Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12-13 (20.3.1919)
- Date
- 1919-03-20
- Page
- Seite 411-412 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649288--0271-2649614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
411 VOLK UND LAND 412 Partei ihn deshalb nicht vollständig befriedigen kann, weil der von ihr vertretene Klassenstandpunkt nicht der seine ist. Es dart ohne weiteres als feststehend angenommen werden, daß besonders in den Kreisen der intellektuellen jüdischen Jugend die sozialistische Gedankenwelt. in bezug auf ihr Ethos eine immer stärker werdende Anhängerschaft gewinnt, daß aber nur der kleinste Teil dieser Sozialisten im Geiste den Entschluß faßt, sich parteipolitisch zu organisieren. Und wenn dein anscheinend die große Zahl jüdischer Führer in der Sozialdemokratie widerspricht, so muß darauf hingewiesen werden, daß zwischen Führer und Geführten ein nie völlig zu überbrückender Unterschied insofern besteht, als die ökonomischen Interessen, die für die oroletansche Masse notwendigerweise im Vordergrund stehen, bei den Führern für ihre Person fast gänzlich ausscheiden und an ihre Steliie das rein idealistische Moment des Kampfes für eine Weltanschauung tritt. Solange diese Weltanschauung das ökonomische Interesse der Masse fördert, wird weder ihr noch den Führern dieser Unterschied deutlich bewußt. Aber schon der Verlauf der deutschen Revolution hat gezeigt, wie sehr wenig die Masse bereit ist, dem Idealismus ihrer Führer da zu folgen, wo diese sie lehren wollen, im Sinne des Sozialismus nicht nur Rechte zu verlangen, sondern auch Pflichten zu erfüllen. Der jüdische Führer im westeuropäischen Sozialismus ist stets mehr oder weniger das Opfer des Widerstreites, der da herrscht zwischen seiner idealistischen Auffassung des Sozialismus als Weltanschauung und dem Wesen der sozialdemokratischen Politik in der Form des Klassenkampfes. Während nun im Westen der sozialistisch denkende Jude keine andere Wahl hat, als entweder allein zu stehen oder sich dem1 Klassenkampf zu verschreiben (was ihm nur deshalb nicht allzu schwer wird, weil es eben nicht duer Kampf um die materielle Sicherung seiner Klasse ist), gibt es im Osten nicht nur jüdische Führer, sondern auch jüdische Massen. Es versteht sich von selbst, daß gerade die Ostjuden besonders schnell und besonders gründlich sich mit dem Sozialismus auseinandersetzen mußten; einmal deshalb, weil die Forderung sozialer Gerechtigkeit ein ewiges Postulat des jüdischen Geistes ist, dann aber auch, weil es nirgends in der Welt eine proletarische Existenz geben dürfte, die. der Verelendung der jüdischen Massen im Osten, dem „Luftmenschen turn*gleich käme. Man weiß, aus dem Anteil der Juden an der russischen Revolution von 1905 und der jetzigen, wie stark der Radikalismus der Ostjuden mit der Zeit geworden ist. Indessen hat sich gerade im Osten gezeigt, wie wenig der Sozialismus marxistischer Prägung für jüdische Verhältnisse geschaffen ist. Es hat sich erwiesen, daß, nachdem der Sozialismus von der jüdischen Gasse zunächst in genau derselben Form übernommen worden war, in der er aus Deutschland importiert wurde, ziemlich schnell sich eine Wandlung vollzogen hat, die heute noch mitten in der Entwicklung steht, und deren Tendenz dahin geht, aus dem' Klassen-Sozialismus der marxistischen Doktrin einen jüdischen Volkssozialismus zu schaffen. Sein Kennzeichen besteht darin, daß sein innerster Beweggrund nicht das Interesse einer Klasse, sondern der soziale Fortschritt der Gesamtheit ist. Diesen jüdischen Volkssozialismus, der im Osten durch die außerordentlich starke Partei der Zeire-Zion vertreten wird, in Palästina durch den Hapoel-Hazair, dem in der letzten Zeit in Deutschland eine Zweigorgani- . sation angegliedert wurde, widmet einer der Begründer dieser deutschen Organisation, Viktor Ch. Ar Io so - roff eine Broschüre, die in anschaulicher Weise die Entwicklung des jüdischen Sozialismus schildert und die Grundlagen des jüdischen Volkssozialismus in überzeugender Weise darstellt. Er zeigt, daß der marxistische Sozialismus auf die jüdischen' Massen schon deshalb keine Anwendung finden kann, weil ihr ökonomischer Aufbau so ganz anders geartet sei, als der des westeuropäischen Proletariats. (Wir bringen den Teil der Broschüre, der den ökonomischen Aufbau der Ostjudenheit behandelt, im nächsten Heft zum Abdruck.) Er beweist vor allem, daß das Fundament des. marxistischen Sozialismus, die Tatsache der Klassenunterschiede in der westeuropäischen Gesellschaft, für die Ostjudenheit nicht zutrifft, und daß deshalb der Klassenkampf als politisches Mittel für das jüdische Volk in seiner fetzigen Entwicklungsform zu verwerfen sei. Da im jüdischen Volke keine Klasse die Vorherrschaft über die andere besitzt, da alle politischen Fragen der Gegenwart nicht an eine Klasse gestellt sind und nicht von einer Klasse beamt wortet werden können, sondern sich an das ganze 1 Volk wenden und nur vom Volk als Ganzem beamt ' wortet werden können, so ist der Klassenstandpunkt, i wie er von den Bundisten und selbst von den Poate Zion vertreten wird, eine Assimilation an eine Gedanken , weit, dessen Schlüssigkeit, von ganz anders gearteten Voraussetzungen ausgehend, nicht zutreffend ist für die j jüdischen Verhältnisse. Der jüdische Volkssozialismus stellt dem Klassenkampf der Arbeiter gegen die Bourgeoisie den Kampf aller Arbeitenden gegen die Unproduktivität entgegen. Für das jüdische Volk handelt es sich nicht darum, im Stadium einer aufs höchste entwickelten Industrialisierung des Wirtschaftslebens den werktätigen Massen einen gebührenden Anteil an der Produktion zu verschaffen, sondern es ist seine Aufabe, das jüdische Wirtschaftsleben, das unter vollommen anormalen Verhältnissen sich in einer Weise entwickelt hat, die es nicht gestattet, es mit dem Wirtschaftsleben irgendeines Volkes zu vergleichen, zurückzuführen in normale Zustände, das heißt, es vollkommen neu aufzubauen. Das ist aber eine Aufgabe, die nur einem ganzen Volke und nicht einer einzelnen Klasse gestellt werden kann, eine Aufgabe, zu deren Bewältigung es mehr bedarf als des Klassenstandpunktes: nämlich j der sozialistischen Gesinnung und Weltanschauung. Ist so der jüdische Volkssozialismus eine dringende Notwendigkeit im Bereich der ostjüdischen Masse, so wird auch der Westjuide sich für oder gegen ihn entscheiden müssen, im Augenblick, wo er als Zionist Stellung nehmen muß zur Frage der Neuerrichtung der nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina. Wir stehen vor der Gefahr, daß eine rasche Besiedlung Palästinas mit den europäischen Menschen auch die j ganze Verwirrung ihrer europäischen Anschauungen nach Palästina kommen werden. Es besteht vor allem die Gefahr, daß der Kampf, der heute zwischen Bund, Poale Zion und Volkssozialisten im Osten ausgekämpft wird, ' mit übertragen wird, in die neue jüdische Gesellschaft, auf die er verheerend wirken muß. Der westeuropäische Zionismus und in seinen Reihen besonders die zionistische Jugend hat die unabweisbare Pflicht, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß der Aufbau in Palästina nur unter dem einen Gesichtspunkt der Arbeit des ganzen Volkes aufgenommen und durchgeführt wird. Die von sozialistischen Ideen erfüllte zionistische Jugend wird es j als Befreiung empfinden, daß ihr endlich die Möglichkeit gewiesen wird, die sozialistischen und jüdischnationalen Elemente ihrer Weltanschauung miteinander-' in Einklang zu bringen. — Die Broschüre Arlosoroffs sei ihr ein Führer, dem zu folgen sie sich freudig entschließen wird. C. Z. Klötzel. Berlepsch VaJJendäs : Die Gartenstadtbewegung in England*) Eine Verfolgung der Entwicklung der Gartenstadtbewegung in England, wie sie in der umfangreichen Studie von Berlepsch-Vaflendäs versucht wird, zeigt mit überzeugender Klarheit, daß es sich hier nicht um« einen künstlich ausgeklügelten, einer schwärmerischen Phantasie entsprungenen Gedanken handelt, sondern um Gedanken, die aus der Not der sozialen Verhältnisse haben ans Licht steigen müssen und dem tiefsinnigen Studium vieler Geister und dem Streben vieler warm herziger Menschen ihren Ursprung verdanken. Weiter zeigt sie, daß jener Gedanke, dessen Schwerpunkt auf finanziellem Gebiete liegt, seine Feuerprobe bereits bestanden hat. BerlepsCh weist im Verlaufe seiner Dar legungen mit Recht darauf hin, daß die Gartenstadtfrage, mag . auch ihre Bedeutung für die nationale Existenz, ihre ethische Seite, noch so sehr ins Gewicht fallen, doch in erster Linie eine finanzielle sei. Wb s i e nicht, führt er aus, in völlig klarer Weise gelöst sei. wo nicht alle Grundlagen so entwickelt würden,, daß das Resultat ein innerlich gesunder, diurch sich -selbst lebensfähiger Organismus sein könne, da sei alle künstlerische Begeisterung, alle opferfreudige Gesinnung auf einen Untergrund von zweifelhafter Güte gebettet. •) Verlag R., Oldenburg, München-Berlin 1911, 190 S