Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 14-15 (3.4.1919)
- Date
- 1919-04-03
- Page
- Seite 421-422 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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421 VOLK und LAND 422 der nationalen Autonomie beschäftigt. Auf ürund eines Referats von Leo Motzkin und einer eingehenden Debatte wurde an die Friedenskonferenz die Forderung gerichtet, daß in die Verfassungen sämtlicher neuentstandenen Staaten auf dem öebiet des früheren Oesterreich-Ungarns und des früheren Rußlands Bestimmungen aufgenommen werden, die die nationalen Minderheitsrechte der Juden unter dem Schutze des Völkerbundes verbürgen. Weitere Anträge verlangen die Aufnahme des jüdischen Volkes in den Völkerbund, sowie Entschädigung für die der jüdischen Bevölkerung zugefügten Kriegsschäden und endlich volle Wiedergutmachung BE Die Rolle, welche die Vertreter des jüdischen Sozialismus auf der ersten Koifferenz der Internationale nach dem Kriege gespielt haben, wird besonders bedeutungsvoll angesichts der europäischen Lage. Die jüdischen Massen, im Osten leben zum größten Teil in Gebieten, über welche bereits die Revolution dahingeschritten ist, zum kleineren m anderen, in denen sie sich erst noch vorbereitet. Der kommende Frieden, mag er erfüllt sein vom Geiste des Wilsonschen Gedankens oder von dem des siegreichen, hemmungslosen Imperial'smus, leitet unweigerlich hinüber in eine neue Zeit, die auf Jahrzehnte hinaus keine größere Aufgabe kennen wird, als die Auseinandersetzung mit dem Sozialismus auf dem Wege seiner schrittweisen Verwirklichung. Im Lichte dieser Erkenntnis gewinnt die Berner Konferenz die Bedeutung des Auftaktes zu einem neuen Abschnitt der Weltgeschichte, der nicht rein zufällig zeitlich zusammen- Fällt mit dem Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte des jüdischen Volkes. Es besteht ein innerer, wenn auch noch nicht für jedermann klar zutage liegender Zusammenhang zwischen den anscheinend sich so sehr widersprechenden Tatsachen der Internationalisierung der Welt und der nationalen Wiedergeburt eines Volkes, das seit Jahrhunderten ein „internationales“ Dasein geführt hat. Die Anomalie, in der das Judentum lebt dokumentiert sich auch in der Form seiner Beteiligung an der Internationale. Während in ihr jedes ändere Volk lediglich durch zwei Delegierte in der Permanenzkommission vertreten ist, die die gesamte sozialistische Welt ihres Landes repräsentierten, unbekümmert um jede Parteispaltung, war der jüdische Sozialismus durch vier ^Mitglieder vertreten. Denn sowohl der „Bund“ wie auch die „Poale-Zion“ sind in dieser Kommission gesondert vertreten. Vielleicht führt dieser unhaltbare Zustand doch einmal zur Aberkennung einer jüdischnationalen Sektion innerhalb der Internationale. Heute wäre die Erfüllung dieser alten poale-zionistischen Forderung nichts weiter als aie praktische Anerkennung einer vollendeten Tatsache. Dem jüdischen Volk, das seine nationale Heimstätte in Palästina in Besitz nimmt, werden selbst diejenigen sozialistischen Kreise die Gleichberechtigung in der Organisation nicht versagen, welche bisher, statt international zu denken, lediglich interterritorial gedacht haben. Diese Unzulänglichkeit des Denkens blieb leider nicht auf die . andern beschränkt. Der „Bund“ machte sie sidh auf der Konferenz in einer Weise zu eigen, daß die Bundisten sich weniger als Vertreter des jüdischen als des polnischen Sozialismus girierten iund sich schützend vor die polnische Sozialdemokratie stellten, um sie davor zu bewahren, daß die Konferenz gegen das Verdes Pogromschadens durch die Regierung desjenigen Landes, in welchem der Pogrom stattgefunden hat. Damit ist die Forderung der nationalen Autonomie in die Forderungen, die der offizielle Zionismus, stellt, aufgenommen worden und das Arbeitsgebiet des Zionismus hat sich ungeheuer erweitert. Die zukünftige zionistische Arbeit wird hauptsächlich in zwei Richtungen zu bestehen haben: Der Aufbau Palästinas und der Ausbau und die Sicherung des jüdischen Lebens in der Diaspora. In beiden Beziehungen ist die Londoner Konferenz richtunggebend gewesen. Dr. Fritz Löwenstein. RN haltendes polniscbea^rficoletariats in der Judenfrage nachdrücklich protestierte. In einem Referat, das Leon Chasanowitsch der Berliner Ortsgruppe der Poale-Zion über die Berner Konferenz abstattete, hat er einiges aus der Begründung dieses Protestantrages mitgeteilt. Hier sei nur daran erinnert, daß es ein Führer der polnischen Sozialdemokratie, Dasczynski, gewesen ist, der das Märchen in die Welt setzte, die Pogrome seien das Werk der Deutschen und Oesterreicher. Derselbe Dasczynski war es, der in Krakau sagte, daß die Juden seit 500 Jahren den Fehler machten, daß sie nicht in der polnischen Nation aufgingen. Krakau sei eine ehemals deutsche Stadt gewesen, deren Deutschtum man jetzt aber verdaut habe. Nur die Juden wollten sich nidit assimilieren. Indem der „Bund“ einem Sozialismus mit so starken imperialistischen Instinkten die Stange hielt, versündigte er sich nicht nur an den jüdischen Massen, die sich nun einmal nicht „verdauen“ lassen wollen, sondern auch am sozialistischen Gedanken, der jeden Imperialismus, nicht zuletzt auch den kulturellen, ausschließt. Im Mittelpunkt aller Erörterungen der Konferenz stand der Völkerbund, der in der Wunschvorstellung des Proletariats etwas anders aussieht, als die Pariser Beschlüsse ihn zu schaffen geeignet erscheinen. Interessant ist, wie sich die Vielgestaltigkeit des politischen Lebens der Juden in den Forderungen widerspiegelt, die von den einzelnen jüdischen Delegierten an den Völkerbund gestellt wurden. Kossowski, der Vertreter des „polnischen allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes“ wandte sich gegen die Antisemiten aller Länder und verlangte vom Völkerbund die allgemeine Sicherstellung der bebensrechte des jüdischen Volkes in der ganzen Welt. Besonders scharf protestierte er gegen die judenfeindliche Haltung der polnischen Sozialdemokratie. Die Poale-Zionisten Kohn und Locker stellten einen Antrag, der zum Ausdruck brachte, daß der Völkerbund nicht lediglich eine Zusammenfassung von Staaten sein dürfe, sondern ein wahrer Bund der Völker. Im Hinblick auf die Wiedererrichtung des jüdischen Volkes in seiner alten Heimat, fordern sie den Schutz des Völkerbundes nicht allein für die Staaten, sondern auch für die Nationalitäten und für diese nicht nur dort, wo sie auf eigenem Boden leben, sondern auch wo sie als Minorität inmitten fremder Wirtsvölker existieren. Um dem Völkerbund die Erfüllung dieser Aufgabe möglich zu machen, schlagen sie die Errichtung eines Gerichtshofes für nationale Angelegenheiten vor, der über alle Fälle der Unterdrückung des nationalen Bekenntnisses, der nationalen Kultur, Sprache, Schule usw. urteilen soll, wobei nicht vergessen wurde, auch alle Fälle der