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Volk und Land · 1919-03-20 · Heft 12-13 (20.3.1919) · p. Seite 409-410

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 12-13 (20.3.1919)
Date
1919-03-20
Page
Seite 409-410 (sequence 31)
Language
German
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400 VOLK UND LAND 410 Scheidung häufig vor. I>ie Lage der Frau ist eine sehr traurige; Sie wird in der Familie wenig beachtet; sie sitzt nicht hei Tische neben ihrem Manne; sie speist in der Küche mit ihren Töchtern und dem Dienstmädchen. Sie muß knechtisch dem Manne gehorchen, und, wenn sie j das Unglück hat, ihm zu mißfallen, so schickt er sie I sofort ihren Eltern zurück. Es scheint, daß die Männer von ihren Ehegenossinnen verlangen, daß sie sich vor dem Anblick eines Fremden, sogar vor einem etwras entfernten Verwandten verbergen, was zeitigen würde, daß der Geist der Eifersucht bei den Männern von Rabat sehr stark ist. Die Talmud Thora gehört nicht der Gemeinde; jeder Vater verhandelt nach Uebereinkunft mit einem der Rab biner, die das Lehramt ausüben. Man zählt deren acht, die in den Höfen der Synagogen oder in elenden Schmutzlöchern wohnen, die eine verpestete Luft ausströmeh. Die Kinder sitzen auf der Erde, enge aneinandergepreßt, schmutzig, widrig anzusehen, bekleidet mit unsauberen Fetzen, barfüßig und unter der Zuchtrute unwissender, unerfahrener und fanatischer Rabbiner, Bibelverse herj leiernd. Der Lehrer sitzt ebenfalls niedergeduckt auf einer alten Matte und bat eine kleine Bank von zehn Zentimeter Höhe statt des Pultes vor sich. Die besten Schüler sind in seiner Nähe, was die übrigen angeht, so gehen sie ein und aus, schlagen und balgen sich herum, ohne bemerkt zu werden. Es ist nicht nötig zu sagen, daß keine Präsenz- und Aufnahmelistc existiert und daß kein Rabbiner die genaue Zahl seiner Schüler angeben kann.; Es gibt 17 Synagogen, die alle Einzelnen gehören, deren Namen sie tragen. Diese Synagogen befinden sich j in gewöhnlichen Zimmern, welche mit einigen Bänken versehen sind, worauf die Andächtigen sich setzen. Die Mauern voll Lücken und Löchern, schimmern in tausend Farben. Im Hintergründe des Raumes steht ein j erhöhter Schrank, das ist der Hochal. In der Mitte des; Zimmers befindet sich ein kleiner Tisch, das ist die | Toba. Fügt man einige an Kordeln befestigte große, I mit Spinngeweben bedeckte Gläser hinzu, so hat man die j ganze Ausstattung des Beetsaales. Wohnungselend in London „Wir stolpern eine Treppe mit wackligen Stufen hinab in einen Keller. Haben wir un» durchgetastet, so stehen wir in einem kleinen stinkigen Raum von etwa 12 Fuß im Quadrat (13 qm). Ein niederer Durchgang führt von ihm in ein Zimmer von 20l/n qm, in dem 10 Personen sitzen. Fenster sind nicht vorhanden, in der Decke ist ein Oberlicht. Wenn nicht das Gas brennen würde, könnten wir kaum den engen Raum übersehen. Am Abend ist es mit dem Licht noch schlimmer, denn es gibt nur eine Gasflamme ohne Glühlicht. Dann rücken die sch malschul trigen Leute enger zusammen, und selbst dann sind sie kaum imstande, zu der feinen Arbeit zu sehen. Manche tragen Brillen. So sitzen sie von früh morgens bis spat in die Nacht. Mit Frauen und Mädchen steht es oft noch schlimmer, da sie die feinere Arbeit haben, und ihre Augen stärker dabei leiden.“ Diese Schilderung gilt für die in der Kleider- und Mäntelbranche beschäftigten Heim- und Schwitzbuden- Arbeiter des Distrikts Stepney in Ostlondon, wo von 36000 Arbeitern beiderlei Geschlechts — meist russische Juden — 35 000 unter solchen ungesunden Bedingungen arbeiten. Der Fremde, der sich nach den Lebensverhältnissen dieser Leute erkundigt, w’ird auf die wenigen Bessergestellten verwiesen. Die amtliche Inspektion dieser Höhlen ist unzureichend und wird getäuscht. Erschreckend ist die Wirkung dieser Lebensbedingungen auf die Kinder. Solche von 5 und 6 Jahren müssen schon Brillen tragen. Ein Optikerdes Distrikts sagt: „Die Menge Kinder, teilweise kaum über das Säuglingsalter hinaus, mit denen ich ständig 2u tun habe, ist erstaunlich. Es ist keine gewöhnliche Augensehwäche — dazu sind sie zu jung. Es ist angeborene Schwäche, ererbtes Leiden, von den Eltern übertragen, deren eigene Sehkraft von Jahr zu Jahr schwächer wird. Diese Zustände sind geradezu beängstigend. (Daily Citizen, August 1013). BUECHERBESPRECHUNOEN Victor Ch. Arlosoroff: Der jüdische Volkssozialismus*) Vom jüdischen Sozialismus weiß der deutsche Zio nismus wenig, und das deutsche Judentum so gut wie garmchts. Denn das deutsche Judentum ist, trotz einer Rosa Luxemburg, eines Eisner, Landauer, OsCar Cohn, ffaase u. a. m. nicht sozialistisch, so wenig, wie es trotz des Bekenntnisses einer ganzen Reihe seiner hervorragendsten geistigen Vertreter zum Zionismus jüdischnational ist. Und der deutsche Zionismus ist zu sehr erwachsen auf dem Boden einer nichtproletarischen Gesellschaftsschicht, um, über theoretische Stellungnahme hinaus, Sozialismus als Lebensnotwendigkeit zu empfinden. Erst in der allerletzten Zeit beginnt sich ein Wandel bemerkbar zu machen. Die deutsche Revolution hat auch die deutschen Juden ” gezwungen, dem Sozialismus in die Augen zu sehen. Und sofort haben sich zwei Gruppen gebildet: die einen, denen ihre materialistische Weltauffassung nur gestattet, die ökonomischen Rückwirkungen einer sich verwirklichenden sozialistischen Gesellschaftsordnung auf die eigene bourgeoise Existenz in Betracht zu ziehen, und die natürlicherweise zu den sÄ'ärfeten Gegnern der Sozialisierung gehören, und jene Anderen, die mit geistigen Erwartungen und ethischen Forderungen, die nicht nur im Ökonomischen begründet sind, än den Sozialismus herantreten und ausnahmslos *) Verlag Hapoel-Hazair, Berlin. 72 S. M. %— enttäuscht werden. Auch oder vielmehr besonders dann, w'enn sie innerem Zwange gehorchend, aktiv in die Bewegung eintreten. Es ist kein Zufall, daß diese jüdischen Sozialisten Deutschlands fast ausschließlich auf der radikalen Seite stehen. Nicht, weil sie dort erhobenen Forderungen in materieller Hinsicht weiter gelten als die der Gemäßigten, sondern weil die Idee dort reiner und unverfälschter erscheint, und weil die materialistische Weltanschauung dort am „idealistischsten“ ist, w'o sie unter Abweisung jedes Kompromisses das Absolute will. Möglich, daß dies „Absolute“ unerreichbar ist für die Gestaltung der Dinge in der Wirklichkeit. Für den jüdischen Geist aber ist es als Forderung notwendig. Wer einmal Schriften Kurt Eisners gelesen hat, weiß, wie sehr dessen Radikalismus nicht vom politischen, sondern vom seelischen, idealistischen Agens erfüllt war. Für den deutschen Zionisten, der sich dem Sozialismus als Fragender nähert, kommt nun ein Weiteres hinzu. Er sucht nicht Sozialismus schlechthin, sondern den Sozialismus, der für ihn einzig möglich ist, der sich vereinbaren läßt mit seinem jüdischen Nationalismus, Und selbst dem Urteillosesten sagt ein instinktives Gefühl, daß eine einfache Nutzanwendung sozialistischer Theorien auf die jüdischen Verhältnisse — besonders in Westeuropa, wo es kein jüdisches. Proletariat gibt —, keine geringere Assimilation bedeuten würde, als die Angleidiung an den Gedanken- und Empfindungskreis der mchtjudischen Bourgeoisie. - Vor allem aber empfindet jeder denkende Jude ohne weiteres, daß der Anschluß an eine sozialdemokratische

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