Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12-13 (20.3.1919)
- Date
- 1919-03-20
- Page
- Seite 377-378 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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377 VOLK UND LAND 378 Diejenigen Losbesitzer, die noch in Rußland zurückgeblieben waren, konnten unter sich zu keiner Verständigung kommen, weil sie über ganz Rußland zerstreut lebten. So geriet die Kolonie Messilah Chadascha, die nur der erste Schritt zur Kolonisation der breiten unbemittelten Schichten Rußlands sein sollte in einen Zustand andauernden Kränkeins, aus dem sie wohl kaum bald herauskommen wird. Und dies trotz der großen Nähe von Konstantinopel (2—3 Stunden Wagenfahrt), der vorzüglichen Wege und des fruchtbaren Bodens. Denn die Zahl der unternommenen Schritte war gleich der Zahl der Fehler. Aus ihrer Nähe zu Konstantinopel könnte die Kolonie unendlich großen Nutzen ziehen. Sehr lohnend ist die Milchwirtschaft, da die Milch von den Konstantinopler Händlern gern gekauft wird. Die Erzeugung von Milchprodukten muß sich aber auf die Winjermonate beschränken# da durch das Fehlen von Eiseinrichtungen (die auch in Konstantinopel sehr rar, für die Kolonie natürlich zu kostspielig wären), der Transport von Butter und Käse in den heißen Sommermonaten unmöglich gemacht wird. Wenn wir nun das über die Versuche einer Massenkolonisation Berichtete zusammenfassen, müssen wir sagen, daß sie ein volles Fiasko erlitten haben. Von den 1000 rumänischen Juden, die sich im Jahre 1900 in Anatolien befanden, sind kaum ein paar Dutzend Familien zurückgeblieben, in Messilah Chadascha befinden sich statt Tausender von Familien, die die Begründer auf dem Gute anzusiedeln beabsichtigten, kaum 40 Familien. Alle führen sie ein recht unbefriedigtes Dasein, und viele von ihnen tragen sich mit Auswandererngsplänen. Wenn wir die Ursachen des Mißlingens dieser Versuche zusammenfassen, so finden wir die folgenden: 1. Die Leute werden sich selbst, oder wie im Falle von Messilah Chadascha der Führung von unverantwortlichen und ungeeigneten Personen aus der Menge überlassen; 2. die Systemlosigkeit und die Gleichgültigkeit der kolonisierenden Gesellschaften oder ihrer ausführenden Organe, die sich im besten Falle darauf beschränken, den Kolonisten durch Kreditgewährung beim Kauf behilflich zu sein, sie aber dann' ihrem Schicksal überlassen; 3. die systemlose Wahl der Ansiedlungsplätze. Die einzelnen Kolonien befinden sich in solcher Entfernung voneinander, daß jeder geistige Zusammenhang, von anderem ganz abgesehen, völlig unmöglich ist. Die einzelnen Ansiedlungen sind auch zu klein, um die Ausgaben für kulturelle Zwecke, Schulen und ärztliche Pflege usw. zu tragen. Auch die größte dieser Kolonien, Messilah Chadascha blieb ohne Arzt und Apotheke. Die Ausgaben für die Schule dieser Kolonie trägt der Hilfsverein der deutschen Juden. Messilah Chadascha ist auch die einzige, die eine modern eingerichtete Schule besitzt. Im Gegensatz zu der mißlungenen Massenkolonisation kann man den zweiten Teil der jüdischen Besitzungen in Anatolien, der durch G ruppepo r gan i s ation entstand, als ein auf gesunder Basis sich aufbauendes Kotonisationssystem bezeichnen. Hier sind es nicht zusammengewürfelte einander fremde Massen, die in ihrer Heimat in keinem Zusammenhang standen, sondern Gruppen von Freunden, von engeren Bekannten, welche sich zusammengetan und in enger Gemeinschaft auf geordnete und wohlüberlegte Weise Koloniegründungen unternahmen. Der Kauf des Bodens, die 'Einrichtung der Kolonie, die Uebersiedlung der Mitglieder der Gruppen in ihre neuen Heimstätten, wie auch das Zusammenleben in der Kolonie gingen auf diese Weise reibungslos vor sich. So wurden die Kolonien Panderma mit 23000 Dunam und 15 Familien, Potikai*) mit 11 000 Dunam und 25 Familien, Chodscha-Iddin mit 15 000 Dunam und 13 Familien gegründet. Durch den Krieg wurde der Kauf von Sazilar mit 24 000 Dunam und 16 wohlbemittelten Familien unterbrochen. Wie die Sazilarer Kolonisten sind auch die Mitglieder aller dieser Gruppen meist wohlhabende Leute, die genügend Geld mitbrachten und die deswegen viel weniger unter den verschiedenen Unbilden, welche regelmäßig Kolonisationsgründungen begleiten, zu leiden hatten. Da sie gewöhnlich auch erst durch Vertreter die Adaiptierungsaröeiten, Wohnungsbau und Inventarbeschaffung vornehmen ließen, so kamen sie auch sofort bei ihrer Uebersiedlung in ein regelmäßiges produktives Leben hinein. Die Kosten der Adaptierung und des Wohnungsbaues trugen sie auch viel leichter, weil sie selbst während dieser Zeit in Rußland ihren Geschäften nacfr-i gehen konnten. Aber trotzdem gilt das vorher iesagte auch für sie. Sie sind zu klein, um selbständige Kulturzentren zu bilden und die hierfür nötigen Ausgaben zu tragen. Ohne Zusammenhang untereinander, ohne die Möglichkeit der Anlehnung an eine große jüdische Gemeinde hatten auch sie keine Möglichkeit zu weiterer Entwicklung. Erst . wenn größere Landkomplexe in ihrer Nähe gekauft und auf diesen größere Kolonien errichtet werden, wenn in Konstantinopel das aschkenasische Element stärker wird und sich zu einer Gemeinde zusammenschließt, die dann als eine lebensfähige kulturelle Gemeinschaft die asdikenasischen Kolonien moralisch speist und unterstützt, erst dann wird die Entwicklung dieser schon vorhandenen Gruppenkolonien gesichert sein. Denn vereinsamt von der großen jüdischen Welt und ihrer lebendigen Gemeinschaft abgeschnitten, kann der Jude nicht leben, die Jugend verläßt die Kolonie und sucht die jüdischen Zentren auf. Die Ica unterstützt die Gründung dieser Kolonien in folgender Weise. Sie gewährt jeder Kolonistengruppe ein Darlehen, das die Hälfte des im Boden investierten Kapitals darstellt, zu einem Zinsfußi von 4'o/o. Die Zinszahlung wie auch die Amortisation der Anleihe beginnt erst im 5. Jahre nach der Begründung der Kolonie. Bei Messilah Chadascha ging die Ica weiter und gewährte auch ein Darlehen zur Errichtung von Wohnhäusern und zum Auskauf jener kleinen Kolonisten, die wegen ihreiszu kleinen Bodenanteile (zuweilen i/2i des ursprünglich veranschlagten Areals), keine Aussicht auf Sanierung ihrer Verhältnisse hatten. Die Ica ist auch bereit, Anleihen unter denselben Bedingungen, wie sie sie den Gruppenkolonien gewährt hat, neuen Kolonistengruppen zu gewähren. Sonst aber werden die Kolonisten sich selbst überlassen und nur durch den guten Rat des Vertreters der Ica in Konstantinopel (es ist dies meist ein Agronom) unterstützt. Daß die Gesellschaft aber eine eingehende und energischere Durchführung der jüdischen Kolonisation in Anatolien beabsichtigt, läßt sich aus den Schritten, die sie im November 1910 unternommen hatte, schließen. Sie entsandte nämlich eine Kommission, aus zwei Agronomen und einem Ingenieur bestehend, die die Aufgabe hatten, Kleinasien und Mesopotamien zu bereisen und geeignete Punkte für jüdische Kotoni- •) Potikai befindet sich in der Nähe von Silivri in der europäischen Türkei und Chodscha-Iddin bei Rodosto. Ich rechne sie zur anatolischen Ko’onisation wegen der Gleichheit der wirtschaftlichen Bedingungen und dem Zusammenhang mit Konstantinopel, der für sie wie für die Kolonien in Anatolien das Zentrum bildet