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Volk und Land · 1919-03-20 · Heft 12-13 (20.3.1919) · p. Seite 359-360

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 12-13 (20.3.1919)
Date
1919-03-20
Page
Seite 359-360 (sequence 6)
Language
German
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359 tariat“ so schließt die Broschüre, „nahm stets eine Ehrenstellung in der Vorderlinie des revolutionären Kampfes ein . . . Der jüdische Arbeiter trennte nicht das Werk seiner Befreiung von dem Befreiungskampf andrer Nationalitäten . . . gleicherweise werden auch die Arbeiter und Bauern Rußlands dessen eingedenk sein, daß die Arbeiterklassen des jüdischen Volkes ihre Brüder sind.“ Mag gar manches an dieser Argumentation zutreffen, so ist doch ihr Schlußergebnis offenkundig übertrieben optimistisch; die Frage, warum die Pogrörhagitation stets Erfolg hatte, wird nicht einmal aufgeworfen; der Nationalismus auch in seinen bescheidensteh Formen wird übrigens von den jüdischen BolsChewiki nicht nur ignoriert, sondern heftig bekämpft: während die westeuropäische Sozialdemokratie sich zur Anerkennung der Forderung nach nationaler Autonomie, namentlich in Staaten mit gemischter Bevölkerung, durchgerungen hat, wird diese Anerkennung den jüdischen Autono- 360 misten im russischen Staate von ihren bolschewistischen Volksgenossen verweigert. Georg Brandes hat, angesichts der ausgesprochenen Teilnahme der Juden am Bolschewismus, ßin starkes Anschwellen des Antisemitismus in Rußland vorausgesagt. Daß dies bereits eingetroffen und von den bolschewistischen Juden selbst festgestellt werden mußte, haben wir gesehen. Der Antisemitismus fängt an, sich selbst in liberalen russischen Kreisen einzunisten. Weite Kreise der russischen Judenheit befürchten, daß er wieder in eine Reihe blutiger Rachepogrome äusarten wird. Dies wäre mit Bestimmtheit zu erwarten, wenn die Vertreter des gestürzten Regimes wieder die Oberhand gewännen. Aber auch sonst — wenn wir bedenken, daß eine wie immer beschaffene Staatsform an und für sich den Bildungsgrad und die Gesittung eines Volkes nicht entscheidend und schnell zu verändern vermag, können wir jenen Befürchtungen eine Berechtigung nicht absprechen. VOLK UND LAND JUEDISCHE VOLKSKUNDE Von -Heinrich Lo,ewe. (Schluß.) Wenn somit der körperliche jüdische Typus ein durchaus einheitlich gerichteter ist, bei außerordentlicher Vielseitigkeit und Verschiedenheit der einzelnen Individuen, so entspricht dieser doch einer nicht minder einheitliche Verfassung. Auch das jüdische Denken und das jüdische Fühlen bewegt sich nach denselben großen Gesetzen und läßt den geistigen jüdischen Typus ebenfalls in einem hohen Maße gleich gerichtet erscheinen. Aber bei aller Einheitlichkeit tritt Her die Juden auszeichnende. Individualismus in seiner geistigen Verfassung noch weit mehr hervor, als in der körperlichen Gestalt. Diese geistige Eigenart des jüdischen Volkes ist um nichts weniger dauerhaft als seine körperliche Beschaffenheit. Noch heute haben wir es zu fühlen, daß die Typen der Propheten neben denen ihrer Verächter unter uns einherschreiten. Wir erblicken die höchste Potenz ‘des Glaubens neben der alles leugnenden Zweifelsucht eines Koheleth. Wir sehen unseren weitzügigen Großkaufmann und den emsigen Kleinhändler sowie den gewissenlosen Spekulanten neben dem peinlich seine Pflicht ausübenden Beamten. Hier steht der praktische Techniker und der ideenreiche Erfinder, dort der fleißige in seinem Berufe aufgehende Lehrer, hier der Berufslose aber in jedem Berufe und in jedem Erwerb heimische Praktiker, und daneben sehen wir den weitabgewandten und weltfremden Gelehrten, ob er nun auf jüdischem Gebiete oder im europäischen Wissen eine tiefgründige Ideenwelt, aufbaut. Und trotz dieser tausendfältigen Verschiedenheit und bei aller noch so individualistischen eigenen Entwicklung des Einzelnen hat das Denken und Fühlen gleichwohl einen viel einheitlicheren Zug als bei anderen lebenden Nationen. Darum aber hat auch das jüdische Volk ausgeprägte Charakterzüge, daß es in vielen Fällen den'entsprechenden Ausdruck seiner Gefühlswelt in deri Sprachen der Völker nicht findet, die es im gewöhnlichen Leben spricht. Wenn der Jude ein tiefes, weiches Mitleid empfindet, das im allgemeinen den nichtjüdischen Landesbewohnern nicht in der gleichen Weise eignet, so muß er den seinem Gefühl entsprechenden Ausdruck seiner besonderen jüdischen Redeweise entnehmen. Was der Jude mit „Rachmones“ bezeichnet, ist durchaus nicht völlig gleichbedeutend mit dem Mitleid und der Barmherzigkeit andersstammiger Landesbewohner. Deshalb ist der Ausdruck „nebbich“, diese Partikel weichen Mitgefühls, in die deutsche Sprache unübertragbar, obwohl sie aus deutschen Sprachelementen zusammengesetzt ist. Auf der andern Seite wird der Ueberschwang des Gefühls durch eine meist klare Verstandesanlage in die Welt der Wirklichkeiten zurückgeführt. Dieser eigenartigen, seelischen Verfassung des Juden will die jüdische Volkskunde versuchen näher zu kommen. Wenn die Volkskunde im allgemeinen noch eine neue Wissenschaft ist, so die jüdische ganz besonders. Für eine Statistik des Judentums gibt es eigentlich nur Anfänge. Die Einfügung der jüdischen Rasse in die allgemeine Ethnologie ist durchaus nicht zweifelsfrei dargelegt. Das demographische Material über die Juden muß erst noch gesammelt werden, der eigentliche folkloristische Stoff ist vollends bislang bei den Juden fast ganz übersehen worden. Erst in den allerletzten Jahrzehnten sind die Anfänge von jüdischen volkskundlichen Sammlungen gemacht worden. Unter anderem ist in Hamburg eine Gesellschaft für jüdische Volkskunde begründet, die in ihren wertvollen „Mitteilungen“ eine leider für ihren Stand noch viel zu kleine Zeitschrift besitzt. Anderes Material findet sich in den allgemeinen der Volkskunde und Völkerwissensch'aft gewidmeten Werken und Zeitschriften verstreut vor. Die jüngste Zeit vor dem Kriege hat iu Rußland die Anfänge ausgezeichneter folkloristischer Sammlungen und Studien gesehen. Ein zusammenhängendes Werk über

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