Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12-13 (20.3.1919)
- Date
- 1919-03-20
- Page
- Seite 393-394 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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393 VOLK UND LAND 394 hygienischen Maßnahmen. Vom ersten Augenblick der Besetzung an funktionierte die Verpflegung der Bevölkerung ausgezeichnet, obwohl sie durch den Mangel an Transportmitteln und den elenden Zustand aller Straßen äußerst erschwert wurde. Die französische Regierung sandte auf einmal aus den Beständen der Hauptstadt 4500 Tonnen Mehl, _Reis, Zucker und Kaffee^ die englische Behörde ließ täglich 50 Tonnen von Damaskus nach Beirut schaffen, die wenigen noch vorhandenen Oetreideiager der Stadt wurden beschlagnahmt, im Hauran wurden Einkäufe gemacht. Auf diese Art war es möglich, allein in Beirut an die Allerärmsten aller Bekenntnisse 30 000 Mehlbezugskarten kostenfrei abzugeben, ebenso 30 000 Karten zu halbem Preis, Läden zu billigem Verkauf wurden eröffnet, 6000 Kinder fanden in Asylen Unterkunft. So verschwand allmählich das Gespenst des Hungers, heute ist es weder in Syrien noch im Libanon mehr zu finden. Der Landwirtschaft ist inzwischen durch langfristige Kredite jede mögliche Ermunterung zuteil geworden. Eine Million steht für diese Zvvedkie zur Verfügung. Nicht geringer war die Fürsorge für die sanitären Maßnahmen, welche das türkische Regime in kläglichem Zustand belassen hatte. Während des Krieges hatten furchtbare Seuchen die Bevölkerung gelichtet, der Hunger verschaffte durch die Schwächung der Körper jeder Krankheit einen Herd. Hier setzte die Tätigkeit der Militärärzte ein. Gleichzeitig mit den Lebensmitteln wurden Medikamente verteilt. Die Krankenhäuser wurden überall wieder eröffnet und neu instand gesetzt. Ein Entseuchungsdienst mit festen Stationen und fliegenden Trupps, mit Sanitätsautomobilen wurde eingerichtet. Waisenhäuser (die sich nur allzu schnell füllten!) und Asyle wurden in großer Zahl geschaffen. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten. Der Gesund heitszustand ist ausgezeichnet, es gibt keine epidemischen Krankheiten mehr und die Sterblichkeit ist in normale Grenzen zurückgegangen. , Dem öffentlichen Unterricht, der im Kriege völlig daniederlag, wurde besonderes Interesse zugewandt. Die Schulen aller Gemeinschaften wurden wieder hergestellt, sobald die betreffenden Räume nidht mehr für das Militär unbedingt nötig waren, die Lehrerschaft wurde nach Möglichkeit ergänzt. Immerhin bleibt in dieser Beziehung noch viel zu tun, denn die türkischen Lehrer waren ihrer Aufgabe nicht gewachsen und an Schuhrtensilien mangelte es völlig. — Die medizinische und juristische Fakultät — beide von Frankreich gegründet — wurden wieder hergestellt. Der Handel macht augenblicklich eine Krise durch, von der er sich aber schnell erholen wird durch die besondere Geschicklichkeit der Nachkommen der alten phönizischen Kaufmannschaft, die sich seinen Platz auf dem Weltmarkt wieder erobern wird. Die Blockade hatte jede Tätigkeit aufhören lassen, sie ist soeben für Aegypten und Cypem aufgehoben worden. Ihre völlige Aufhebung wird die syrischen Kaufleute nicht mit leeren Händen finden, es wird sofort wieder ein reger Warenaustausch stattfinden können. Der Schiffahrtsdienst ist neu organisiert, die Handelskammer in Beirut bereitet sich auf die Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit vor. Oeffentliche Arbeiten werden gefördert, soweit es der Mangel an Material und Transportmitteln gestattet, die Straßen werden wieder hergestellt und neu gebaut, Kunstbauten errichtet. Die Ausbaggerung der Häfen und ihre Instandsetzung ist in Angriff genommen, die Eisenbahnen werden nach und nach dem Verkehr wieder übergeben, indem die Zerstörungen, die die Türken und die Deutschen bei ihrem Rückzuge angerichtet haben, ausgebessert werden. Es kann heute noch niemand sagen, wie in der nächsten Zeit die Dinge in Syrien, im Libanon und in den andern, ehemals türkischen Provinzen, die endlich dem tätlichen Joch der Türkei entrückt sind, sich gestalten werden. Aber es kann wohl gesagt werden, daß Frankreich, indem es in der Zwischenzeit in der oben beschriebenen Weise handelte, das alte Organisationstalent seiner Rasse wiederum bewiesen hat.“ Sokolow in Italien „Corriere della Sera“ bringt einen Leitartikel seines Pariser Korrespondenten über den Empfang der z»; nistischen Vertretung vor dem Zehnerausschuß der Friedenskonferenz. Das Blatt schreibt unter anderem: Sokolow, ein polnischer Jude und früherer Leiter eines Warschauer Tageblattes, ist der Mann, welcher aus den Vereinigten Staaten nach Italien kam, um die italienische Regierung für das zionistische Projekt zu interessieren. Sokolow war besonders geeignet, mit großer Mäßigung das Problem der Errichtung des neuen Staates zu unterbreiten. Er legte dar, wenn es ein Volk gäbe, welches das Recht habe, ein Territorium zu fordern, so sei es das jüdische, welches verlange, nach Palästina zurückkehren zu können, weil dort das j jüdische Volk sein normales Leben gelebt und eine Zivilisation geschaffen habe, che die ganze Menschheit! beeinflußte. Er erinnerte kurz an die Verfolgungen, i deren Opfer das jüdische Volk wurde, nachdem es infolge Gewalt Palästina verloren hatte und zerstreut worden war. Während des letzten Krieges näherten sich die zionistischen Organisationen den Regierungen der Entente, mit welchen sie im vollen Einverständnis arbeiteten, zu dem Zweck, in allen Ländern der Alliierten eine jüdische „Entente** zu organisieren, die für den Erfolg der Sache der Alliierten arbeiten sollte. Sokolow legte dar, daß die Juden während des Krieges mehr als irgendein anderes Volk gelitten haben, und daß ungefähr eine Million jüdischer Soldaten in den alliierten Heeren gekämpft habe, im Vertrauen, daß der Triumph der gerechten Sache auch dem jüdischen Volke die Freiheit geben müßte. Er erinnerte ferner an die Zusagen von England, Frankreich, Italien, der Vereinigten Staaten und schließlich Japans für die Wiederaufrichtung der jüdischen Nation in dem kande, welches ihre Wiege war. Das von Sokolow vorgelegte zionistische Memorandum forderte die Schaffung eines nationalen jüdischen Vaterlandes in Palästina, welches im Norden vom Flusse Litani begrenzt sei und im Süden bis Ei Arisch an der ägyptischen Grenze reiche. Das Mittelländische Meer würde die westliche und die Hed sdhasbahn die östliche Grenze bilden. Der Völkerbund solle das Mandat für den palästinensischen Staat einer Macht anvertrauen, welche, obgleich von den Zionisten nicht bezeichnet, vermutlich England sein «dl, zufolge des zwischen der zionistischen Organisation durch Rothschild mit dem Auswärtigen Amte abgeschlossenen Uebereinkommens. Außerdem schlagen die Zionisten vor, Jerusalem aus der eigenen Jurisdiktion auszusdiließen, indem sie erklären, daß die heiligen Orte unter internationale Kontrolle gestellt werden müssen. Sie fordern nur das, was man die profanen Länder Palästinas nennen könnte. „Corriere“ bemerkt, es falle auf, wie sehr die Tendenz der französischen Assimiianten Zusammenfalle mit dem Streben Frankreichs nach Schaffung eines Größ-Syriens unter französischer Führung.