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Volk und Land · 1919-03-20 · Heft 12-13 (20.3.1919) · p. Seite 357-358

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 12-13 (20.3.1919)
Date
1919-03-20
Page
Seite 357-358 (sequence 5)
Language
German
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357 VOLK UND LAND 358 denn zweifellos schwebt diesen Bölschewiki-Juden ein soziales öerechtigkeitsideal vor und zweifellos waren die „sozialen Mißbräuche“ der Zarischen Regierung am größten und haben die Juden am schwersten getroffen. Aber bei alledem darf, wie mir scheint, auch die ursprüngliche geistige Disposition der Juden zum Abstrakten, die in diesen Juden den sozialen Utopismus so stark emportreibt, nicht vergessen werden (man muß hier unwillkürlich (ohne auch im übrigen eine Parallele ziehen zu wollen) wiederum an Onckens Worte denken: „Es ist auffallend, wie Lassalle die soziale Frage fast nur aus der Literatur kennt. Er sprach und empfand nicht mit den Arbeitern, kannte ihre Sorgen, ihre Fehler, ihre Denkweise nicht aus eigenster Anschauung, sondern dachte nur für sie“); ebenso, wie sich die biblische Charakteristik des „steifnackigen Volkes“, heute vor unseren Augen nochmals in dem Vergleich zwischen dem, verschiedenen Systemmilderungen nicht abgeneigten Lenin und dem ihn zurückhaltenden, hartnäckigen, orthodoxen Trotzkij bewährt. Man hört zuweilen, besonders unter den russischen .Juden selbst, die Meinung, die Teilnahme der Juden am Bolschewismus und ihre oft grausamen Formen (man denke nur an Uritzky) seien eine Reaktion gegen die früheren blutigen Judenpogroms. Dieser Zusammenhang trifft höchstens nur objektiv-historisch und unterbewußt zu. Eine bewußte Reaktion seitens der bolschewistischen Juden ist es jedenfalls nicht. Die ^soziale Gerechtigkeit“, von der Renan in der Geschichtsphilosophie der Juden spricht, hat hier keinen retrospektiven, die früheren Judenverfolgungen vergeltenden Charakter, sondern ist gänzlich vorwärts gerichtet, und die „sozialen Mißbräuche“, die die bolschewistischen Juden im Auge haben, betreffen das ganze Rußland, sind allgemeiner, ja universaler Natur (gerade in diesem Universalismus trifft sich der jüdische Geist mit dem russischen ja vollkommen). Die nationaljüdischen Interessen der Bolschewiki-Juden sind auf Null reduziert, wie sie denn auch im „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbunde“ jm Grunde, wie wir gesehen haben, auf ein äußerstes Minimum sich beschränkten. Als Leo Trotzkij die leonis unguem zu zeigen anfing, begab sich zu ihm M. Winawer, der bekannte jüdische Rechtsanwalt und Führer der jüdischen wie der russischen Kadetten, um ihn auf die Folgen seines, Benehmens für die Juden aufmerksam zu machen. Trotzkij antwortete: „Gehen Sie-zu Ihren Juden und £agen “Sie ihnen, daß ich kein Jude bin und mit Juden nichts tu tun habe“. Und diese Antwort ist für alle die bolschewistischen Judenführer ungemein charakteristisch. Sie suchen ihre Blutstimme zu ignorieren, sie als etwas Nebensächliches, Geringes zu behandeln, weil sie sie eben instinktiv als ein störendes Element empfinden — auch ein Seitenstück zu ihrem ganzen sonstigen Utopismus. Uebrigens existiert nach ihrer Lehre das Nationalgefühl höchstens nur als List der Bourgeoisie. Alle Gefühle, alle Historie löst sich für sie in der Lehre vom Klassenkampl auf. Indessen können auch sie Ohr und Auge nicht dem sich entwickelnden Antisemitismus verschließen und nehmen dazu — in ihrer Art — Stellung. Vor uns liegen zwei bolschewistische Broschüren: „Sind denn die Juden Feinde der Arbeiter und Bauern?“ Herausgegeben vom Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Rotgardisten-Deputierten) und „Dunkle Mächte, Krieg und Pogrome“ (von N. Gorlow, herausgegeben vom Sowjet der Arbeiter¬ und Soldatendeputierten, Petrograd 1918). Die Niederlage der Reaktion, heißt es in der ersteren Broschüre, „bedeutet nicht, daß die Gegner der Revolution und des Sozialismus jeden Gedanken an weiteren Kampf auf gegeben haben — sie haben ' nur einem offenen Angriff auf die Rätemacht entsagt, um ihr auf Umwegen beizukommen. Ein solches Mittel der Contrerevolution ist denn auch die j in letzter Zeit überhandnehmende antijüdische Propaganda und Anstiftung zu Pogromen. Ueberall, | wo sich nur dazu die Möglichkeit bietet — bei i den Queus (beim Anstehen), auf der Straße, in! Pogromaufrufen — suchen die Vertreter der alten Ordnung die Massen gegen die Juden aufzuhetzen, I die sie als die Schuldigen an allem Unglück hinsteilen, das das Volk Im Gefolge des ungeheuren Krieges betroffen hat. Indessen ist der Antisemitismus der beste Anzeiger der Wiedergeburt antirevolutionärer Stimmungen. In Rußland ebenso wie in anderen Ländern nahm die Reaktion zur antijüdisehen Propaganda Zuflucht jedesmal, wenn sie im Begriff war, der Volksbewegung einen Schlag zu I versetzen... Die Krönung des ersten terroristi- [ sehen Kampfes ‘der Partei des „Volkswillens“ gegen die monarchische Selbstherrlichkeit war die | Tötung Alexanders II. am 1. März 1882. Und diese { „VolkswiIlens“-Bewegung beantwortete die Regierung mit 'Massenpogromen im Süden Rußlands | (1880—1882) . . . Die revolutionäre Welle erhob! sich dann mit erneuter Kraft zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Und der Anfang des April 1903 wurde durch den furchtbaren Pogrom in Kischinew gekennj zeichnet. Einen besonders breiten Umfang nahm! aber die 'Pogrompropaganda im Jahre 1905 an, j als die Revolution zum Ausbruch kam ... Pogrome, denen in einer Woche rund 3000 Tote und bis 10000 Verwundete zum Opfer fielen, begleiteten das Manifest vom 17. Oktober ... Im Anfang des zweiten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts brach dann das Eis der Reaktion von neuem. Die bekannte "Erschießung der Arbeiter am 4. April 1912 an der Lena*) wühlte die Arbeitermassen auf. Diesmal holte die Regierung aus dem Staube der Jahrhunderte die ungeheure Beschuldigung des Gebrauchs christlichen Blutes gegen die Juden hervor, die dem berüchtigten Beilis-Prozeß in Kiew im Jahre 1913 zugrunde gelegt wurde . . . Und nun flackerte der Weltkrieg auf und die Nationalisten ) entschlossen sich, die Umstände der Kriegszeit auszunutzen . . . Die Legenden von jüdischer Spionage wurden eifrig verbreitet... Indem sie eine abscheuliche Propaganda gegen die Juden führen, spekulieren die Feinde von Licht und Freiheit auf die Unwissenheit der Massen, sie hoffen, daß die arbeitenden Klassen sich nicht darüber werden orien-! tieren können, wo ihre Feinde sind.“ | Und nun folgt eine Berufsstatistik der Juden, i die dartun soll, daß 80 Prozent der Juden selbst | den arbeitenden Klassen (Handwerkern, Arbeitern. | Hausgesinde usw.) angehören. „Das jüdische Prolej *) In Sibirien.

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