Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12-13 (20.3.1919)
- Date
- 1919-03-20
- Page
- Seite 403-404 (sequence 28)
- Language
- German
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403 404 VOLK UND LAND und den westlichen Rand des hl. Kreuztales, Catamon inbegriffen, gegen Süden zieht sieh dre Zone bis 1200 Meter südlich des Bahnhofes. Industriepläne für Palästina Der Warschauer „Moment“ meldet: Dieser Tage bildete eine Gruppe jüdischer Millionäre, darunter der bekannte Millionär Brodski, in K i e w ein Konsortium zur Gründung einer Agrarbank in Palästina. Das Gründungskapital soll 40 Millionen Rubel betragen. — Ebenso schloß sich in Lodz eine Gruppe jüdischer Großindusheller zusammen, um eine Aktiengesellschaft mit 10 Miß. Mark Grundkapital zu gründen, die in Palästina eine große Weberei, Spinnerei und Appretur errichten soll. Die jüdischen Fabrikanten in Lodz sind der Ueberzeugung, Palästina könne leicht ein Zentrum der Manufaktur - Industrie werden, mit Absatzmöglichkeiten im Orient und auf dem Balkan. Die Initiatoren dieser Idee sandten einen Delegierten nach Warschau, um dort mit dem Zionistischen Zentralkomitee für Polen die Angelegenheit zu beraten. * Aus Kristiania wird berichtet, ein norwegischer Ingej nieur habe kürzlich dem dortigen Polytechnischen Ver-! ein einen Plan zur Bewässerung und Elektrifizierung j Palästinas vorgelegt. Unter Führung von Direktor j Moltke-Hansen in Frederiksstadt sei bereits eine nor- I wegische Gesellschaft in Gründung begriffen, die an; die Verwirklichung des Planes gehen wolle. Ein Teil! des erforderlichen M i.l li a r d e n k a p i t a 1 s solle in j Norwegen aufgebracht werden. Eine norwegische Ex j pedition nach Palästina, die sich an Ort und Stelle j informieren soll, werde zurzeit vorbereitet. Ueber die technischen und finanziellen Einzelheiten können in der j gegenwärtigen Lage des Unternehmens genauere Anj gaben nicht gemacht werden. Geplant sei die Anlage von Talsperren an den vielen Nebenflüssen des Jordan j und die Errichtung einer Kraftstation am Toten Meer, | mit deren Hille man eine bedeutende Industrie — besonders zur Ausnutzung der Salze des Toten Meeres zu Düngezwecken — schaffen zu können glaubt. SOZIALES Vom ostjüdischen Sozialismus „Der Sozialismus kam in die jüdische Gasse, noch ehe er für sie eine Notwendigkeit war. Wenn wir noch die ganz eigenartige und besondere ökonomische Struktur des jüdischen Wirtschaftskörpers beachten, welche den Vermittlern des Sozialismus völlig unbekannt war, werden wir uns über die Widersprüche nicht wundern, welche im jüdischen Sozialismus entstehen mußten, Widersprüche, die nichts anderes als eine Folge des Widerspruchs zwischen einer fremden Theorie und der eigenartigen, spezifisch ostjüdischen Klassendifferenzierung waren. Die immer wiederholten Bemühungen, die Theorie der Wirklichkeit anzupassen, bleiben er-! gebriislos — der Kern blieb fremd und ermöglicht ' dem jüdischen Sozialismus auch heute noch nicht, sich in der jüdischen Gasse einzubürgern. Der erste Widerspruch erhob sich in der Sprachenfrage. Die ersten ostjüdischen Sozialisten wollten den : jüdischen Proletarier dem allrußländischen assimilieren; | sie empfanden den sinnfälligsten Ausdruck der nationalen J Eigenart der jüdischen Massen, ihre Sprache, als Störung ' ihres Werkes. Nach langem Schwanken mußten sie dennoch die sprachliche Eigenart anerkennen, erst als; vorübergehende (die sozialistischen „Wilnaer Zirkel“ der i siebziger und achtziger Jahre), dann als bleibende Erscheinung (der „Bund“). Die Anerkennung der sprachlichen Eigenart führte mit Notwendigkeit zur Anerkennung der kulturellen Besonderheit. Da verwickelte sich der jüdische Sozialismus aber in einen neuen Widerspruch. Da sie das Spezifische in der ökonomischen Struktur der jüdischen Massen nicht anerkannten, ihre kulturelle Eigenart aber als bleibend betrachteten, kamen die jüdischen Sozialisten in Kon flikt mit ihrer marxistischen Doktrin, wonach jede geistige Leistung oder Eigenart ein Produkt der ökonomischen Verhältnisse ist. So führte der Ausweg aus dem einen Widerspruch in einen neuen hinein. In seiner letzten Entwicklungsphase, dem Poale- .Zionismus, anerkennt der jüdische Sozialismus den eigen artigen sozialen Aufbau der jüdischen Wirtschaft und betrachtet ihn als abnormal. Der jüdische Proletarier kann sich — nach poale-zionistischer Auffassung — infolge bestimmter Ursachen (wie die bisherige abnormale Klassendifferenzierung, das Fehlen eines Bauernstandes usw.) nicht industrialisieren, in dieser Beziehung normale Verhältnisse können nur mit der Schaffung eines territorialen Zentrums und einer normalen Klassenschichtung im Rahmen des jüdischen Volkes eintreten. Wenn sie so einerseits anerkennen, daß das Eindringen des jüdischen Proletariats in die Industrie in der Diaspora unmöglich ist, andererseits doch schon hier einen Klassenkampf führen, stehen die Poale-Zionisten im Widerspruch mit ihrer eigenen Auffassung, die die Industrialisierung des Proletariats als unumgängliche Vorbedingung für einen rationellen Klassenkampf erklärt. So sehen wir, daß es dem jüdischen Sozialismus trotz der gewaltigen Entwicklung, welche er seit seiner Entstehung bis zur letzten Zeit durchgemacht hat, nicht gelungen ist, sich von den Widersprüchen in seiner Theorie freizumachen. Er vertauscht nur einen Widerspruch mit dem andern. Die Tatsache, daß er nicht aus den Massen selbst erwachsen, daß er nicht in der jüdischen Gasse entstanden, sondern vom außen in sie geworfen ist, daß nicht die Notwendigkeit ihn hervorrief, sondern er selbst erst die Notwendigkeit schaffen oder hervorrufen wollte — diese Tatsache rächt sich noch heute an ihm. Allmählich aber kristallisiert sich im Ostjudentum ein neuer Sozialismus, welcher der spezifischen Situation der jüdischen arbeitenden Massen und der allgemeinen Klassenschichtung der Jluden entspricht. Er ist kein neues Glied in der Entwicklungsreihe des jüdischen Sozialismus, sondern etwas von Grund auf neues. Indes der bisherige jüdische Sozialismus von. einer abstrakten, unsern Verhältnissen fremden Theorie seinem Ausgang nahm, fußt der neue, der V o 1 k s Sozialismus, in erster Reihe auf der jüdischen, Wirklichkeit und auf den Bedürfnissen der jüdischen Massen. Unter dem Volkssozialismus verstehen wir die immer stärker werdende sozialistische Zeire-Zion-Bewegung in Rußland und Polen, die mit der Hapoel-Hazair-Bewegumg in Palästina*) identisch ist.“ („Selbstwehr“, Prag.) II „Bei seiner Entstehung, in der ersten Zeit der bolschewistischen Revolution, hatte der Bolschewismus fast keinen Einfluß auf die jüdischen sozialistischen Parteien. Die Zahl seiner Anhänger unter den jüdischen Sozialisten war damals verschwindend klein. Die Führer der jüdischen Sozialisten-Parteien glaubten, trotz ihrer angeborenen Neigung zu jeder radikalen Strömung, nicht recht an die Dauer der bolschewistischen Herrschaft; andererseits kannten sie die ohnedies sehr schwache und schwankende jüdische Wirtschaft zu gut, um nicht einzusehen, daß Experimente mit noch nie erprobten, sozialen Theorien die jüdischen Massen in völligen Ruin stürzen konnten. Darum blieben sie dem Bolschewismus weislich fern. Die einzigen, die mit der bolschewistischen Regierung zusammenarbeiteten, die Poale-Zion in Rußland, taten dies auch im Grunde nur, um die Interessen der jüdischen Massen schützen zu können. Allem mit der *) Und neuerdings auch in Deutschland. (D. Red.)