Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12-13 (20.3.1919)
- Date
- 1919-03-20
- Page
- Seite 413-414 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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413 --.. VOLK UND LAND ^=^='-. ■. 414 Daß jener Gedanke längst über das Stadium des genialen Projektes hinaus ist, daß er der Brandung des wirklichen Lebens gegenüber - standgehalten und sich als lebendige und fruchtbare Zahl in der großen Wirtschaftsrechnung erwiesen hat, hat für uns eine nicht geringe Bedeutung. Wissen wir doch, daß der Gartenstadtgedanke nach den Ideen berufener Kreise für den Aufbau Palästinas fruchtbar gemacht werden soll. Berlepsdh läßt die Gartenstadtbewegung aus der großstädtischen Wohnungsnot mit ihren ungeheuerlichen Begleiterscheinungen herauswachsen. Er stellt in großer Ausführlichkeit die Grundlagen und die Entwicklung des englischen Industrialismus, den Einfluß der „Industrial Revolution“ auf die Großstadtbikhmg und damit' auf die Wohnweise dar und zeigt als nächstes praktisches Ziel der in die Wirklichkeit umgesetzten Gartenstadtbewegung die Wohnungsreform. Des weiteren zeigt er, wie das auf Wohnungsreform gerichtete Streben mit den wirklich erreichten Zielen der Bodenreform, mit der Kleinfarmgründting, in Verbindung gebracht wird, und1 wie schließlich dieser so verknüpfte Wohn- und Siedlungsgedanke der Notlage bestimmter Industrien entgegenkommt, die, rein physikalisch genommen, die englische Großstadtluft nicht mehr ertragen, W'eil sie zu richtigem Betriebe rußfreieir Atmosphäre bedürfen. Jeder dieser drei hervorgehobener Gesichtspunkte umgreift ein dringendes unabweisliches soziales oder wirtschaftliches Bedürfnis. So ist es verständlich, daß der Gartenstadtgedanke, in dem 'jene drei verscheiden gerichteten Bedürfnisziele zu einer Ein heit verschmelzen, nachdem er einmal in seiner Bedeutung erkannt war, über alle Bedenken hinweg sich durchgeselzt und einen unaufhaltsamen Siegeszug atige treten hat. Als Vorläufer der Gartenstadtbew'egung sind jene stadtähnlichen Gartensiedlungen anzusehen, die praktische und zugleich von staricem Sozialgeiste beherrschte Großindustrielle in erster Linie für ihre Fabrikarbeiterschaft anlegten. Vor allem kommen in Betracht die Schöpfung des als werktätiger Menschenfreund bekannten Schokoladen- und Kakaofabrikanten George Cadbury: Bourneville bei Birmingham und Port Sunlight, eine Arbeiterstadt in der Nähe von Liverpool, die von der Seifenfabrik-Aktiengesellschaft Lever Brothers ins Leben gerufen worden ist. Lieber beide Siedlungen gibt Berlepsch eine liebevoll ins Einzelne gehende, mit Plänen und Abbildungen veranschaulichte Darstellung. Es ist überaus lehrreich, diese Teile des Buches nachzulesen. Hervorgehoben mag werden, daß nach den Vorschriften des Gesamtplanes auf einem Acre (40Vs Ar) im allgemeinen nicht mehr als zehn Einfamilienhäuser stehen dürfen und daß jedes Cottage ein Vorgärtchen und einen hinter dem Hause liegenden Gemüsegarten hat. Hiernach muß eine Arbeiterwrohnsiedhmg — das Haus einbegriffen — mindestens eine Fläche von 400 Quadratmetern bedecken, also eine Fläche, die so groß ist, daß sie gartenwirtschaftlich intensiv im Nebenberuf lediglich durch Arbeit der Familienglieder bearbeitet werden kann, und die andererseits groß genug ist, um eine mittelgroße Familie das ganze Jahr hindurch mit Obst und Gemüse und den Erzeugnissen der Kleintierzucht zu versorgen. Es ist keine Frage, daß es sich bei diesen der Initiative einzelner Persönlichkeiten ihren Ursprung verdankenden außerstädtischen Siedlungen um Musterleistungen von allerhöchstem Werte handelt Sie waren die lebenden Modelle für Studienkommissionen, Kongresse, für Wohnungsverbesserer, Soziologen und Architekten. Doch hebt der Verfasser mit Recht hervor, daß ihre Wirkung nur relativ Wenigen zugute komme, daß zur Abhilfe im großen es der Mitarbeit der privaten Unternehmungslust, des privaten Kapitals bedürfe. So entwickelten sich auf diesem Boden, man darf sagen, na tu r not wendig jene Pläne, die den Gartenstadtgedanken auf genossensphaftlichcr Grundlage der Verwirklichung entgegenführten. Von einer eigentlichen Gartenstadtbewegung kann man erst sprechen seit dem aufsehenerregenden Werk des Engländers Ebcnezer Howard, das unter dem Titel: „Garden Cities of to morixnv“ im Jahre 1899 erschien, in dem der Plan einer idealen Industrie- und Wohnstadt entwickelt wird. Die unmittelbare Folge dieser Veröffentlichung war die Gründung einer englischen Gartenstadtgesellschaft zum Zwecke der Anlegung eines den Gedankengängen Howards entsprechenden Gemeinwesens bei Letchworth in der Nähe von Cambridge. Diese gartenstädtische Siedlung sowie eine ganze Reihe anderer verwandter Gründungen, deren Entstehung und Entwicklung der Verfasser eingehend imletzten Teil seines Buches behandelt hat, geben Zeugnis von der wirtschaftlichen Gesundheit des gartenstädtischen Gedankens und damit von seiner Bedeutung für die künftige Siedlungsweise überhaupt. Howards Vorschläge geben ein System einer Stadt anlage von mindestens 1500 ha und höchstens 2400 ha, bestehend aus einer ungewöhnlich geräumigen mit Handwerkern, Fabrik-, Feld- und Gartenarbeiten! bevölkerten und von einem Gürtel Landes zur Anlage von Gemüse- und Obstgärten, Meiereien, Geflügelhöfen usw. iimsäumten Stadt, deren Bevölkerung von vornherein auf etwa 30 000 Köpfe beschränkt werden soll. Howards Berechnungen sind bis ins Kleinste durchgeführt, alle Einzelheiten der Verw’altungs- und Steuerfragen usw. in hervorragender Weise durchgearbeitet. Zweifler und Gegner anerkannten dies, wrenn sie auch den Plan im ganzen für eine Utopie hielten. Howard hatte das Glück, daß seine Idee in genau rechnenden Kreisen Billigung fand und als geschäftlich gesund befunden wurde. Die Utopie ist sehr bald Wiiklichkeit gewor den. Eine so lebendige Wirklichkeit, daß Berlepsch Vallendäs in seinem Buche schreiben darf: „Die Gartenstadtbewegung ist binnen weniger Jahre über den Rahmen eines Experimentes weit hinausgew'achsen. Sie hat riesige Dimensionen angenommen, und das in einem Lande, wo man das Rechnen von jeher ausgezeichnet verstand.“ Würde man an die Gründung von gartenstädtischen Siedlungen von ähnlichem Umfang in Palästina herantreten, so wäre ein Vorteil sogleich einleuchtend', der den starkbevölkerten Industrieländern nicht in gleichem Maße zugute kommt, der Umstand nämlich, daß Palästina ein Neuland ist, und somit keinerlei Umstellung alter, mit der industriellen Entwicklung des Landes verwurzelter Einrichtungen auf eine neue Grundlage erforderlich ist. Es ist weiterhin Mar, daß alle jene ideellen und wirtschaftlichen Momente, die in ihrer Vereinigung zur Gartenstadtbewegung geführt haben, ihre volle Bedeutung auch für das künftige Palästina gewinnen werden. Wohnungsreform, garten wir tsch a ftlicher Kleinbetrieb und Industriebedürfnis, die sich >n der Idee der Gartenstadt zusammengefunden haben, kommen auch für Palästina als werbende Gedanken dieser Bewegung in Betracht. Dazu kommt aber noch ein Besonderes,, auf das die Verfechter des Gedankens der Industriegartenstadt für den Aufhau der palästinensischen Wirtschaft ausdrücklich hinweisen. Dieses Besondere ist die Verbindung intensiv betriebener Kleinlandwirtschaft, wie sie in der Gartenwirtschaft zum Ausdruck kommt, mit industrieller Betätigung. Eine Verbindung, die der jüdischen, nicht zur primitiven Landwirtschaft neigenden Veranlagung entgegenkommt und somit vom Standpunkt der jüdischen Fähigkeiten als ideal bezeichnet werden muß. Durch diese ihr Innewohnende Note erhält die Industriegarten stadt für Palästina eine besondere eigene Bedeutung. Sie wird dadurch zu einem Mittel der Kolonisation, dem weit über den sozialen und wirtschaftlichen Wert ein überaus hoher nationaler Wert zukommt. L. W. Die hier besprochenen, sowie auch alle andern Bücher, Zeitschriften usw, sind zu den Original-Ladenpreisen durch den weltverlag* G. m. b. H. (Abt.' Sortiment), Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35, zu beziehen.