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Volk und Land · 1919-04-03 · Heft 14-15 (3.4.1919) · p. Seite 423-424

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 14-15 (3.4.1919)
Date
1919-04-03
Page
Seite 423-424 (sequence 6)
Language
German
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423 VOLK UND LAND 424 Schmälerung staatsbürgerlicher Rechte, wirtschaftlicher Bedrückung und Verfolgung aus nationalen Motiven in die Kompetenz dieses Gerichtshofes einzubeziehen. Locker unterbreitete der Konferenz einen Antrag zur jüdischen Frage, der im wesentlichen folgenden Inhalt hat: Die Konferenz anerkennt den internationalen Charakter der Judenfrage und fordert in Anwendung der allgemeinen Grundgesetze des Selbstbestimmungsrechts ihre Regelung auf folgender Grundlage: 1. Völlige bürgerliche Gleichberechtigung in allen Ländern. Internationalen Schutz gegen Verfolgungen und wirtschaftliche Bedrückung. 2. Freiheit der Einwanderung und Ansiedlung in allen Ländern. 3. Nationale Selbstverwaltung und nationale Gleichberechtigung. 4. Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina unter dem Schutze des Völkerbundes. Die Konferenz gibt ihrer tiefsten Empörung Ausdruck gegen die in den letzten Monaten stattgefundenen entsetzlichen Pogrome. Sie fordert die Arbeiterklasse auf, gegen diesen Ausdruck des Antisemitismus und Chauvinismus anzukämpfen. Endlich fordert die Resolution die Regelung der Judenfrage in Rumänien auf der Grundlage sofortiger uneingeschränkter und ausnahmsloser Naturalisierung aller Juden in Rumänien. Von großer prinzipieller Wichtigkeit für das jüdische Proletariat war der Antrag von Kurski zur Regelung der Sonntagsruhe. Er schildert die Ungerechtigkeit, die darin liegt, daß man dem jüdischen Proletariat einen Ruhetag aufzwingt, der nicht im Einklang steht mit seinem nationalen und religiösen Empfinden und fordert, daß der gesetzlich fixierte Ruhetag ersetzt würde durch eine 3östündige Arbeitsruhe, nach freier Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Durchführung dieses Antrages würde für das Judentum der ganzen Welt von nicht leicht zu überschätzender Wichtigkeit sein. Gerade im Osten — aber auch in Amerika — ist der jüdische Arbeiter, der an der Tradition festhält, gezwungen, zwei Tage in der Woche zu feiern. Die Abschaffung des gesetzlich fixierten Ruhetages würde daher sowohl in wirtschaftlicher wie auch in religiöser und nationaler Beziehung eine außerordentliche Erleichterung des jüdischen Lebens bedeuten. Besondere Bedeutung für das jüdische Proletariat hatten die Verhandlungen über die Ein- und Auswanderungsfrage. Uebereinstimmend forderten sowohl die palästinensischen wie die polnisch-jüdischen Delegierten die Aufhebung jeglicher einschränkenden Bestimmungen mit Bezug auf das Recht der Einwanderung. Die Länder, in denen die wirtschaftliche Lage eine zeitweise Einschränkung der Einwanderung erforderlich macht, müssen die Von ihnen zu erlassenden Verfügungen der Kontrolle des Völkerbundes unterwerfen. Die allgemeine Stimmung der Berner Konferenz bewies eine in ständigem Wachsen begriffene Symathie des internationalen Proletariats für die ösung der jüdischen Frage auf nationaler Grundlage. Man darf hoffen, daß sich diese Sympathie demnächst umsetzen wird in die konsequente Anerkennung des jüdischen Proletariats als gleichwertigen und gleichberechtigten Bestandteil der Internationale neben dem Soziaislmus der anderen Länder und Völker. C. Z. K. DER JUEDISCHE WIRTSCHAFTSAUPBAU*) Von Victor Ch. Arlösoroff. Wie baut sich die Wirtschaftsorganisation des i jüdischen Volkes auf? Wie ist seine geschichtliche J Entwicklung, welche normalen Funktionen erfüllt j er? Welche sind atrophiert? Welche Gesetze bewegen ihn? Welche Ziele sind ihm gestellt? Die Reihe von Fragen, die sich hier vor uns auftuen, kann erst in ihrer Bedeutung erfaßt und in aller Klarheit beantwortet werden, wenn wir in gedrängtester Kürze die Entwicklung der euroj päischen Wirtschaft, auf der die moderne Sozialdemokratie, vor allem der Marxismus, beruht, uns | vor Augen führen. Aus den feudalen . Wirtschaftsverhältnissen erwächst im Verlaufe des Mittelalters, besonders nach der Bildung der Städte, die Herrschaft der Bourgeoisie. Ihre Waffen sind vor allem die freie Konkurrenz, die Häufung von Produktionsmitteln und das Privateigentum. Durch sie wird die Spaltung der ganzen Gesellschaft in zwei KlassenT die die Produktionsmittel besitzende und die sie nicht besitzende, hervorgerufen, indem für die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft nun mehr und mehr seine wirtschaftliche Macht entscheiden wird. Dadurch ist der Grund zu dem letzten entscheidenden Klassenkampf gelegt, der das gemeinsame Merkmal. aller Industrieländer ist. Dieser Kämpf wird notwendigerweise außer nach der ökono- J mischen Seite auch sozial und politisch geführt, j Er rechtfertigt sich durch die Tatsache, daß er «las | Interesse einer gewaltigen Mehrheit gegenüber einer verschwindenden Minderheit verteidigt. Diese allgemeine Entwicklung, man mag sie verdammen oder preisen, wird für die Länder Westeuropas in den wesentlichen Zügen als richtig anerkannt werden müssen. Sie setzt aber eben I die wirtschaftliche Entwicklung bis zur hochkapitalistischen Produktionsweise unbedingt voraus. Vielj leicht ist für alle Völker Europas die soziale Revolution unvermeidlich, wenn auch in.anderem Geiste geleitet als bisher in Europa. Wie aber liegen die Dinge bei uns? Nun, die alten jüdischen sozialistischen Parteien, der „Bund“, aber auch die national zum Teil schon fortgeschritteneren Poale-Zion übertragen einfach, und man muß sagen in primitiver Weise diese Theorie und die darauf fußenden Folgerungen auf das jüdische Wirtschaftsleben. Auch was die allgemeinen nationalen Fragen anbetrifft, so existieren sie heute, in der entscheidenden Stunde des jüdischen Volkes, für diese Parteien nur bis zu einem ganz bedingten Maße. Wie die Thora von Karl *) Der zweite Abschnitt der gleichnamigen Schrift des Verfassers. Siehe auch unter den Büche rbespreditmgen des vorigen Heftes.

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