Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12-13 (20.3.1919)
- Date
- 1919-03-20
- Page
- Seite 395-396 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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395 VOLK und LAND 396 AUS POLITIK, WIRTSCHAFT UND PALAESTINA - ARBEIT—= || POLITISCHES Die allgemeine jüdische Lage Unter der Ueberschrift „Die allgemeine jüdische Lage“ bringt „Jewish Chronicle“ vom 28. Februar 1919 die folgenden Ausführungen: „Die Kontroverse über den jüdischen Nationalismus und andere bedeutende Fragen, die im letzter Zeit die Diskussion beherrschten, haben ein anderes Problem zurüdctreten lassen, das über jeden Vergleich hinaus das sdhwerstwiegende und dringendste unter allen Problemen ist, mit denen die jüdische Welt sich zu beschäftigen hätte. Der Krieg hat große Massen von Juden, besonders in Osteuropa, in so jammervolle Verhältnisse versetzt, daß sie kaunn i zu beschreiben sind. Ruin, Hilflosigkeit und Armut bis zur Gefahr des Verhungerns ist das Los von vielen Tausenden und Abertaüsenden von Juden. Zwar teilen _gie damit nur das Los ihrer nichtjüdischen Umgebung. Aber es gibt viele Umstände, die dazu führen, einen jüdischen Notstand schlimmer zu machen als den der anderen. Auf alle Fälle würde es für die gesamte jüdisdhe Welt eine größte Gefahr bedeuten, wenn diese ungeheure Ansammlung von Elend unvermindert anhalten sollte, und wenn die Opfer dieser Lage immer weiter bis zu den äußersten Tiefen wirtschaftlicher und sozialer Verwahrlosung herabsteigen sollten. Was die Hilflosigkeit dieser Lage besonders verschlimmert sind zwei Faktoren, von denen der eine zum großen Teil und der andere in vollem Maße bei früheren Krisen, die unsere Brüder betrafen, nicht in Frage kamen. Der erste ist, daß eine Hilfstätigkeit, wie sie von der amerikanischen Judenheit mit unbegrenzter Freigebigkeit und bester Sorgfalt geleistet wurde, unter soldhen Umständen nur ein Palliativmittel sein kann. Hier kann nicht Unterstützung solcher Art helfen, sondern nur ein Plan zum Wiederaufbau der vernichteten Existenzen in der Judenheit Osteuropas. Der andere Faktor ist, daß die Wanderung — das alte Heilmittel für alle jüdischen Notlagen —- jetzt außer Frage steht. Es gibt kein „Wohin“ für den zur Wanderung gezwungenen Juden, denn jeder Weg ist versperrt und wird, wie wir fürchten, auf Jahre hinaus durch eine einschränkende Gesetzgebung geschlossen sein. Dies trifft auch für Amerika zu, wo gegen jede fremde Einwanderung eine starke Stimmung für die gänzliche Schließung, dler Tore für eine Reihe von Jahren besteht. Aber wie gigantisch auch dieses Problem vor uns steht, so scheint doch kein Versuch seitens der Judenschaften aller Länder gemacht zu werden, ihm beizulkommen. Ist es nicht an der Zeit, daß dagegen etwas unternommen wird? Das Problem weiter anwachsen zu lassen heißt, die schlimmsten Konsequenzen herauszufordem.“ Zu dieser Notiz möchte ich bemerken: Außer der Beunruhigung der Lage in Osteuropa, auf die untätig warten zu wollen, den absoluten Untergang für zahllose Volksgenossen bedeuten würde, gibt es nur das Mittel der Emigration, die uns nach den bisherigen Auswanderungsländern — zum mindesten vorläufig — versperrt ist Es bleibt also vorderhand nichts übrig, als die Auswanderung nach Palästina, die uns durch Akte der Politik in weitestem Maße ermöglicht ist, nun auch in größtem) Maße zu organisieren und zu beschleunigen. Denjenigen Ostjuden, die in Ermangelung einer Reisemöglichkeit zu Hause verhungern, ist mit der Anerkennung Palästinas als jüdische Heimstätte wenig gedient. Ohnehin scheint der Friedensschluß näher zu liegen, als man noch vor kurzem aranehmen konnte. Es wäre deshalb an der Zeit, die sofortige Ueberführung einer möglichst großen Zahl von Juden des Ostens nach Palästina und seinen Nacbbargebieten in die Wege zu leiten, gleichzeitig aber nach Kräften auch für die Linderung der Lage der Zurückbleibenden zu sorgen. Zu diesen Aufgaben scheint Nordamerika am meisten gewillt und am besten geeignet, und die dortige Judenschaft sollte vielleicht versuchen, im Einvernehmen mit ihrer Regierung Lebensmittelschiffe nach Odessa usw. zu entsenden, die — mit einer dauernden oder provisorischen Einrichtung für die Beförderung von Emigranten ausgerüstet — nach Entladung der Lebensmittel (bis auf einen Rest für die neue Menschenfracht) tunlichst viele Auswanderer nach Palästina befördern. Nach Möglichkeit sollten zuerst Bauhandwerker und sonstige für die ersten Arbeiten im Lande geeigneten Leute oder solche, deren Uebersiedlung aus anderen Gründen besonders dringend ist, befördert werden. In Palästina würden die Bauhandwerker usw. ohne weiteres in den nötigen Vorbereitungsarbeiten für die späteren Auswanderer Beschäftigung finden. Berufslose könnten im weitesten Maße bei den gleichen Arbeiten — aber auch beim Gemüsebau oder bei sonstiger landwirtschaftlicher Betätigung (in denen keime Ueberfüllung und keine Ueberproduktion zu erwarten steht) — beschäftigt werden. Gerätschaften und Sämereien usw., aber auch gute Instruktoren für allerlei für den ersten Aufbau benötigte Arbeiten würden am besten ebenfalls von den Amerikanern zu stellen sein. Aber auch ih Osteuropa könnte auf ähnlichem Wege vieles geschehen, um wenigstens einstweilen den dortigen Druck zu mildern. Die Landbevölkerung Südrußlands lebt zu einem sehr großen Teil in ziemlich primitiven Behausungen, die im wesentlichen aus Arbeit bestehen, und der Gemüsebau ist diort, wie überall sonst, eine verhältnismäßig leichte und am schnellsten Erträge bringende Form der Landwirtschaft. Es wird Mittel und Wege geben, von der ukrainischen Regierung ein Entgegenkommen in bezrg auf die Zuweisung von Land zu erlangen. Was die Betreffenden sich dort an Kenntnissen im Hausbau undin der Bodenbewirtschaftung aneignen, wird ihnen auch nach der Uebersiede’ung in Palästina zugute kommen, würde übrigens auch den Zurückbleibenden keinesfalls schaden. Angesichts der Millionen von Juden, die in Osteuropa in bitterster Not leben, mag diese Art von Hilfe nicht sehr erheblich scheinen. Aber es kommt eben auf den Maßstab an, in dem sie geleistet wird;. Wenn wöchentlich nur ein amerikanisches Lebensmittelschiff kommt, so würde das bei 6000 Tonnen Fracht immerhin schon die Ernährung von mindestens einer Million Menschen für die Dauer dieses Hilfsdienstes sicherstellen. Gleichzeitig würden vermutlich auf diesem Wege allein 1000 bis 2000 Juden wöchentlich nach Palästina befördert werden können, und wenn wir 6—8 Wochen für den Reiseweg Amerika—Odessa—Palästina- Amerika rechnen, so würden ebenfalls 6 8 Schiffe dieser Art für eiben solchen Dienst ausreichen. Wem dieses Programm zu klein ist, der mag es nach dem gleichen Schema vergrößern, und wer es für unmöglich hält, der möge eine andere Möglichkeit zeigen. Uns will scheinen, daß angesichts der geschilderten Lage nur ganz große Mittel helfen können. Der große Teil der jüdischen Nation, der sich in den Jahrzehnten vor dem Kriege nach Amerika hat retten können,