Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12-13 (20.3.1919)
- Date
- 1919-03-20
- Page
- Seite 355-356 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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355 VOLK UND LAND 356 Dieser Anteil der Juden an der bolschewistischen Bewegung ist freilich nicht über Nacht entstanden. Sondern wie der Bolschewismus zwar ein illegitimes Kind des Sozialismus ist, aber doch sein Kind, wie die Entwicklung überhaupt Verschiedenheiten und Gegensätze zeitigt, die aber doch das Ergebnis einer Entwicklung sind, so ist auch die bolschewistische Bewegung unter den Juden aus der früheren sozialistischen Bewegung hervorgegangen, die den sozialistischen Gedanken in die weitesten Kreise des jüdischen Volkes in Rußland hineintrug, befestigte und so den Boden für dessen spätere extreme Richtung vor langer Hand vorbereitete. Schon am Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fängt unter den russischen Juden eine planmäßige Propaganda und Organisation jan, die sich endgültig im Jahre 1897 in den sogenannten „Bund“ (,,Allgemeinen jüdischen Arbeiterbund in Litauen, Polen und Rußland“) konsolidiert. Von da ab entwickelt sich die Bewegung in rapider und, trotz aller administrativer Verfolgung, unaufhaltsamer Weise. 1903 schätzt man die Zahl der Mitglieder des „Bundes“ auf 30000. Trotz des Namens zeigten die Sitze der 14 Lokalkomitees — Warschau, Lodz, Bialystok, Grodno, Wilna, Dünaburg, Kowno, Witebsk, Minsk, Gomel, Mohitew, Berditschew, Zitomir, Riga ~ daß die ganze Bewegung überwiegend im Judentum des sogenannten Ansiedlungsrayons wurzelte. Die offiziellen Beziehungen des Bundes zur russischen Sozialdemokratie hingen davon ab, ob diese das Prinzip des Föderalismus und der nationalen Autonomie anerkannte oder nicht. Diese Anerkennung wurde dem Bund 1903 ausdrücklich verweigert, aber schon 1906 zuteil. Indessen ging der „Nationalismus“ des „Bundes“ nicht allzfu tief. Er beschränkte sich hauptsächlich darauf, die Anerkennung des Jiddischen als Unterrichtssprache und für den Verkehr mit den Behörden zu verlangen. Im übrigen bekämpfte er jeden, und auch den jüdischen, Nationalismus als „bourgeoise Ideologie“, und zwar ebenso im jüdischen Bürgertum, wie in der Arbeiterschaft, so in der Gruppe des „Serp“, d. h. der sozialistisch-hebräischen Arbeiterpartei und der „Poale-Zion“, der zionistischen Arbeitergruppe. Kämpfe zwischen den Bundisten und (Jen Zionisten waren eine ebenso häufige Erscheinung, wie heute zwischen den bolschewistischen Juden Und anderen jüdischen, insbesondere national-jüdischen Parteien. Trotz jener offiziellen Abgrenzung des „Bundes“ verwischten sich natürlich in der Hitze der Propaganda und Agitation die Grenzen, der Bund trat über die jüdischen Kreise hinaus, er führte in den breiten allrussisch-sozialistischen Strom hinein, an dessen Erstarkung und Verbreiterung er selbst kräftigen Anteil nahm und ist so als ein unumgängliches Vorstadium der Anteilnahme der Juden an der bolschewistisch-russischen Bewegung gar nicht wegzudenken. Die ohnehin ein „unterirdisches“ (illegales) Dasein führenden bundistischen Agitatoren beachteten natürlich von jeher die Grenzen des Ansiedlungsrayons nicht; der jüdische Teil der studierenden Jugend in den Hochschulstädten, deren Bedeutung als sozialistischer und revolutionärer Faktor von etwa 1901 an stetig zunimmt, war an seine Schranken auch gesetzlich nicht gebunden; die jüdische Agilität machte sich schon jetzt geltend und förderte viele Juden an die Spitze und Führung der ganzen Bewegung. Der berühmte Generalstreik im Oktober 1905, der die Proklamierung der Verfassung im Gefolge hatte, ist unter der tätigen Mitwirkung des „Bundes“ durchgeführt worden. Die Antwort auf diese ganze Teilnahme der Juden an der russischen sozialistischen Bewegung sind die Pogrome des Jahres 1905; sie stellen nicht nur eine „Ableitung“ der russischen revolutionären Energie auf den Nationalhaß, sondern auch eine Bestrafung für diese Beteiligung dar. Für die starke Verbreitung der sozialistischen Ideen unter den russischen Juden und ihr späteres gewaltsames Hervorbrechen in bolschewistischen Formen ist aber eine Reihe besonderer tieferer Gründe historischer und psychologischer Natur vvirsäm gewesen. In seinem ausgezeichneten Buch „Lassalle“ spricht Hermann Oncken von ,,Unhistorismus“ und „Dialektik“, die „häufig von solchen unvermittelten Uebergängen in der Geschichte erzeugt werden“, wie es namentlich der Uebergang der Juden aus dem Ghetto zur Aufklärung in Deutschland war. Dieser Ausspruch trifft vollkommen auch auf die Lage der Juden in .Rußland zu. Er kann und muß liier (und wohl auch überhaupt) in dem doppelten Sinne verstanden werden, daß zunächst die Absperrung im Ghetto den Unhistorismus und die Dialektik fördern mußte, die sich sodann auch bei dem unvermittelten Austritt aus dem Ghetto in der neuen Umgebung geltend gemacht haben. Diese beiden Erscheinungen finden wir in Rußland. Wie wir •bereits oben gesehen haben, entsprang und entwickelte sich der jüdische Sozialismus vornehmlich in der Judenheit des Ansiedlungsrayons, wo es an freier Luft no9h mehr mangelte, als im übrigen Rußland, wo die dem Judentum von jeher eigene und durch seine historischen Existenzbedingungen noch gesteigerte Neigung zur Abstraktion weiter wirkte, wo die Adoption des Sozialismus nur zum Teil aus wirklichen Fabrikarbeitern, zum anderen, wohl weitaus größeren Teil sich’ aus Handwerkern, allerlei studierender Jugend zusamfnensetzte, und wo endlich der Sozialismus geradezu als die Brücke vom der Enge der nächsten Umgebung zur weiten, wirklichen Welt da draußen erschien. — Und ebenso war die durch die unverhofft siegreiche Revolution von 1917 eingetretene Judenemanzipation ein unvermittelter Uebergang, der gar manchen perfekten oder angehenden jüdischen Sozialisten vollends aus dem seeelischen und' geistigen Gleichgewicht brachte. So ist es diesen Bolschewiki- Juden ßeschieden worden, in ihren destruktiven Ansichten und Methoden gleichsam die Mommsensche Ansicht von den Juden als einem Element der Dekomposition in der Weltgeschichte zu verwirklichen. Man kann aber auch nicht umhin, an das wohl noch vollständigere Wort Renans zu denken, der jüdische Geist sei in der Weltgeschichte Träger der sozialen Gerechtigkeit, aber er suche auch überall jede feste, mächtige Regierung zu vernichten, die nun eben mal, wie die Menschen seien, nicht ohne gewisse soziale Mißbräuche denkbar sei —