Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12-13 (20.3.1919)
- Date
- 1919-03-20
- Page
- Seite 405-406 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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405 VOLK UND LAND 406 Zeit wurde die Position der bolschewistischen Regierung immer fester und damit wuchs auch naturgemäß ihr Einfluß auf die Massen der Arbeiter. Die bolsche wistische Agitation, die in erster Reihe immer auf die Aermsten, die am meisten Unterdrückten wirkt, fand unter den jüdischen Arbeitern ein dankbares Feld, lebten diese doch infolge der Rückständigkeit des ganzen wirtschaftlichen Aufbaus der Juden immer in größter Armut. Von ausschlaggebender Bedeutung war da der starke, revolutionäre Geist der jüdischen Massen und ihre angeborene Begeisterung für jede radikale Lösung. Der Bolschewismus wurde unter den jüdischen Arbeitern immer populärer und riß auch einen Teil der Führer mit. Und nun ergab sich innerhalb jeder einzelnen jüdischen Partei ein prinzipieller Widerspruch. „Diktatur des Proletariats“ und „Demokratie“ waren die beiden Schlagwörter, welche jede der jüdischen sozialistischen Parteien in zwei einander bekämpfende Lager schieden. Am schärfsten kam der Ideenkampf bei den Bundisten zum Ausdruck, wo er eine regelrechte Parteiteilung herbeiführte, ln Warschau und ln vielen polnischen Provinzstädten boykottierten die bundistischen Lokal Organisationen als Anhänger der Diktatur des Prole tariats die Wahlen zur polnischen Konstituante, trotzdem das Zentralkomitee beschlossen hatte, sich an den Wahlen zu beteiligen. In der Ukraine traten viele bun distische Führer und örtliche Organisationen aus der Partei aus, nachdem ihr Vorschlag, sich nrit den Bolschewisten zu vereinigen, abgelehnt worden war. Auf einer demnächst zusammentretenden Konferenz soll offiziell die Zweiteilung der Partei in der Ukraine durchgeführt werden. Um nichts geringer ist die Gefahr, die der Partei der Poale-Zion droht. Vor einigen Monaten schon trat eine kleine Gruppe aus der Partei aus, nachdem sie mit ihrem Vorschläge nicht durchgedrungen war, von dem ^Minimalprogramm“ (nationale Rechte, in der Diaspora und ein jüdisches Palästina) abzugehen, da ja doch das „Maximalprogramm“ (Aufrichtung der sozialistischen Ordnung) schon vor der Verwirklichung stehe. Diese Gruppe war aber sehr klein und der ganze Vorfall wurde wenig beachtet. Ganz andere Dimensionen aber nahm die Sache auf dem letzten poale-zionistischen Parteitag in Warschau an. Zwei starke Gruppen standen einander gegenüber. Ein Teil der Delegierten forderte infolge der neuen Palästinahoffnun£en eine möglichst intensive Palästinaarbeit, um den Aufbau Palästinas im sozialistischen Geist zu beeinflussen und um die Emigration des jüdischen Proletariats dorthin zu lenken. Die andern aber erklärten, daß die Aufrichtung der sozialistischen Ordnung eine Frage der allernächsten Zeit sei, und forderten demgemäß, daß man alle Kraft und alle Aufmerksamkeit dem Klassenkampfe zuzu wenden habe; sie verwarfen jegliche Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien und sprachen sich für die Diktatur des Proletariats aus. Und wenn sich auch beide Fraktionen auf ein Kompromißprogramm einigten, werden die Meinungsverschiedenheiten doch immer tiefer. Der jüdische Sozialismus durchlebt heute eine bedeutungsvolle Krise. Der Widerspruch zwischen den radikalsten Anschauungen, die nur höchstentwickelten Produktionsformen angemessen wären, und der eigenen zurüdkgebliebenen Wirtschaft kommt hier in der drastischsten Form zum Ausdruck. Es ist .bemerkenswert, daß auch der russische Bolschewismus, trotzdem oder gerade weil er die Macht hat, in der letzten Zeit durch1 eine Krisis schreitet. Ein großer Teil (die Hälfte) der Sowjets fordert die Anpassung der Theorie an die Wirklichkeit. Die Sozialisierung der Produktion in Rußland wird auch gar nicht mehr nach der bolschewistischen Theorie durchgeführt, da der Widerstand der realen Wirklichkeit es einfach nicht zuläßt. Auch hier tritt der Widerspruch zwischen der abstrakten Theorie und der unüberwindlichen Realität in Erscheinung. Vielleicht bringt die Lösung dieser Krise zugleich eine Lösung für die Krise des jüdischen Sozialismus.“ Jechiel Ualpern („Jüdisches Volksblatt“, Mährisch-Ostrau.) Die soziale Lage der Juden in Amerika Die Lage der oberen Stände hat sich während des Krieges befestigt. Durch die allgemeine Hebung der amerikanischen Industrie und durch zahlreiche Regie rungsaufträge waren die Geschäftsleute in der Lage, ihr Einkommen wesentlich zu erhöhen. Dagegen haben die kleinen Geschäftsleute im Kriege gelitten; denn gerade sie betreiben, zum großen Teil Branchen, die während des Krieges lahmgelegt waren. Zufriedenstellend gestaltete sich die Situation der Arbeiter, die durch die Staatsaufträge in den Fabriken ausreichend beschäftigt waren. Ihre Löhne erfuhren eine beträchtliche Steigerung, der allerdings eine außerordentlich starke Erhöhung der Lebenskosten gegenübersteht. Während des Krieges war das Problem der Arbeitslosigkeit fast verschwunden, man kann sagen, daß 95 °/o aller Arbeiter ausreichende Beschäftigung fanden. Erst seit Beginn des Waffenstillstandes ist die Arbeitslosigkeit neuerdings zu einem Problem geworden, das sich auch in jüdischen Kreisen sehr stark geltend macht. Infolgedessen sind auch unter den jüdischen Arbeitern Streiks an der Tagesordnung; so streikten die „Amatgamated Clothing Workers“, von deren 60000 bis 70000 Mitgliedern 80 °/o Juden sind, zwölf Wochen lang, und ihrem' Beispiel folgten die Arbeiter anderer Industrien. Auch die Arbeiterinnen der Blusen-Industrie —- ebenfalls zum größten Teil Jüdinnen — streikten, da sie auf ihrer Forderung einer 44 ständigen Arbeitswoche bestanden. Die jüdischen Arbeiterverbände bestreben sich, die Arbeiterfrage für die Demobilisierten möglichst glatt zu lösen. Um allen Zurückkehrenden Arbeitsmöglichkeiten zu verschaffen, unterstützen sie nach Kräften die Forderung kürzerer Arbeitstage. Jüdischer Exodus aus Amerika Es wird eine allgemeine Auswanderung der Juden aus Amerika erwartet. Nadi der Ansicht von E)r. Rosenblütfi welcher vor dem ersten jüdischen Arbeiterkongreß sprach werden viele jüdische Personen, welche in New York leben bestrebt sein nach ihrem Hetmatiande zurückzükehren, um ihren Angehörigen zur Wiederaufnchtung ihrer Heimstätten behilflich zu sein. Man glaubt, die jüdische Republik werde sich die Vereinigten Staaten zum Vorbild nehmen und werde die Rechte aller jüdi scheu Bewohner schützen. /„Der neue Orient“.) — Ein „Verband für jüdische Jugendfürsorge“ soll in Deutsch-Oesterreich errichtet werden. Das vorbereitende Komitee besteht aus den Ver tretern aller jüdischen Parteien. Die jüdisch-nationalen Kreise sind in ihm durch Oberrabbiner Dr. Chajes, Frau Anitta Müller und Dr. Siegfried Bernfeld vertreten! — Die „Israelitische Gartenbauschule Ahlem“ (bei Hannover) entläßt zu Ostern elf ausgebildete Lehrlinge, die vor der zuständigen Landwirt schaftskammer ihre Prüfungen abgelegt haben. — Ein Streik der jüdischen Gemeindebeamten ist in Warschau ausgebrochen. — Ein „Allgemeiner jüdischer Frauenverband für den tschechoslovakischen Staat“ ist in Prag gegründet worden, der sich soziale Hilfsarbeit zur Aufgabe machen will. Der Verband ist politisch neutral.