichkeit nach der starke Unabhängigkeitsdrang des Juden. „In seinem unauslöschlichen, individuellen Geltungswillen kann der Jude sich in die Mechanisierung, die absolute Gleichmacherei der großindustriellen Maschinerie nicht einordnen: Aussichtsloses Gleichgestelltsein mit allen anderen geht ihm gegen die Natur. Bei individueller Beschäftigung glaubt er immer noch, eine kleine Hoffnung auf Emporkommen zu sehen.“ Die breiten jüdischen Massen also sind nicht industrialisiert Und industrialisieren sich nicht. Sie bestehen in ihrem erdrückenden Teil weder aus Industrieproletariat, noch aus Großbourgeoisie, sondern aus selbständigen, selbstarbeitenden Unternehmern, die allerdings ökonomisch auch nicht besser situiert sind als die Arbeiterschaft selbst. Sogar der Poalezionist Chasänowitsch sagt einmal: „Die Tragödie der ostjüdischen Massen besteht vornehmlich darin, daß sie von den althergebrachten ' Berufen verdrängt, sich keinen entsprechenden Ersatz in der modernen Industrie und im modernen Verkehr schaffen können ... Von einem modernen Industrieproletariat unter den Juden Osteuropaskann ja kaum die Rede sein. Galizien besitzt noch fast gar keine Großindustrie, und die verhältnismäßig kleine Anzahl jüdischer Arbeiter besteht fast nur aus Handwerksgesellen.“ Aber Chasanowitsch stellt die Erscheinungen fest, ohne die Folgerungen aus ihnen ziehen zu wollen. Die Verhältnisse sind allerdings andere in dem technisch-industriell selbstverständlich ganz anders zusammengesetzten amerikanischen Millionen Judentum. Dort gibt es ein ausgedehntes jüdisches Industrieproletariat, dort ist es in starken Organisationen zusammengeschlossen. Dort ist es auch zu seinen großen Teilen in die Großindustrie eingetreten, und hat sogar ganze Industriezweige für seine Arbeit besetzt. So ist z. B. die gesamte Konfektionsindustrie fast ausschließlich in jüdischen Händen. Daß es in den Vereinigten Staaten außerdem konzentriertes Großkapital in hinreichendem Maße gibt, ist selbst aus allen amerikanischen Romanen genügend bekannt geworden. Hier würde also das jüdische Proletariat die Maßnahmen zu ergreifen haben, die auch die europäischen und amerikanischen Sozialisten längst ergriffen haben. Aber stellen diese Forderungen (einen Bestandteil des jüdischen Wirtschaftsprogramms, stellen (überhaupt die fordernden Arbeiter Und die Unternehmer, von denen sie (fordern, etwa Bestandteile eines; jüdischen Wirtschaftsorganismus dar? Der! jüdische Kapitalist, der in New York (genau j ebenso: in Lodz oder in Warschau) eine Fabrik I gründet, stützt und fördert dadurch doch nicht | etwa das jüdische Wirtschaftsleben, sondern das amerikanische (bzw. polnische). Der Jüdische Arbeiter in New York (genau ebenso wie in Lodz und in Warschau) wendet feiCh mit seinen Forderungen gegen das polnische (bzw. amerikanische) Wirtschaftsleben und nicht etwa gegen ein jüdisches. Alles das sind keine organischen Funktionen eines, j selbständigen jüdischen Wirtschaftskörpers. Sie werden von fremden Wirtschaftsverhältnissen lind fremden Entwicklungen diktiert, streben eine Umwandlung der fremdeta Verhältnisse an, .wenn sie sie auch nie bewirken! können und sind so höchstens gemeinsam mit den Arbeiterschaften ider Wirtsvölker möglich und berechtigt. So stellt sich also das jüdische Wirtschaftsleben | dar: Kein selbständiger, gesunder, eigener Wirtschaftskörper, keine ausgebildete Klassendifferenzierung, keine großkapitalistische Wirtschaftsordj-: nung, dabei eine ungeheure Häufung selbständiger kleiner Wirtschaftseinheiten. Und in dieses Wirtschaftssystem, das eigentlich1 schon an sich krank und kaiuni lebensfähig ist, und das im Grunde nur! dank der ungeheuren Widerstandskraft des jü-; dischen Handwerkers uijd des selbsttätigen Klein-! eigentümers sich hat erhalten können, wollen unsere | Sozialisten die europäische Klassendoktrin und | den europäischen Klassenkampf tragen. Muß man j nicht sagen, daß diese pseudojüdischen Sozialisten- I parteien, die Poale-Zion/ an der Spitze, erst den | jüdischen Sozialismus in den Kinderschuhen dari stellen? Könnte man nicht über alle ihre äußeren! Erfolge lachen und sie eine Kinderspielerei nennen^ j einen Sturm im Wasserglase, diese prinzipienrei-