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Volk und Land · 1919-03-20 · Heft 12-13 (20.3.1919) · p. Seite 407-408

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 12-13 (20.3.1919)
Date
1919-03-20
Page
Seite 407-408 (sequence 30)
Language
German
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407 VOLK UND LAND 408 I ——= VOM JUEDISCHEN VOL KSTUM =-r ■ | j fitilWiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiMiniiiiitiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiitiiiiiiiiiiitimiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitHMiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHitiiiiiiliHtiiiiiiiiiiiimtMiiiiiiiiimimiiliHHinii“ Unter dieser Ueberschrift beabsichtigen wir, Materialien über das Volkstum der Juden der Gegenwart, hauptsächlich in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht zu bringen. Auch hier werden wir unseren Lesern für gelegentliche Hinweise auf interessantes Material dankbar sein. Im Ghetto von^ Bagdad*) Auch Bagdad besitzt ein Ghetto und zwar ein recht geräumiges; denn die Juden sind hier sehr zahlreich, ln den größeren Straßen haben die Häuser zwei, manchmal drei Stockwerke. Das Charakteristischste daran sind die auf Balken ruhenden vorspringenden Erker, hinter deren eisenvergitterten Fenstern die Töchter Israels, oft schön wie die Nacht, mit halboffenen, schweren Augenlidern und müden Blicken das Leben auf der Straße beobachten. Die Läden und Basarstände schützt man gegen Sonne und Regen durch kleine viereckige Holzdächer, die durch schräggestellte Stangen gehalten werden. Diese Läden sind elende Löcher, und hinter dem Krämer, der mit gekreuzten Beinen zwischen seinen Waren auf idem Ladentisch siizt, gähnt ein abschreckendes Dunkel. Noch anspruchslosere Handelsleute, die keinen festen Stand haben, lassen sich einfach an den Häusermaklern nieder und bieten aus großen Körben Aprikosen, Pfirsiche, Gurken, Brot und Süßigkeiten feil. Auch Frauen beteiligen sich am Handel; sie kauern in faltenreiche Schleier gehüllt am Boden, der kleine schwarze, goldgeränderte Gitterlappen ist herauf gezogen und gibt ihre Gesichtszüge frei. „Airan bos, Airan bosl" klingt es ab und' zu von der nächsten Straßenecke her in gellendem1 Ton. „Airan" heißt auf Türkisch die gegorene, mit Wasser vermischte Milch; „bos" bedeutet Eis. Auf einem Holzgestell steht ein großes Gefäß mit dem erquickenden Trank, in dem klare Eisstückchen schwimmen. Für den Bruchteil eines Piasters bekommt man einen Becher voll. Das Gedränge in den Straßen des Ghettos ist unheimlich, und man darf nicht empfindlich sein, wenn ein mit einem queriiegenden Holzkohlensack beladener Esel dahergetrippelt kommt oder zerlumpte Kinder in bloßem, schmutzigen Hemd sich mit den Ellenbogen den-Weg bahnen. Jeder, der nach Bagdad kommt, besucht wenigstens die Hauptstraße des Ghettos, Chaldäer und Syrier, Araber und Armenier, Perser lund Türken, Sudanesen, Neger aus Sansibar und dem Herzen von Afrika, und sogar englische Soldaten und Offiziere, die ihre überflüssigen Effekten verkaufen, nachdem sie erfahren haben, wie knapp die Transportmittel auf dem bevorstehenden Weg nach Konia und Angora sind. Aber die Juden herrschen bei weitem vor. Es riecht geradezu nach Judentum, und es riecht schlecht, obgleich es hier luftiger ist, als in den Basaren der Mohammedaner, wo die üblen Dünste durch die Dächer festgehalten werden und das Tageslicht nur. durch Löcher hereindringt. Die Hauptstraße des Ghettos ist nicht überdacht, sondern unter freiem Himmel, nur Erker und die kleinen Schutzdächer dämpfen das Licht. Der Schmutz ist furchtbar, und wenn die Saldos mit ihren Ledersäcken sprengen, watet man durch Schlamm. Aller Abfall aus den Häusern fliegt einfach auf den Fußsteig, und die Verwandten der Schakale, die gelben Hunde, wühlen darin herum. Mit meinem syrischen Führer besuchte ich ein einfaches jüdisches Haus in einer Nebenstraße. Der Weine viereckige Hof, tagsüber der Aufenthaltsort der Hausbewohner, war, Wie gewöhnlich, mit quadratischen Ziegel¬ *) Aus: Sven Hedin, Bagdad Babylon Ninive. Leipzig, F. A. Brockhaus. 165 Seiten mit 26 AM)., M. 2.— Dieses Kapitel wird unsere Leser am besten über dieses vortreffliche Buch unterrichten. platten gepflastert. An der Mauer war ein Brunnen, aus dem man das Wasser mit Hilfe eines Ledereimers heraufholte. Links vom Eingang führten wenige Treppenstufen in ein mit zerfetzten Matten und etlichen Schemeln möbliertes Loch, dessen Gitterfenster auf eine kleine offene Halle, den Eivan, hinausgingen. Im übrigen hatte das Haus nur eine Wohnung, deren dunkle Kammern mehrere Familien beherbergten. Die Juden sind arm und drängen sich stets auf möglichst engen Raum zusammen. Nur Frauen und Kinder waren daheim. Die Frauen tragen nichts weiter als ein Zwischending zwischen Kleid und Nachthemd De Kinder waren niemals mit Wasser, Seife oder Kamm in Berührung gekommen, und ihre Gesichter und Arme zeigten die Riesennarben der widerwärtigen Bagdadgeschwüre; diese rühren von einer giftigen Fliege her, deren Stich eine jahrelang offene Wunde hervorruft und eine entstellende, unvertilgbare Narbe zurückläßt. Auch ern paar alte Weiber saßen da, grauenhaft anzusehen. Ihre Finger wühlten in dem wirren Haar auf der Jagd nach Ungeziefer, das ihnen keine Ruhe ließ. Auch dieses einfache Haus hatte einen Särdab, einen unterirdischen Raum, wohin man flüchtet, wenn die große Hitze kommt, ein widerliches, schmutziges Loch, eine Heimstätte für Skorpione und Tausendfüßler. Dort stand ein Lehmkrug mit kühlem Wasser, und voll Gastfreundschaft bot man mir einen Trunk. Aber ich lehnte dankend ab und eilte ans Licht und auf die Straße hinaus, wo die Luft doch noch etwas besser war, als in diesen furchtbaren Wohnlödiern der armen Juden. Die Juden in Rabat (Marokko)*) Die materielle Lage ist beklagenswert, es wohnen dort fünf oder sechs Kaufleute, von welchen der reichste kaum 20000 Frcs. besitzt, und einige Stoffhändler, der ganze Rest der Bevölkerung setzt sich aus Handwerkern zusammen, welche in kleinen Hütten erbärmlich ~ leben und selbst das tägliche Brot oft noch nicht verdienen. Außer den zahlreichen ‘ Hausierern, welche Niederlagen ihrer Waren in den Souks (Marktflecken) und benädibarten Dörfern unterhalten, sind dort nachstehende Handwerker und Berufsarten vertreten: Samtsticker 4, Wachszieher 1, Wechsler 5, Hersteller von Schnupftabak 2, Mauleseltreiber 1, Schneider 10, Schreiber 3, Kurzwarenhändler 28, öffentliche Ausrufer 5, Spezereihändler 11, Klempner 15, Gemüseverkäufer 8, Haarschneider 6, Verkäufer von Öel und Seife 23, Seidensticker 12, Seifenfabrikanten 2, Goldschmiede 17, Schlächter 0, Schmiede 15, Eisenwarenhändier 3, Schuhflicker 12, Rabbinerkhrer 8. Als Nebenindustrie betreiben die armen Juden noch die Anfertigung von Pfeifen, wobei sie täglich zirka 0,50 Frcs. verdienen. Unsere Stammesgenossen von Rabat leben vollständig abgeschlossen und sind im1 höchsten Grade unwissend. Der Rabbiner geht mit aller Strenge gegen diejenigen vor, welche sich gegen mosaische und tahnudisdhe Vorschriften vergehen. Man bestraft mit Gefängnis den, welcher sich den Bart schert, ein Gebet oder Fasten versäumt usw. De Sittlichkeit der Frauen ist über allen Zweifel erhaben, die Prostitution besteht nicht, die Gatten huldigen nicht mehr der Bigamie, jedoch kommt die Ehe- ' *) Nach einem Bericht aus der Zeit vor der französischen Okkupation.

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