Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (6.3.1919)
- Date
- 1919-03-06
- Page
- Seite 345-346 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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340 VOLK UND LAND 345 Sowohl der eine \v»e der andere hier irr Frage kommende Staat muß sich entscheiden, ob er dem katastrophalen Bolschewismus vorgreifen will. In diesem Fall gibt cs nur einen Weg, und z.war: die Agrarreform. Die Juden, 5—6 Millionen, sind an dieser Reform verinteressiert, denn zwischen Jjudentum und Bolschewismus gibt es kehl Kompromiß. Doch wir haben noch anderweitige Interessen auf diesem Gebiete zu wahren. In Galizien gab es im Jahre 1902 533 Großgrundbesitzer auf einer Fläche von 301 619 Hektar. Der überwiegend größte Teil entfällt auf den sogenannten mittleren Besitz von 300 bis 2000 Hektar. Der Großteil dieser Grundbesitzer entfällt auf O s t g a 1 i z i e n, wo wir über einen Besitz von 248 979 Hektar verfügen konnten, während wir in Westgalizien nur 52 640 Hektar unser eigen nennen. Diese Form der jüdischen Landwirtschaft war im stetigen Fortschritt begriffen, so daß wir im Jahre 1912 bereits eine größere Zahl der jüdischen Grundbesitzer zählten, und im Krieg haben viele Juden ihr Geld in Grund und Boden investiert. Die Schwächung dieser Position würde ein nationales Mißgeschick bedeuten, um so mehr, als der Typus des mittleren „Großgrundbesitzers“ (Meierhofbesitzers) auch vom national-jüdischen Standpunkt i ein erfreulicher ist. Wenn wir noch die 2000 jüdischen Pächter und landwirtschaftlichen Beamten in Betracht ziehen, so dürfen wir dem vor uns sich abspielenden Prozeß nicht passiv gegenüberstehen. Der Weg, den wir einschlagen müssen, kann selbstverständlich nicht gegen die Agrarreform verstoßen, um so weniger, als dieser Prozeß nicht aufzuhalten ist. Was wir tun können ist erstens, daß wir bei Festsetzung der Maximal grenze der Besitzfläche das Interesse unserer Meierhofbesitzer wahren sollen, um so mehr, als der völlige Ausschluß des etwas größeren Besitzes undi das Zerstückeln desselben in kleine Fetzen, wie die Verhältnisse jetzt in Galizien liegen, keine Reform, sondern den Ruin des landwirtschaftlichen Fortschrittes bedeuten würde. Andererseits müssen wir außer der Frage der Entschädigung der Expropriierten darauf achten, daß bei der Neuaufteilung des Bodens das jüdische Element nicht unberücksichtigt bleibt. Wir haben, speziell was Galizien anbelangt, ein für landwirtschaftliche-Arbeit reifes Volk. Im Jahre 1910 hatten wir 46 066 Berufstätige in der Landwirtschaft. Davon waren 13 292 selbständige Grundbesitzer und Bauern, 1996 Pächter, 2093 Beamte, 3258 Arbeiter, 1846 Tagelöhner und 23 581 mithelfende Familienangehörige. Die Art der jüdischen Bewirtschaftung im; Lande erregte mit Recht die Bewunderung aller, und sogar unsere grimmigsten. Feinde mußten zugeben, daß die! Juden „rationelle Landwirtschaft zu betreiben verstehen“. Der jüdische Pächter war und ist noch bis heute der I wahre Kulturträger an Dort, dem die Nachbarn vieles ablernen mußten. Der Expansion der jüdischen Landwirtschaft stand bisnun der polnische Antisemitismus im Wege, welcher mit allen Mitteln die „Entjudung“ des heiligen polnischen Bodens betrieb. Derselbe Staat schreitet jetzt ,an die Gründung einer Agrarbank mit vorläufigem Stammkapital von 50 Millionen Mark zwecks Durchführung der notwendigen Agrarreformen, die um so weniger auf sich warten lassen werden, als, wie bereits bekannt, die Konstituante fast aus lauter Bauerndeputierten besteht. Wir müssen nun hier wie überall unsere Forderungen erheben und sie vor der ganzen Welt vertreten, denn jetzt ist auch die Zeit, wo wir an die Umschichtung und Umsiedlung der Juden herantreten müssen. Eine Hilfsaktion für die Jerusalemer Mädchen Frau Norman Bentwich hat eine Organisation ins Leben gerufen zu dem Zweck, jungen Mädchen unter geeigneter Anleitung eine gesunde und löhnende Beschäftigung zu bieten. Auf Grund ihrer Erfahrungen in einer ähnlichen Aktion in England ist sie im Begriffe, erwerbslose junge Mädchen zu einer landwirtschaftlichen Organisation zusammenzufassen, die leerstehende Flächen in und außerhalb Jerusalems in Kultur nehmen soll. Der Grund und Boden ist ihr zur Verfügung gestellt worden. Dasselbe gilt für Aussaat, Pflanzen und die ersten notwendigen Geräte. Gegenwärtig bemüht sie sich, etwa 1000 englische Pfund zusammenzubekommen, um bis zur Ernte Löhne zahlen zu können. Sie hofft, damit so weit zu kommen, daß das Unternehmen sich dann selbst erhalten kann. Der Anfang wurde mit zehn Mädchen gemacht,» die unter einer geschulten Gemüsegärtnerin aus der Mädchenfarm Kinereth arbeiten. Man hofft, die. Zahl in kürzester Zeit auf fünfzig zu bringen. Der Lohn beträgt U/2 Piaster per Stunde und die Arbeitszeit schwankt zwischen sechs und acht Stunden pro Tag. Die bisherigen Leistungen sind ermutigend. Hier wird also mit den gleichen Mitteln eine Abhilfe für Arbeitslosigkeit und Knappheit an Nahrungsmitteln herbeizuführen gesucht, wie in den zahlreichen Städten Europas und Amerikas, wo die Schrebergärten, Laubenkolonien, Bauplatzgärten und dergleichen gerade während der Kriegszeit sich äußerst rasch und erfolgreich entwickelt haben. Wir berichteten in Heft 8/9 von Volk und Land (Sp. 286) über einen jüdischen Schrebergarten in Breslau, auf dem völlige Neulinge recht erhebliche Ernten erzielt haben. Es ist kaum: zu bezweifeln, daß auch der Jerusalemer Versuch günstige Resultate haben wird, wenn es nicht an der nötigen Ausdauer fehlt. BUECHERBESPRECHUNGEN Der Zionismus, sein Wesen und seine Organisation*) Für „Volk und Land“ kommt vor allem das letzte Kapitel des kleinen Werkes in Frage, „Palästina im Prozeß der sozial-politischen Wiedergeburt“. Wir können im wesentlichen mit dem Verfasser übereinstimmen; wenn wir im folgenden einige Ausstellungen machen, so tun wir das nur, damit bei einer zweiten Auflage kleine sachliche Mängel beseitigt werden. Bern¬ •) Herausgegeben vom Kopenhagener Büro der Zionistischen Organisation. 1918. stein schätzt die Zahl der Palästinenser auf zirka 700000. unter denen sich zirka 100000 Beduinen befinden. Woher ist diese Zahl genommen? In keiner der uns bekannten Schriften über Palästina ist eine derartige Zahl angegeben. Sie scheint uns auch zu hoch zu sein, und man wird den tatsächlichen Verhältnissen mehr entsprechen, wenn man sie auf ein Drittel bis ein Viertel reduziert. Bernstein erklärt es für verfehlt, „wollte man sämtliche arabisch sprechenden Elemente als eine nationale Einheit betrachten“...,. „Das drusische Bergvolk und die Beduinen des Hasuran haben in nationaler Beziehung mit einander weniger gemeinsames, als Mexikaner und Spanier. Die arabisch sprechenden Maroniten des Libanon und ihre methuo-