Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (6.3.1919)
- Date
- 1919-03-06
- Page
- Seite 341-342 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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34 i VOLK UND LAND 342 jeden Problemes und jeder Schwierigkeit zu freuen scheint; zugleich kommt er als Großstädter, der in den Formen des zerlegtesten Großbetriebes erwachsen ist lind sie überall anzuwenden bereit scheint, mit dem ganzen Tempo des Großstädters und Zeitsparers. Dieser Jude trägt die moderne Wissenschaft an den Rand des Orients: er wird zuerst die Medizin entfalten und den Kampf gegen Malaria und Augenkrankheit, gegen Kindersterblichkeit und Seuchen erfolgreich aufnehmen. Daß damit eine Veränderung der Bodenverhältnisse verbunden ist, sowohl Trockenlegung von Sümpfen als Bewässerung von Trockenland, ist bekannt und führt zu der Rolle der Technik, die ja das vornehmste Mittel zur Bewohnbarmachung Palästinas durch eine große Zahl von S edlern darstellt. Elektrizität aus dem Jordangefälle muß die Kraftquelle für die Bearbeitung und Bewässerung des Bodens werden; moderne Maschinen müssen die körperliche Arbeit dem Klima entsprechend erleichtern und eine Industrie ermöglichen, die Rohstoffe des Landes (Totes Meer) oder naher Zentren (ägyptische Baumwolle) für die Bedürfnisse der Bevölkerung verarbeitet. Damit öffnen sich dem Orient Schulen der modernen Technik; die Ausbildung von Ingenieuren und Technikern vieler Industrien wird in absehbarer Zeit innerhalb Palästinas möglich werden. Größere Städte und intensiverer Verkehr erscheinen uns unumgänglich, und die kulturellen Bedürfnisse der Juden, von jeher sehr hoch und europäisch gerichtet, werden ein Einfal'.stor für Literatur und Künste der führenden Westvölker werden. Daraus ergibt sich die für Deutsche heute doppelt bemerkenswerte Tatsache, daß die freundschaftlichen Beziehungen, die auch die Ostjuden in ihrer Masse bis zur Okkupation Litauens und Polens zur deutschen Dichtung, Musik, Philosophie und Wissenschaft pflegten, trotz der deutschen Isolierung jetzt positive Früchte tragen können, vorausgesetzt, daß kein deutscher Antisemitismus mit iLärm und Toben die Feindschaft frisch erhält, die diese Okkupation gegen alles Deutsche den Juden des Ostens eingeprügelt hat. Der Jude ist dankbar, aber er gedenkt auch der Mißhandlungen, die er erlitt. Kurz, die Distanz zwischen Europa und dem Orient muß sich verringern, zumal da der Verkehr europäischer Schiffslinien nach palästinensischen Häfen sich intensiv beschleunigen muß, um der Verbindung der palästinensischen mit der europäischen Judenheit zu dienen; und ebenso wie die jüdische Universität eine modern-europäische Hälfte haben wird, die den Geist der Okzidents in Methode und Lehrgegenstand aüsbreiten muß, werden Ausstellungen, Theater und vor allem Konzerte die besten und die neuen Schöpfungen Europas für jeden empfänglichen Geist darstellen, der kommt, sie aufzunehmen. Geschieht das aber, so ist nicht einzusehen, warum die Bewohner des palästinensischen Hinterlandes nicht an den Gelegenheiten des Studiums teilnehmen sollten, die ihnen plötzlich so nahegerückt sind; ein Teil der nahorientalischen Erforscher der modernen europäischen Methoden und Wissenschaften wird sich schon in Palästina eine zusammengepreßte Uebersicht darüber verschaffen können. Vor allem aber wird er in vielem schon den Geist des Westens kennen lernen können, diesen aggressiven, zerlegenden u.nd logisch-systematischen Geist — wie wir hoffen, ohne allzuviel von den Verzerrungen und Ausartungen zu verspüren, die das Leben in Europa zu diesem unbarmherzigen und nahezu gehässigen Kampfe von Mensch mit Mensch gebracht haben, der den wildesten Ausdruck im Kriege gefunden hat. Dies zu vermeiden, wird vielleicht die Aufgabe des ostjüdischen Elementes der neuen Besiedlerschaft sein. Nirgendwo gibt es so überzeugte, so tatbereite, so nach neuer Ordnung des Lebens dürstende Massen wie in der Jugend des ostjüdischen Proletariats. Sie ist sozialistisch, diese Jugend, und ihr Einfluß ist um so größer, als die jetzt schon im Lande befindlichen Ar beiterjuden ihre Brüder und Gesinnungsgenossen sind. Sie und die westjüdische intellektuelle Jugend haben auf dem letzten zionistischen Delegiertentage für Deutschland die ersten Siege errungen; die Nationalisierung des Bodens ist dort von einer einstimmigen Versammlung vorwiegend bürgerlicher Delegierter be schlossen worden, nachdem man in Amerika das gleiche und noch mehr bereits gutgeheißen hat, und obwohl dieser Schritt ausdrücklich ein erster und einleitender genannt worden ist, dem weitere sicher folgen werden. Denn darüber darf kein Zweifel herrschen: zwar wer-! den die Juden die Formen ausgebildeter Wirtschaft aus Europa mitbringen; den Geist aber, der diese Formen j für Europa so verhängnisvoll machte, den Geist des I Kapitalismus, der rücksichtslosen Einzelbereicherung, ihn werden sie nicht in das neue Land verpflanzen. Vielmehr wird die jüdische Gemeinschaft — kein auf Ge- I walt und Unduldsamkeit gegründeter Staat — von der | Freiheit guten Gebrauch machen, den der englische Länderverband den ihm angegliederten Gemeinwesen innerpolitisch wie außerpolitisch in weitem Maße zu Jassen pflegt, und sie wird eine Form' des sozialen Zusammenlebens zu schaffen suchen, die schon darin von anderen sich unterscheiden dürfte, als der Arbeit am Lande, der groben schweren Arbeit, eine Würde und Weihe gegeben ist, durch die Erneuerung des Körpers, die sie dem städtischen und übergeistigten Juden zuteil werden läßt. Wir können heute schon sagen, daß vielleicht gar keine von Obrigkeits wegen festgesetzte Gemeindeform, den individuellen und Gruppeninstinkten der Juden, die ja das im edlen Sinne demokratische Volk kat exochen sind, Schranken bieten wird, daß vielmehr die Freiheit auch der Gemeindeverfassungen zu einer reichen Mannigfaltigkeit der sozialen Typen führen dürfte. Denn da ein großer Teil der ostjüdischen Sozialistenjugend kommunistisch denkt und empfindet und nach Palästina geht, um dort den Idealen zu leben, auf die die europäische Gesellschaft mit nein antwortet, werden wir ganz gewiß eine Vielfältigkeit von Wirtschaftssystem finden, die sowohl den individualistischen (Erbpacht) wie den sozialistischen und kommunistischen Gedankenwelten (Produktivgenossenschaft) irdisch-lebendige Formen geben werden. Damit wird zweierlei erreicht werden : das jüdische Volk in Palästina wird sich, was die Beziehung zu Europa anlangt, vor allem denjenigen Staatsorganisationen nahe fühlen, die sich ebenfalls auf den Grundrechten sozialer Gerechtigkeit aufbauen, und es wird zweitens in die imperialistische Herrenstellung des Europäers auch den Fellachen gegenüber eine bald sehr fühlbare Bresche legen. Damit I wird er zur Brürike zwischen dem sozial erwachenden Orient und dem entkapitalisierten Europa. Denn, und das ist das Urjüdische in der Grund- I läge des neuen Gemeinwesens: Die Juden werden keinen I bornierten Nationalismus mit in den Orient bringen. | Sie werden, wenn es sich irgend ermöglichen läßt, d. h. wenn sie nicht auf die ausdrückliche Gegnerschaft und i Feindseligkeit der Araber stoßen, mit den Fellachen ein kameradschaftliches Auskommen und Miteinander- | leben zu finden suchen. Zwar werden sie die Formen | des öffentlichen Lebens zwanglos judaisieren, und die Hälfte der Universität Jerusalem wird den jüdischen Wissenschaften Vorbehalten bleiben. Auch ward die hebräische Spache, deren kräftige Neubelebung bereits ein Faktum ist, das öffentliche Leben zu erobern wissen. Aber es hieße die Grundlagen des Judentums negieren, wenn in diesem friedlichen und kulturellen Wettkampf irgendwelche antiarabische Gesinnungen unterlaufen i sollten; im Gegenteil wird das Arabische recht bald in den jüdischen Schulen seinen Platz finden müssen. Dann könnte, eine Parallele zur spanisch-maurischen i Zeit, in der der Araber und der Jude das hellenistische | Griechenland von Byzanz nach Europa trugen, der Jude der ehrliche Makler werden, der in durchaus selb ständiger' Form den europäischen Gehalt nach dem 1 Orient, den arabischen aber an Europa weitergibt. Und