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Volk und Land · 1919-03-20 · Heft 12-13 (20.3.1919) · p. Seite 363-364

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 12-13 (20.3.1919)
Date
1919-03-20
Page
Seite 363-364 (sequence 8)
Language
German
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VOLK UND LAND 364 363 seien. Jm Gegenteil zeichneten sie sich damals zum mindesten vor den übrigen Völkern durch einen geringeren Aberglauben aus. Aber ihr form- und bilderloser Gottesdienst, ihre peinliche Sabbatbeobachtung und ihre Speise- und Festesgebräuche erscheinen den gebildeten Römern als Ausfluß eines unverstandenen und unverständlichen Aberglaubens. Immerhin gab es auch damals vielfach den Glauben an Gespenster, so scharf der strenge Monotheismus des Judentums diesen Geisterglauben ablehnt. Schedim und Massikim spielen in der Vorstellung des unwissenden und ungebildeten Juden oft noch eine gewisse Rolle. Im ganzen aschkenasischen Judentume ist es Sitte, am Versöhnungstage den Gebetmantel über den Kopf zu ziehen und das Gesicht in ihm izu verhüllen. Nur die Stadt Posen j macht eine Ausnahme. Dort ist es strenger Brauch, j den Talith an diesem Tage keineswegs über den Kopf zu ziehen. Der Grund wird offen ausge-! sprochen. Man stand eines Abends in tiefer An-! daCht zu Kol-Nidre. In der Schwüle des Gebetj hauses macht sich ein ungeheurer Druck geltend. | Eine tiefe Beängstigung liegt auf der ganzen Gemeinde. Mit Todesschweigen warten sie auf den Beginn der Kol-Nidre-Andacht. In dieser tiefen Angsterregung steigt der Rabbiner auf den Almemer j und gebietet energisch, die Gebetmäntel sofort vom Kopfe herunterzunehmen. Es geschieht, und im j selben Augenblick sind der schwere Druck und die i Beängstigung von der Gemeinde gewichen. Die; Meissim, die Totengeister waren in der Synagoge gewesen. Sie hatten zwischen den Betenden Platz genommen, und die Gemeinde wäre dem Tode ztarn Opfer gefallen, wenn nicht der Rabbiner in seiner Geistesgegenwart die schwere Gefahr auf i diese Weise beschworen hätte. Seitdem kommt die "Posener Gemeinde einem neuerlichen Kol- Nidre-Angriff'der Schedim zuvor. Der Talith wird nicht über den Kopf gezogen. Die Totenmette der Geister, die in der deutschen christlichen Volkssage eine nicht unbedeu-! tende Rolle spielt, ist also in anderer Form auch j an den Juden nicht spurlos vorübergegangen, j Natürlich kann im Judentume von einer Christ- ' mette der. Toten, wie feie im Luxemburgischen, aber audi anderen Legendenkreisen ihre Stätte hat, nicht die Rede sein. Die Volkskunde beschäftigt sich mit der Kind- 1 heit des einzelnen ebenso, wie sie die Kindheitszustande der Natron aufsucht. Das Liebesieben mit allen den Formen und Vorstellungen, die sich daran knüpfen, wird von ihr behandelt. Selbstverj ständlich kann sie an den wirtschaftlichen Verhältnissen, an Wohnungen und Siedlungen wie am Hausgerät nicht achtlos Vorbeigehen. Es ist immeri hin interessant, wenn man in der jüdischen Küche in einer so großen Stadt, wie Plozk es ist, keinen Quirl kennt. Kleider machen Leute. Und Kleidung und Schmuck gehören zur Volkskunde, wie die Kunde der Namen, die ähnlich dem Träger anhaften I und denen ebenso wie der Kleidung oft genug j eine magische Wirkung im Volksglauben beige- | messen wird. Geburt, Hochzeit und Tod sind von j Bräuchen und mit Vorstellungen umgeben, die dem j Gebiete der Volkskunde angehören, ebenso wie das j Jahr mit seinen Festen. Die Geisterwelt und alle mythischen Erscheinungen, der Aberglauben, die | Wetterregeln und die Volksmedizin, jedoch auch die Volksdichtung im weitesten Sinne bis zu den Kinder- und Abzählreimen, ganz gewiß aber die Volkserzählungen und Volkslieder gehören in dieses weite Gebiet. Daß die lustigen Schwänke und der goldene Humor in diesem Kranze nicht fehlen dürfen, ist selbstverständlich. Der Sprache selbst wohnt weniger Bildungsstoff inne, als man früher der Meinung war. Sie kann nur formale Beiträge zur Bildung liefern. Aber sie ist das Eingangstor allen Bildungsstoffes, und sie ist der Weg, auf dem ein Volk mit dem andern in geistigen Austausch tritt. Deshalb kommt der Sprache gerade in der Volkskunde der Juden ein besonderer Wert zu. Denn mit dem Hebräischen stehen wir unter dem Einflüsse der Bibel, mit dem Arabischen sind wir von Mohammed abhängig, mit dem Deutschen als Muttersprache von Luther, Goethe und Kant, freilich auch von Stöcker und Chamberlain. Das Hebräische ist mm zwar zu allen Zeiten die eigentliche Kultursprache des .großen Kernes des jüdischen Volkes geblieben, um den das Judentum sich kristallisierte. Aber die Juden sind, rassehaft fast unvermischt, durch alle möglichen Sprachen und Sprachstämme hindurchgegangen. Vor allem hat ihre Eigenart dazu geführt, daß sie innerhalb der von ihnen gesprochenen Sprachen und neben ihnen eigene jüdische Mundarten gebildet haben, in denen durch mehr als zwei Jahrtausende stets die gleichen psychischen Ursachen zu gleichen Ergebnissen wirkend beobachten lassen. Judenpersisch und Judenarabisch, Judenspanisch und Judendeutsch sind die bekanntesten dieser Dialekte. Obwohl ihr Sprachmaterial im großen und ganzen der betreffenden Sprache entnommen ist, bleibt doch das Hebräische der feste Stamm, um den sich dieser Sprachstoff herumrankt. Das Jüdischdeutsche, das eine so innige Verbindung mit hebräischen Sprachelementen eingegangen ist, ist, wenn auch in natürlich anderer Form, so alt wie das Althochdeutsche. Wörter wie Rebbe und Rebbezen legen durch ihre Form davon Zeugnis ab. Jedenfalls sind zu einer Zeit, wo das Lateinische noch im Volksmunde die Kirchensprache war, Wörter wie oren und dawwenen, benschen und memmern entstanden. Die Sprachgeschichte der Juden gibt das Gehäuse ihrer Kulturgeschichte, und eine Studie über die Sprachen der Juden gibt zugleich einen Ueberblick über die Wege ihrer Kultur wie über die verschiedenen lebendem so unendlich verschiedenen und doch so einheitlichen Judenstämme. Dazu gehört auch die Betrachtung der jüdischen Namen, die außerhalb der Sprachgeschichte gar nicht betrieben werden kann. Wenn auch der Grundstock aller Judennamen hebräisch ist, wenn auch die meisten nichthebräischen Namen in irgendeiner direkten oder indirekten Form mit hebräischen Namen Zusammenhängen, so hat doch die Judenheit zu allen Zeiten aus den umgebenden und benachbarten Kulturen mit den Sprachelementen auch Namen aufgenommen. Dem 'Aegyptischen sind solche uns ganz hebräisch erscheinenden Namen wie Mosche und Pinchas entnommen. Die babylonischen Gottheiten Marduk und Istar haben in Mordedhai und Esther ihren Namen unter die Juden vererbt. Mit der

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