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Volk und Land · 1919-03-20 · Heft 12-13 (20.3.1919) · p. Seite 379-380

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 12-13 (20.3.1919)
Date
1919-03-20
Page
Seite 379-380 (sequence 16)
Language
German
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379 VOLK UND sationszentren zu finden. Die Kommission bereiste Karamie, (das alte Kilikien) im Wilajet Adana, dann in Mesopotamien die Wilajets Mossu! und Bassorah, ferner das Gebiet bis zum Persischen Golf. Sie beschäftigte sieh mit der Frage der Errichtung jüdischer Kolonisationszentren in der Nähe der Bagdadbahn. Aus verschiedenen Gründen, unter denen derjenige der unruhigen, bei weitem nicht in Zucht gehaltenen Bevölkerung nicht der geringste war, ielt die Kommission eine Kolonisation in diesem Gebiet für verfrüht. Da die Sachlage sich seither gebessert hat, weil unter den neuen Verhältnissen die Kolonisationsmöglichkeiten sich viel günstiger festalten werden, ist eine neue Inangriffnahme der rage seitens der Ica gut möglich. Von größerer Bedeutung für die zukünftige Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Anatolien kann die von der Ica im Jahre 1899 errichtete Ackerbau schule Or-jehuda, deren Bedeutung erst richtig erfaßt wird, wenn man sich den fast vollständigen Mangel an ähnlichen Schulen in Kleinasien vor Augen hält. Or-Jehuda wurde auf der Domäne Tschakyz-Oglu (2587 ha, von denen 1105 anbaufähiges Land und 1482 gebirgiges Terrain sind) begründet, liegt an der Eisenbahn, die Magnesia mit Kassala verbindet, 107 km von Smyrna entfernt. Die schlechten Erfahrungen, die man mit der Verdrängung der früheren Pächter des Bodens bei der Begründung von Kolonien gemacht hatte, veranlaßten die Ica einen Teil des angekauften Bodens den früheren Pächtern bis auf weiteres zur Benutzung zu überlassen. Die Ackerbauschule ist für 150 Schüler berechnet. Die Zahl der Schüler betrug aber im Jahre 1902: 32, im Jahre 1908: 52, 191T. 45 Schüler. Von den im Jahre 1908 abgegangenen 7 Schülern blieben 3 in Anatolien als Leiter größerer Güter, einer ging nach Ahlem, um sich weiter auszubilden, die anderen drei wanderten nach Rumänien, Amerika, und Argentinien aus. Der Grund hierfür ist darin zu ,suchen* daß, während die Ica einerseits in Kleinasien nicht selbst kolonisiert, in Anatolien andererseits auch nicht das nötige Verständnis für die Notwendigkeit der Heranbildung landwirtschaftlich geschulter Arbeiter vorhanden ist. Im Jahre 1908 pflanzte man in Or-Jehuda 2700 Olivenbäume und 500 Waldbäume, da die Aufforstung der durch die bisherige Mißwirtschaft ausgerodeten - Wälder Anatoliens dringend not tut. In der Schule wurden auch Versuche mit der Einführung neuer und der Verbesserung alter Kulturen, wie Tabak, Opium usw. angestellt. Leider liegen keine näheren Angaben über die erzielten Resultate vor. Die Schule läßt ihren Zöglingen meist praktische landwirtschaftlicHb Erziehung angedeihen und könnte als Musterschule in Anatolien von großer Bedeutung werden. Aus den' Kreisen der anatolischen Bauern wie auch aus den in Konstanlinopel und Smyrna so zahlreichen jüdischen Proletarierschichten müßte es gelingen, Schüler zu bekommen. Die Bevölkerung in Konstantinopel und Smyrna führt in den Judenvierteln ein sehr tristes Leben und beansprucht oft die Unterstützung ihrer europäischen Stammesgenossen. Eine Heranziehung und Vorbereitung dieser Schichten aus Balat und Charkeny (die elendsten von Juden bewohnten Viertel Konstantinopels) zur zukünftigen Kolonisation in Anatolien könnte eine Regeneration der orientalischen Judenheit zur Folge haben. Der Schule Or-Iehuda ist in dieser Hinsicht noch eine große Rolle Vorbehalten. Ihre Zöglinge könnten, soweit sie nicht kolonisiert werden, AND 380 vor allem auf den großen jüdischen Gütern Anatoliens Verwendung finden. Diese Güter bilden den dritten charakteristischen Abschnitt der jüdischen Besitzungen in Anatolien. Es bestehen folgende Güter: Ackermann- Tschiftlik in der Nähe von Bejkor'jmit 5000 Dunam, SchmulewitsclT-Tschiftlik in der Nähe von Skutari mit 3500 Dunam und Rappaport mit 12 000 Dunam. Dies waren die ersten Güter in Kleinasien, die mit der Einführung moderner Maschinen und den europäischen Methoden der intensiven Landwirtschaft begonnen .haben. Sie könnten von großer Bedeutung als Arbeitgeber für jüdische Landwirtschaftearbeiter werden, andrerseits würde ihre Bedeutung als Kulturträger für die anatolisehe Bevölkerung nicht minder groß sein. *) Leider haben sich verschiedene unter dem Druck der Verhältnisse in Rumänien besonders leidende jüdische Großgrundbesitzer, die sich in Anatolien niederlassen wollten, durch das Schicksal, das einer von ihnen, Ackermann, erlitt, von ihrem Vorhaben abbringen lassen. Dieser nämlich verlor in einem kostspieligen Prozeß. mit den nach stattgefundenem Kauf auftauchenden neuen Besitzprätendenten den größtenTund wichtigsten Teil seines Gutes mitsamt dem Gutshofl und anderen Bauten, die er aus Eigenem hatte aufführen lassen. Die Schuld lag wieder einmal wie auch im Falle von Messilah Chadascha in dem veralteten und ungenauen Grundbuch, welches weder die Besitznoch die richtigen Flächenverhältnisse der Güter angibt. Ob eine neue Einwanderung jüdischer Großgrundbesitzer stattfinden wird, hängt also sowohl von den Verhältnissen in Rumänien' und Rußland wie auch davon ab, wie sich die Verhältnisse in Anatolien weiter gestalten werden. Die jüdischen Großgüter können sich aber meistens nur in der Nähe von größeren jüdischen Kolonien oder Gemeinden befinden. So mußte z. B. Ackermann Fleisch aus dem nahegelegenen Messilah Chadascha holen und die Hühner durch besondere Reiter zum Schächter schicken. Sollte also in Zukunft die jüdische Kolonisation in Anatolien wieder aufleben, so wäre eine Zusammenfassung der einzelnen Schritte zu einer zielbewußten und unter Verwertung der bisher gemachten Erfahrungen im Voraus aufgestellten Prinzipien die dringendste Notwendigkeit. Diese Prinzipien würden kurz zusammengefaßt etwa so lauten: 1. Zusammenfassung der Kolonisten in Gruppen, die miteinander durch Bande der Freundschaft oder Herkunft aus demselben Orf, verknüpft sind. 2. Ansiedlung auf großen Landkomplexen unter Begründung von genügend großen Kolonien, die alle Gemeindelasten tragen können, oder von Kleinkolonien in der Nähe von großen jüdischen Gemeinden. 3. Auslese von Kolonisten mit genügenden Mitteln. Die Verwirklichung dieser Prinzipien hat aber zur Voraussetzung, daß die ganze Bewegung der Leitung einer Institution untersteht, wobei der Einfluß seitens dieser Institution sehr weit gehen könnte und sich nicht nur auf Sanktion des schon Geschehenen beschränken dürfte, wie es bei dem ICakomitee in Konstantinopel der Fall ist. Sonst ständen wir wieder vor unnützer Kräftevergeudung, zwecklos gebrachten Opfern und kümmerlichen Resultaten. *) Bei den in Kleinasien verfügbaren großen Arealen fällt die in Europa schädliche Seite des Großgrundbesitzes weniger schwer in die Wagschale.

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