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Volk und Land · 1919-03-20 · Heft 12-13 (20.3.1919) · p. Seite 375-376

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 12-13 (20.3.1919)
Date
1919-03-20
Page
Seite 375-376 (sequence 14)
Language
German
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375 VOLK und LAND 376 gründet worden, der zu den Privatgütern Abdul Hamids gehörte. Auch diese Kolonie kam der hier herrschenden Krankheiten, vor allem aber wegen ihrer raublustigen Nachbarschaft nicht zum Gedeihen. Nach der Tötung von zwei Kolonisten im Jahre 1911 erfolgte die Abwanderung aller übrigen, und die Kolonie liegt jetzt verlassen da. Eine traurige und für die leichtsinnige, unüberlegte Art dieser plan- und führerlosen Kolonisation bezeichnende Einzelheit sei hier mitgeteilt. Unter den Bewohnern der Kolonie befanden sich 20 Familien, welche aus verschiedenen Gründen kein Recht auf unentgeltliche Zuweisung von Land besaßen. Sie pachteten sich von Privatleuten ein Gut in der Nähe von Angora unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen und' bauten trotz der Weigerung der Ica, sie unter diesen Umständen zu unterstützen, dennoch ihre Häuser auf dem ihnen nicht zu eigen gehörenden Boden. Die Folge war, daß, nachdem sie der Ungunst der Bedingungen unterlegen waren, das Land wieder indas Eigentum der früheren Besitzer zurückkam — aber mitsamt den darauf von den Juden errichteten Häusern. Die spontane Kolonisationsbewegung dieser Jahre zerschellte also nicht nur an der Mittellosigkeit der Kolonisten, sondern vor allem auch, wie gesagt, an der Führerlosigkeit und dem Mangel an Verständnis und gutem Willen derjenigen Kolonisations-Instanzen, die dazu berufen gewesen wären, sich dieser Bewegung zu bemächtigen, sie in fruchtbare Bahnen zu lenken und ihr so den Erfolg zu sichern. Man hat aber im Laufe der Zeit wenig gelernt und alles vergessen. Die Kolonie M e s si I a h Chadascha (so genannt, da ihre Gründer in ihr einen neuen Weg nach Zion sahen), die ihre Begründung ebenfalls dem spontanen Koionisationsdrang der im größten Elend lebenden Juden Rußlands während der ersten Jahre nach der Revolution verdankt, kann als Musterbeispiel angeführt werden. Hier haben sich alle nur erdenklichen Fehler einer falschen Kolonisation zu recht eigenartiger Harmonie vereinigt. Geleitet war die Bewegung von einem Schächter aus einer russischen Kleinstadt, einem vorzüglichen Volksredner, aber unverantwortlichen Phantasten, der sich berufen fühlte, gerade der mittellosen Masse Rußlands den Weg zur Kolonisation zu ebnen. Es nahmen an dieser Gründung wohl auch einige wenige bemittelte Leute teil, die sich den Luxus eines Loses (im Werte von 500 Rubel) oder eines Losanteils leisteten, ohne aber an ein Verlassen ihres bisherigen Wohnortes zu denken. Die meisten die dem Führer folgten, waren arme Leute, kleine Händler, Handwerker, ZeitungsVerkäufer, Synagogendiener usw., die ihr Letztes aufbrachten, um ein halbes, ein viertel, ja sogar nur ein achtel Los kaufen zu können und dadurch den kürzesten Weg zum „Gutsbesitzer“ beschritten zu haben glaubten. Von dem gekauften Gute Messilah Chadascha*) wie überhaupt von der Güte und der Billigkeit des Bodens in Anatolien liefen die übertriebensten Märchen um, und man riß sich um die Lose wie um die Schlüssel zum sicheren Glück. In kurzer Zeit entstand eine wilde Spekulation mit den Losen und Losanteilen, so daß diese nach allen Ecken und Enden Rußlands wanderten und in einigen Fällen um 200 % stiegen. Die Anfangs in Aussicht genommene Zahl der Kolonisten-Kandidaten (es wurden 100 Stellen vorgesehen und 100 Lose awsgegeben) vervielfachten sich. Die genaue Zahl der Teilnehmer ist bis zum heutigen Tage nicht festzustellen. Jedenfalls *) Türkisch: Chassan Pascha Tschiftlik. ist sie auf weit mehr als das zweifache der geplanten Anzahl gestiegen. Beim Kauf selbst wurde ein verhängnisvoller Fehler begangen. Die Unenauigkeiten des türkischen Grundbuches sind beannt. So ließen sich die Käufer verleiten, den Boden ungemessen zu kaufen, da sie hofften, ein größeres Areal zu erhalten, als ihnen zustand. Aber das Resultat, als man nach vollzogenem Kauf zur Ausmessung der Lose schritt, war, daß nur V3 des im Grundbuch angegebenen Areals vorgefunden wurde. Die Angaben des Grundbuches waren nämlich um 2/3 übertrieben. Die Besiedlung der Kolonie ging ungeordnet und unordentlich vor sich. Die Kolonisten fanden keine Wohnungen vor, und noch jetzt wohnt die Mehrzahl der Ansiedler in den Ställen der von den ersten Kolonisten errichteten Wirtschaftsgebäude. Der Boden des Gutes war durch jahrelange Mißwirtschaft so erschöpft, daß die erste und auch zu spät stattgefundene Ernte nicht einmal die Saat wieder einbraciite. Die mittellosen Kolonisten wurden zu „Notstandarbeiten“ herangezogen. Dias vom Landkauf übrig gebliebene Geld zerschmolz und der auf dem Out befindliche Wald, dessen Wert anfangs die für das ganze Gut gezahlte Summe bei weitem übertraf, mußte herhalten. Ein Teil der Kolonisten bewachte ihn, der andere fällte Holz und brannte daraus Kohlen, die dann im nahen Skutari (der asiatische Teil von Konstantinopel) guten Absatz fanden. Die andern Kolonisten hatten sonstige Arbeiten für die Kolonie zu verrichten und wurden aus den durch den Wald erzielten Einnahmen bezahlt. Alle zusammen führten ein recht elendes Leben. Der Wald litt durch die unsachgemäße Behandlung und schmolz bis auf wenige Reste zusammen. Die landwirtschaftliche Arbeit in den nächsten Jahren brachte wenig ein, teils infolge allgemeiner Mißernten, hauptsächlich aiber infolge der Unkenntnis der Leute mit der Natur des dortigen Bodens und der klimatischen Verhältnisse, wie überhaupt durch ihre Unerfahrenheit auf landwirtschaftlichem' Gebiete. Der von ihnen angestellte Administrator kam aus dem Kaufmannsstande und konnte den Kolonisten landwirtschaftlich nur wenig behilflich sein. Tierseuchen kamen hinzu, die die Anfänge der Milchwirtschaft Iahmlegten, und das Fehlen guter Tierärzte in der Türkei verhinderte, der Seuche wirksam entgegenzutreten. Die Steuern, die in der Türkei, besonders aut der Landwirtschaft liegen (im Jahre 1912/13 entfielen von den Gesamteinnahmen des Staates, die 30 514159 Ltq betrugen, 12 680193 Ltq auf die Grund- und Viehsteuer und auf den Zehnten), lastefen schwer auf der Entwicklung.der landwirtschaftlichen Anfänge der ^Kolonie. Vor allem aber ist zu berücksichtigen, daß die Kolonisten den verschiedensten Gegenden Rußlands entstammter, und ihren Gewohnheiten, ihren Bräuchen, überhaupt ihrer ganzen Einstellung auf Menschen nach ganz verschieden waren, so daß reichlich Anlaß zu Hader und Zwist vorlag. Es fehlte hier das Band der gemeinsamen Idee, welches in Palästina auch viel größere Unterschiede überbrücken hilft, wie auch das kulturelle Niveau der Kolonisten nicht immer zu verständnisvollem Zusammenleben ausreichte. Ehe kleinen jüdischen Kreise in Konstantinopel standen diesen Leuten, die nur aus ihrem Milieu heraus begriffen werden können, fremd, ja gleichgültig gegenüber. Vom Vertreter der Ica wird die Anschauung vertreten, die Tätigkeit der Ica sei in diesem Falle die einer Agrarbank und habe ihrer Pflicht mit der Hergabe des bewilligten Geldes und der Einziehung der Zinsen vollständig genügt. —

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