Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12-13 (20.3.1919)
- Date
- 1919-03-20
- Page
- Seite 365-366 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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365 VOLK UND LAND 366 hellenischen iWelterobemng'sincl griechische Namen zu ihnen gekommen. Und der Name Alexander war bei den hellenischen Juden noch beliebter als bei den deutschen Juden des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts der Vorname Siegfried. Die Namensgebung und die Fortbildung der Namen muß geradezu ein Studium für sich bilden. Von den Spielen der Juden dürfte das bekannteste das „Trendl“ oder „Dredl“ sein, das nun einmal zum Chanukahfest hinzugehört, wie die Musik zum Tanze. Die Form ist eine antike. Es ist ein Würfel mit vier Seiten, während oben und unten die Mittelachse hindurchführt, an der man dreht. Die vier Seiten tragen vier hebräische Buchstaben : T‘ 'H 'i '3. Das '3 bedeutet nach der gewöhnlichen Erklärung Nimm, '3 gib, 'n halb und endlich 'tp stell (setz) ein. Also 'j ist der beste, der schlechteste Wurf. Das entspricht dem antiken Würfelspiele. Denn '3 ist der Anfang von Nogah, dem hebräischen Planeten, von Schabbeta/, dem hebräischen Saturn. Auch im antiken Würfelspiel war der Venuswurf der beste, der Saturns- oder Hundwurf der schlechteste. Diese Erinnerung ist natürlich längst vergessen, wenn auch gerade wegen dieser mythologischen Beziehungen das Würfelspiel im Talmud noch extra verpönt wird. Heute erklärt man v M '3 '3 mit Neß gadol haja schain (ein großes Wunder ist dort geschehen) oder, wie der schelmische Volksmund in Polen scherzhaft sagt: „Natte Gannew hackt Schlösser“. Der Jude ernährt sich anders als andere Völker. Auch der Jude, der längst mit den Speisegesetzen gebrochen hat. Es gibt auch eine besondere „treifene“ jüdische Küche, die sich von der nichtjüdischen himmelweit unterscheidet. Noch anders ist natürlich die dem Gesetze entsprechende koschere Küche. Schon gewöhnlich! weicht das Essen des Juden von der Landesküche ab. Aber an besonderen Tagen ist sie noch besonders eigenartig. Da man am Sabbat nicht kocht, so wird das Essen bereits am Freitag vorbereitet und wird im besonderen Schabbesofen bis Sonnabend heiß gehalten. Diese gewärmten Speisen verleihen dem Sabbath noch einen besonderen Wohlgeschmack. Ihr deutschjüdischer Name Tscholent ist nur irrtümlicherweise von Heine in Schalet übertragen worden. Das Wort ist mittelfranzösischen Ursprunges und heißt Gewärmtes, entsprechend dem hebräischen Chamfnin. Darum versteht man in manchen Landschaften darunter Erbsen mit Graupen, in anderen herrschen die Bohnen vor, während man in Westdeutschland darunter verschiedene Arten großer Klöße versteht, unter denen man scharfe und süße Scholetspeisen unterscheidet. Die Challah ist das Weißbrot, das für4 Sabbath und Feiertage besonders gebacken wird. Gewöhnlich wird auf der länglichen Challah-ein Zopf von Teig gelegt. Das hat er mit dem Zopfopfer gemein, das aus germanischem Aberglauben stammt. Es diente der Versöhnung oder Verpflichtung der Percht oder Berchta. Davon hat die Challah den Namen Berchtas Brot erhalten und heißt also Berchtes oder Barches, während ihn andere Gegenden Datscher oder auch Stretzel benennen. Im Monat Tischri aber wird er in älterer runder Form gebacken. Zu einer guten Sabbathmahböeit gehört Brühe (Jäuch) mit Lodcschen (Nudeln), und besonders gern werden Schabbelchen und Schilgerchen (Weiße Bohnen und Fleckchen) mit einander verbunden. Das süße Sabbathgemüse führt den Namen Zimmes, also ebenso wie im Basler Volksdialekt. Der irrtümliche Ruf, daß die Juden so ganz besonders nach Knoblauch und Zwiebeln Verlangen haben, hat umgekehrt dazu geführt, daß weite Kreise, wenigstens von deutschen Juden, diese scharf duftenden Pflanzen geradezu verabscheuen. Jedenfalls liebt derselbe Germane, der den Juden deswegen verspottet, diese nicht minder. Man k.önnte beinahe variieren: Man sucht keinen hinter einem Zwiebelgewächs, hinter dem man nicht selber gesteckt hat. Im allgemeinen fehlen jene Zunftordnungen, die bei anderen Völkern vomi volkskundlichen Sammeleifer gesucht werden. Aber die Klesmorini, die jüdischen Berufsmusiker, haben solche gehabt. Sie benutzen, wie der mittelalterliche Schelmenpfarrer von Kalenberg das „Hackebrett“ als Hauptmusikinstrument. Vaganten und fahrende Leute hat es bei den Juden des Mittelalters und der Neuzeit gegeben. Ein besonderer Stand unter ihnen vertrat die Zeitung, als es solche noch nicht gab. Sie brachten die Neuigkeiten von kriegerischen Ereignissen und Entdeckungen, vermittelten Heiraten und auch Geschäfte. So wie sie damit den politischen und Inseratenteil der Zeitung gaben, so mußten sie auch für das Feuilleton in Gestalt von Schwänken und Witzen, von Schnurren und allerhand humorvollen Mitteilungen! sorgen. Von diesen Schnurren erhielten sie den Namen der Schnurrer oder Schnorrer. Als die papierene Zeitung der zweibeinigen den Boden nahm, sank der Schnorrer zum berufslosem Wanderbettler herab. Wie die Schnorrer, so wandern ihre Erzählungen. Von den deutschen zu den polnischen, von den litauischen zu den deutschen, von den äschkenasischen zu den sefardischen Juden und umgekehrt, nicht minder aber von1 anderen Völkern zu den Juden und erst recht von diesen zu den Umwohnern. Die Juden sind recht eigentlich die Weiterträger der durch die Weltliteratur gehenden Motive geworden. Getaufte Juden, wie Petrus Alphonsi, haben die Erzählungskunst des Orients dem Abendlande vermittelt. Der Lobbus (Lorbaß), der in Wloclaweck das Gänsefüßchen stiehlt, der fromme chaßidische Einsiedler, der fern von jedem weiblichen Anblick auferzogen wird, haben ihre Parallelen in Boccaccios reizenden Erzählungen, erinnern aber mit manchen Einzelzügen an die indischen und anderen orientalischen Vorbilder. Und wie sind erst die Geschichten des Alexanderromans seit den Tagen des Pseudo-Kallisthenes unter den Juden und mit ihnen gewandert. Flurnamen und Ortsnamen kann mau bei Juden natürlich weniger suchen als bei andern. Man hat sie alle zu sehr von der grünen Flur gewaltsam ferngehalten. Aber wo sie einigermaßen bodenständig werden konnten, schufen sie solche, fn Polen, auch in der Provinz Posen, haben die Städte vielfach besondere jüdische Namen. So heißt Kurnick Kornick, Chodziesen Chaseisch, Hobensalza oder Inowraclavv Lesle, Dobrzin an der Drewenz zum Unterschiede von dem gleichnamigen Orte, an der Weichsel Dobshinsk. In Deutschland führte z. B. Kreuznach den Namen Zelemochim. Und