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Volk und Land · 1919-04-03 · Heft 14-15 (3.4.1919) · p. Seite 419-420

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 14-15 (3.4.1919)
Date
1919-04-03
Page
Seite 419-420 (sequence 4)
Language
German
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419 VOLK UND LAND 420 erste Tagung nach dem Kriege ab. Von diesem hohen .Gefühl der Verantwortung waren die gesamten Verhandlungen getragen. Es war ein unvergeßlicher Augenblick, den auch derjenige, der ihn nicht miterleben durfte, ganz empfinden wird, als Weizmann, von der Pariser Friedenskonferenz zurückkehrend, seinen Bericht erstattete und unter dem brausenden Jubel der Konferenz das „Schehechejonu“ sprach. Weizmanns Bericht sei hier kurz zusammengefaßt: Die zionistische Delegation, die vom Zehnerausschuß der Friedenskonferenz empfangen wurde, bestand aus Weizmann, Sokolow, Ussischkin und dem französischen Zionisten' Andre Spire. Ferner war anwesend Silvain Levi al$ Vertreter der nichtnationalen Juden Frankreichs. Die Tagung fand unter der Leitung von Pichon statt. Anwesend waren ferner Clemenceau, der sich zum ersten Male nach seiner Verwundung an den Beratungen beteiligte^ ferner die Engländer Balfour und Milner, die Amerikaner Lansing und White, der Italiener Sonnino und der Franzose Tardieu. Die Beratung begann mit einer kurzen französischen Rede Sokolows, der das historische und moralische Anrecht des jüdischen Volkes auf Palästina auseinandersetzte. Es folgte eine englische Rede Weizmanns, der die ökonomischen Bedingungen schilderte, unter denen die jüdische Masse dahinlebt, die besonders schwer durch den Krieg getroffen sei. Ussischkin sprach dann in hebräischer Sprache und es machte tiefen Eindruck auf die Konferenz, daß sie die Wünsche des jüdischen Volkes in der alten Sprache der Bibel vernahm. Als letzter zionistischer Redner appellierte Andre Spire besonders an die französischen Delegierten. Die nun folgende Szene, in welcher Silvain Levi mit den abgedroschensten Argumenten versuchte, die Sache unseres Volkes zu schädigen, verdient eigentlich nicht, auch nur erwähnt zu werden. Weizmann fand für sie das treffende Wort, als er über das Auftreten Silvain L£vis nachher in London sagte, er habe es als einen Chiliul haschem empfunden. Die Zionisten hatten die Absicht, auf seine Rede überhaupt nichts zu erwidern. Da gab Lansing durch seine Frage, was die Juden unter nationaler Heimstätte verständen, Weizmann Gelegenheit, das praktische Kolonisationsprogramm der zionistischen Organisation näher zu entwickeln. Er rechnet mit einer jährlichen Einwanderung von etwa 60000 Juden und verlangt, daß diejenigen ökonomischen,, politischen, administrativen und kulturellen Einrichtungen getroffen werden, die die Errichtung eines jüdische/i Gemeinwesens (commonwealth) ermöglichen. „Palästina den Juden, wie England den Engländern und Amerika den Amerikanern!“ Lansing erklärte sich von Weizmanns Ausführungen voll befriedigt. Die Sitzung schloß in einer für die Zionisten überaus günstigen Stimmung, die sich in dem Beschluß., eine Kommission zur Beratung der Einzelheiten einzusetzen und in Balfours und Sonninos Glückwünschen ausdrückte. Trotz Silvain Levis Aüftreten durfte Weizmann in seinem Telegramm nach London den 27. Februar als den größten Tag der jüdischen Geschichte bezeichnen und durfte bei seiner Rede in London sagen, daß nunmehr die zionistischen Forderungen grundsätzlich von den Mächten angenommen seien. Wenn somit die politische Arbeit des Zionismus zu einem gewissen Abschluß gekommen ist, so gewinnen nunmehr die Probleme der Emigration und Kolonisation erhöhte Bedeutung. Noch liegen uns die Einzelheiten über die Kolonisationsdebatte nicht vor und wir werden in einer späteren Nummer dieser Zeitschrift auf den Gang der Diskussion eingehen. Aber die Beschlüsse, die bereits bekannt sind, /eigen uns, in welcher Richtung sicli die Debatte bewegt hat. Es wurde beschlossen, in London ein zentrales Emigrationsamt zu errichten und in einem neutralen Lande ein weiteres Emigrationsbüro zu errichten. Zweifellos werden diese zentralen Emigrationsinstitutionen dann die weiteren Auswanderungsämter in den einzelnen Ländern gründen. Was die Kolonisation selbst anbetrifft, so stand hier naturgemäß die Frage des Bodenkaufs und die eng damit zusammenhängende der Nationalisierung des Bodens im Vordergrund des Interesses. Da ist von besonderer Bedeutung der Beschluß, einen Landfonds zu errichten. Man ist also von dem Gedanken ausgegangen, daß der Jüdische Nationalfonds trotz der erfreulichen und sicher noch zu verstärkenden Zunahme seiner Mittel naturgemäß in absehbarer Zeit auf dem von ihm eingeschlagenen Wege der Sammlungen nicht diejenigen Mittel aufbringen wird} die in der nächsten Zeit voraussichtlich benötigt werden. Demgemäß ist der Landfonds gegründet worden, der offenbar seine Mittel in anderer Weise aufbringen wird, als es der Nationalfonds tut, vielleicht auf dem Wege der Anleihe. Ueber die Sozialisierung des Bodens hat eine lange Debatte stattgefunden, auf die nach Eingang genauer Berichte zurückzukommen sein wird. Festgestellt se(, daß eine große Mehrheit der Versammlung p(ie Nationalisierung des Bodens ohne alle Einschränkung forderte, während eine Minorität zwar für Beseitigung jedes Großgrundbesitzes und für Vermeidung der Bodenspekulation war, und deshalb ebenfalls einer weitgehenden Nationalisierung des Bodens das Wort redete, aber doch gewisse Einschränkungen machen wollte. Die endgültigen Beschlüsse lauten: „Ein jüdischer Landfonds wird gebildet, der für die nationale jüdische Kolonisation alle Ländereien übernimmt, die nicht im Privateigentum stehen, ferner andere erhältliche Ländereien unter sorgfältiger Berücksichtigung der Rechte der arabischen Besitzer. Die Ländereien des Landfonds können nicht in Privateigentum übergehen, sondern gehören dem jüdischen Volke.“ Der Sinn dieser Beschlüsse ist der, daß der Landfonds das alleinige Recht hat, Staatsländereien und herrenlose Terrains zu erwerben, daß er aber auch natürlich berechtigt ist, Böden aus Privatbesitz, sei es arabischem oder jüdischen, zu erwerben und daß aller Boden, den der Landfonds erworben hat, nationalisiert wird, also nicht in Privateigentum übergehen kann. Unentschieden dagegen ist die Frage geblieben, ob Private berechtig sind, ohne den Landfonds in Anspruch zu nehmen, Ländereien in ihr Privateigentum überzuführen. Erst mit der Entscheidung dieser Frage wird die Nationalisierungsangelegenheit definitiv erledigt sein. Wir Haben schon oben hervorgehoben, daß die zionistische Organisation sich heute als die Vertretung des jüdischen Gesamtvolks fühlt und deshalb die Verpflichtung in sich hat, alle Fragen zu behandeln, die das Leben des jüdischen Volkes betreffen. Je klarer es uns allen wird, daß für absehbare Zeit die Diaspora fortbestehen wird, ja, daß ihre Zahl sich kaum nennenswert verkleinern dürfte und je deutlicher wir erkennen, daß durch den Chauvinismus der Nationen in Osteuropa, durch Pogrome, Boykotts und Bolschewismus die Lage der jüdischen Massen eine immer verhängnisvollere wird, um so weniger' darf sich die zionistische Organisation der Verpflichtung entziehen, soweit möglich, die Fragen des Ostjudentüms einer befriedigenden Lösung entgegenzuführen. Zum ersten Male hat eine internationale zionistische Tagung sidi mit den Fragten

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