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Volk und Land · 1919-03-06 · Heft 10-11 (6.3.1919) · p. Seite 343-344

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 10-11 (6.3.1919)
Date
1919-03-06
Page
Seite 343-344 (sequence 30)
Language
German
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343 VOLK UND LAND 344 somit kann er, den so enge, zähe und zahlreiche Fäden mit den Lcändern des zentralen und des östlichen Europas und mit Amerika verbinden, und der zu gleicher Zeit nach England loyale und politische Beziehungen hat, daran arbeiten, den großen Riß zu schließen, den die Urheber auf die Dauer des Krieges in die so eng verflochtene Welt gebracht haben, und den der Pariser Frieden kaum heilen zu können imstande sein dürfte. Dies aber ist eine religiöse Aufgabe, ein Amt der reinen Gesinnung und reiner Hände. Die Menschheit, aufgebaut aus Völkern, wird solange ein dissonierendes Getöse sein, als Haß und Verachtung blind von Volle zu Volk Stacheln und Widerhaken kehren. Der Orient, ein Teil der Menschheit, ist keinesfalls ein Objekt der Politik, keinesfalls eine Nutzpflanzung für weiße „Hfrrenvölker“. Der Jude, fast zwei Jahrtausende das Objekt des Hasses ..wird der Menschheit dienen, indem er darlegt: daß geachtet werden soll, wer arbeitet; daß die Hautfarbe keine Vorrechte bedingt; daß niemand das Recht hat, Menschen, seine Brüder, zu versklaven; daß die Erde geräumig ist, und daß die Lehre, die dereinst von Zion und Jerusalem! an alle Völker ausgehen soll, der Geist brüderlicher, hilfsbereiter, herzensmilder Gesinnung und Lebensgestaltung ist; daß aber alles Böse mit der Trägheit des Herzens anfängt, mit verachtendem Gedanken weitergeht und mit Gewalttat endet. Palästina - Programm Das Joint Foreign Committee schlug für die Friedens- Konferenz folgendes Palästinaprogramm vor: 1. Die Souveränität Palästinas wird Großbritannien mit dem Mandat, die Erklärung vom 2. November 1917 auszuführen, übergeben. 2. Die Grenzen des neuen Palästinas müssen in der Weise festgelegt werden, daß Raum! und günstige Bedingungen für eine jüdische Massensiedlung geboten werden. Die Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften werden entsprechend gewahrt werden. 3. Die politische, ökonomische und kulturelle Organisation des Landes wird derart sein, daß sie den Zuwachs der jüdischen Bevölkerung und deren Selbstregierung erleichtert und deren eventuelle Prädominenz in der Regierung des Staates, im‘ Einklänge mit den demokratischen Prinzipien, im Auge hat. 4. Die gesamte Bevölkerung Palästinas wird vor dem Gesetze religiöse Gleichberechtigung genießen. 5. Die hebräische Sprache wird als offizielle Sprache der jüdischen Bevölkerung anerkannt und gebraucht. 6. Der Sabbath und die jüdischen Festtage werden als gesetzliche Ruhetage für die Juden anerkannt. Die Juden die diese beachten, können nicht gezwungen werden, sich an Feiertagen anderer religiöser Gemeinschaften der Arbeit zu enthalten. 7. Die zentrale Autorität der jüdischen Bevölkerung Palästinas erhält das Recht, ein Erziehungssystem für die Juden Palästinas, mit Hebräisch als Unterrichtssprache ein- und durchzuführen, wobei Sdtoulen, die keine staatliche Unterstützung genießen, diesem System nicht unterliegen. 8. Die ganze Bevölkerung Palästinas soll sich einer gleichen, politischen und ökonomischen Behandlung erfreuen; weder Rassen noch religiöse Gemeinschaften sollen besondere Privilegien oder Vorzüge besitzen und genießen. 9. Die Kontrolle der jüdischen Heiligen Orte wird den Juden überlassen, in gleichemi Maße, wie die der Heiligen Stätten der Christen und Mohammedaner den resp. religiösen Gemeinschaften überlassen wird. SOZIALES Die Juden und die Agrarreform im Osten Der „Wiener Morgenzeitung“ entnehmen wir folgende Ausführungen: Die Agrarreform ist das bedeutendste Problem .des Ostens, und nur wenn seine restlose Lösung gelingen wird, wird Ruhe an den Ostfronten Europas walten und der Weltfriede gesichert sein. Das Agrarproblem ist so alt wie die soziale Frage überhaupt, und mit Recht geißelt Proudhon die Idee des Privatbesitzes an Grund und Boden als den Eckstein der sozialen Ungerechtigkeit. Aus diesem Grunde kann auch von sozialen Reformen so lange nicht gesprochen werden, bis dieses Grundübel beseitigt ist, das heißt, bis nicht eine gesunde Agrarreform! die Grundrente einschränkt und den Landhunger der Besitzlosen stillt. Es steht aber zu befürchten, daß dieser Segen zum Fluch der Menschheit werden kann. Die Bolschewiki haben das letztere zustandegebracht, indem sie eine Brandfackel in die Massen warfen und sie blendeten, bis sie nicht mehr unterscheiden konnten, wo der Vorteil dieser Reform endet und wo der Nachteil zu walten beginnt. Diese Befürchtungen sind hier um so berechtigter, als teilweise in Polen und noch mehr in Galizien derartige Besitzverhältnisse obwalten, daß kein Stand existiert, der am Beibehalten der „goldenen Mitte“ interessiert wäre. Es fehlt hier der mittelbäuerliche Besitz, der die Wage halten würde im Streit beider Extreme. Denn in Galizien sind fast 40 °/o des Landareals in den Händen der Magnaten und Schlachzizei^, während der Rest aus Kleinbauern besteht, die ihren Landhunger nicht befriedigen können. Ein bäuerlicher Mittelstand fehlt hier fast ganz, und so sind die Konsequenzen einer Agrarbewegung nicht abzusehen. In Ostgalizien kommt noch das nationale Moment hinzu. Hier ist der Großgrundbesitz noch stärker vertreten, undl zwar sind es die polnischen Schlachzizen, die langjährigen Unterdrücker der ruthenischen Kleinbauern, welche ins Meer einer fremdnationalen, landhungrigen und feindlichen Volksmassc eingestreut sind, von deren Haß und Argwohn sie überflutet werden. In diesem Lande ist die Gefahr des Bolschewismus besonders groß, um so mehr^ als auch der städtische Mittelstand ein fremdnationales Element darstellt. Auf diese Gefahren müssen die Juden rechtzeitig aufmerksam gemacht werden, denn auch wir, und insbesondere wir, werden von diesen Stürmen nicht verschont bleiben. Der Jude hat an dem Zustandekommen einer gesunden Agrarreform das größte Interesse. Denn nur in einem gesunden Agrarland mit einem gesunden ländlichen Mittelstand kann Handel und Industrie blühen und ist ein wirtschaftlicher Aufstieg zu erwarten. Im alten Polen der Schlachzizenherrschaft war es zu eng sowohl für die jüdische wie die nichtjüdische Bevölkerung und es mußten statt Waren Menschen exportiert werden. In einem neuen Polen und einer erneuerten Ukraine, in denen das Agrarproblem zufriedenstellend gelöst sein werden, wird Platz sein nicht nur für die Eingeborenen, sondern sie werden ein Einwanderungsgebiet werden für viele Fremde. Denn diese zwei Dinge stehen in engem Zusammenhang; wer einen großen Warenexport aufzuweisen hat, benötigt immer mehr Menschen im Lande; nur ein armes, verkümmertes Land importiert Waren und zahlt mit Menschen-Export. Auch Polen, obwohl es eine dichte Bevölkerung aufzuweisen hat, wird, wenn drüben noch dazu politische Reife mehr als bis jetzt in den Vordergrund treten sollte, bei einer rationellen Agrarreform ein blühender Staat werden.

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