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Volk und Land · 1919-04-03 · Heft 14-15 (3.4.1919) · p. Seite 425-426

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 14-15 (3.4.1919)
Date
1919-04-03
Page
Seite 425-426 (sequence 7)
Language
German
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425 VOLK UND LAND 426 Marx es gebietet, so schreibt auch ein biederer Poalezionist: „Die nationale Frage ist für das jüdische Proletariat verbunden mit den Bedingungen und Formen seines Klassenkampfes, mit der sogenannten strategischen Basisi und auch mit den Bedingungen seiner Proletarisierung oder seines Arbeitsortes. Die nationale Frage erscheint dem jüdischen Proletarier nur, wenn sich sein schwerer und anormalerer Klassenkampf fühlbar macht und nur insofern der Klassenkampf kränkliche Ausnahmeformen annimmt.“*) Auchdie Poale-Zion achten nicht darauf, ob die Entwicklung unserer Gesellschaft eine so einfache Uebertragung zuläßt. (Wo alles haßt, können die jüdischen Sozialdemokraten doch nicht lieben! Wir wollen regelrechte Arbeiter sein, wir wollen einen regelrechten Klassenkampf. (Wirklich, als wenn nicht die Arbeit, sondern das Marxistische Programm den Menschen zum Arbeiter machte. Wie aber, wenn diese Regeln für uns nicht recht sind, wie, wenn fjür uns ganz andere Regeln recht sind? Vom Westjudentum können wir in diesem Zusammenhang absehen. Das Westjudentum als solches ist ökonomisch so verkrüppelt, auf ge baut eigentlich nur auf der Teilung in Händler und Berufsintelligenz, so daß es losgelöst von den Wirtschaftskörpern der es umgebenden Völker gar j nicht gedacht werden kann. Und wenn das auch, wie wir später .noch genauer erkennen werden, in gewissem Maße auch! auf das Ostjudentum zutrifft, so bekommt dieses doch! allein durch die jüdischen) Massen eine ganz andere soziale Lebenskraft und Stabilität. Der Organismus des Ostjudentums nun hat sich unter den (Verhältnissen des Gahith in einer | ganz eigenartigen Weise entwickelt. In erster Reihe j fehlt durch die „Exterritorialität“ der jüdischen \ Arbeit vollkommen die natürliche und gesunde! Grundlage jeder Volkswirtschaft, die aCkerbautreij bende Masse der Bevölkerung. Alle Jahrhunderte des Mittelalters hindurch bis in die neueste Zeit hinein hat das »gesamte Ostjudentum sozial völlig j undifferenziert in seiner Ganzheit lediglich die Ver* j mittlerrolle zwischen dem niChtjüdischen Produi zenten und dem nichtjüdischen Konsumenten gej spielt. Der ganze polnisch-jüdische Wirtschaftskampf der letzten Jahre, der Boykott mit seinem j „Kauft nicht bei Juden“ entspringt lediglich dem Verlangen der Polen, einen eigenen polnischen Mittelstand zu schaffen, nachdem die Juden solange diese Lücke im polnischen Wirtschaftsleben ausgefüllt haben. Erst seit 1860, ungefähr nach den großen russischen Agrarreformen und der Bauernbefreiung, setzte der soziale Differenzierungsprozeß bei den Juden ein. Er wurde bewirkt einerseits durch das Entstehen einer größeren russischen Industrie, andererseits durch die gesetzlichen Beschränkungen die die luden im Ansiedhingsrayon zusammenpreßten. Damals entstand als eine Folge dessen die Wanderbewegung nach Amerika in ihren bis in die neueste Zeit gewaltigen Formen, als andere Folge drängten sich die armen Massen in den Städten und Städtchen zusammen, in einer Enge- *) N. Aronow, Wos wißen Üie Poaie-Zion. Dichtigkeit und Dürftigkeit, die alle europäischen Begriffe übersteigt. Da entstanden die neuen Berufe der Juden, vor allem das jüdische Handwerk, das heute über ein Drittel der arbeitenden Juden umfaßt. Auch innerhalb des Handwerks selbst vollzog sich eine weitere Berufsgruppierung in das eigentliche Handwerk, in Haus- und Manufakturindustrie. Auch der Handel der Juden differenzierte sich, besonders unter dem Einfluß der osteuropäischen Wirtschaftsentwicklung, weiter und führte zu der ganzen unglaublichen Skala der jüdischen vermittelnden Berufe, die weitere zwei Fünftel umfassen. Der übrige Teil der jüdischen Arbeitenden zerfällt in arbeitende Intelligenz und industrielles Proletariat. Dieses industrielle Proletariat nun, das in den europäischen Völkern unzweifelhaft die relativ stärkste Gruppe des Volkes bildet, das unzweifelhaft dort auch der starke Träger und der erfolgreiche Kämpfer der sozialen Bewegung ist, stellt bei den Juden eine ganz verschwindende Minderheit dar. Selbst die poalezionistische Statistik, die das Maß der Arbeiterschaft möglichst zu erhöhen sich bemüht, weil sie ihre Theorien den sozialdemokratischen Forderungen gemäß hauptsächlich auf sie stützt, kann diese Tatsache nicht verschleiern. Sie führt für Rußland nach der letzten Zahlenerhebung unter 5063 000 Juden als im Lohndienst stehend insgesamt 335000 an. Für Oesterreich' bei 1 225000 Juden 67 000i im Lohndienst. Tatsächlich dürfte die Zahl noch viel niedriger sein, und sie hat sich in der letzten Entwicklung nicht nur nicht vermehrt, sondern eher verringert. So schreibt ein Forscher, der als vorurteilslos angesehen werden darf, weil er uninteressiert ist, Professor Julius Hirsch aus Köln: „An der Tatsache kann kein Zweifel mehr sein. Unter fast 6 Millionen Juden in .Rußland findet man nicht ganz 35000 wirkliche Fabrikarbeiter. In der Fabrikstadt Lodz leben 20 000 jüdische Reisende und sonstige Handelsangestellte, viele Tausend Handwerker, aber kaum 1000 wirkliche Fabrikarbeiter.“ Unter der bolschewistischen Herrschaft in Rußland sind zudem noch Teile der Arbeiterschaft nach der Stillegung der großen Betriebe von der industriellen Arbeit fort in den Handelsstand, der jetzt in Rußland überhaupt ungesunde und unnatürliche Formen angenommen hat, iibergegangen. Wenn aber auf der einen Seite das Proletariat im Marxschen Sinne, der Bevölkerungsteil nämlich, der sich in (keinem Besitz von Produktionsi-* mittein befindet, so gering vertreten ist, so folgt mit zwingender Notwendigkeit auf der anderen Seite, daß auch der gegenteilige Prozeß, der der Konzentration des Kapitals nämlich, im jüdischen Volk hoch vollkommen .unentwickelt ist. Die große Masse des. Volkes, die überwiegende Mehrheit, hat ihre Produktfönsmittel, ihr Kapital nicht an die Großbourgeoisie verloren. Sie zeigt auch keine Tendenzen dazu, sie lebt aber auch nicht von den Erträgnissen des Kapitals. Die breite jüdische Masse besteht vielmehr aus Menschen, die Eigentümer und Arbeiter zugleich sind, aus Menschen, die zwar im Besitz von Produktionsmitteln sich befinden, aber nicht ohne ihre eigene Arbeit auskonunen können, die trotzdem aufihre eigene manuelle Arbeit angewiesen sind. Die breite jü-

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