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Volk und Land · 1919-03-06 · Heft 10-11 (6.3.1919) · p. Seite 333-334

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 10-11 (6.3.1919)
Date
1919-03-06
Page
Seite 333-334 (sequence 25)
Language
German
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333 VOLK und LAND 334 trauen entgegen, noch trauen wir seinem Wohlwollen für die Juden. Wir nehmen jedoch an, daß er seine Erklärung als Programm und nicht als hohle Phrase betrachtet, und entgegnen ihm darauf, daß die Polen in Amerika keine 15 °o ausmachen, und somit keine so ansehnliche Minorität dort bilden, wie wir in Polen. Sie erfreuen sich dennoch einer Freiheit, nach der wir uns sehnen, aber in Wirklichkeit ihrer völlig he raubt sind. In Amerika besitzen die Polen eigene Schulen, niemand verwehrt sie ihnen, sie behalten und entfalten ihre nationale Entwicklung, es wird ihnen kein Zwang auf erlegt, ihrer Nationalkultur zu entsagen. Niemand sieht in ihrer nationalen Eigenart eine Bedrohung des Staates, die Presse hetzt nicht. Die persönliche Freiheit und Sicherheit gilt als geheiligt, wehe dem, der im In- oder Auslande die Unantastbarkeit des amerikanischen Staatsbürgers verletzen würde, unabhängig davon, welcher nationalen Gemeinde dieser Staatsbürger angehört. Bei uns könnte ein Minister guten Willens — auch ohne Verkleidung des mystischen Kalifen — sich täglich davon überzeugen, wie brutal in den _galizischen Eisenbahnzügen Passagiere mißhandelt werden, weil sie durch ihr Aeußeres und die Tracht den Juden verraten. Manchmal wird auch ein Nichtjude geprügelt, wenn er das Pech hat, für einen Juden gehalten zu werden. Phy sisch werden wir in der dritten Klasse mißhandelt, moralisch in der ersten. Von den Novemberprogromen wollen wir in diesem Zusammenhänge garnicht reden. Was Wunder, wenn physisch bedrängt, moralisch bedrückt, in der Existenzmöglichkeit nicht nur bedroht sondern direkt unterbunden und sogar der Möglichkeit einer Selbstwehr beraubt — den Juden nichts anderes übrig bleibt, als der Verzweiflungsschrei! Es (st nicht unsere Schuld, wenn erst das vom Auslande zurückschallende Echo hier im Lande die Aufmerksamkeit auf die Judenfrage lenkt. Es ist nicht unsere Schuld, wenn man hierzulande anstatt die Judenfrage zu lösen, den Juden lieber als Schreckgespenst im gegenseitigen politischen Kampfe der Parteien mißbraucht. Die Polnisch-Nationalen konnten im ehemaligen Kongreß-Polen anläßlich der Landtagswahten mit Erfolg die polnische Sozialdemokratie durch den Hinweis bloßsteilen, daß auf der Wahlliste der Name des Juden Perl prangte. Dieser bekannte polnische Sozialdemokrat trug durch seine jüdische Herkunft zur Niederlage der sozialdemokratischen Listen bei. Die Sozialdemokraten schwuren Rache. Als nachher der Landtagspräsident Trapczynski den Stimmen des jüdischen Klubs im Land tage seine Wahl verdankte, verhöhnten sie tagelang in ihrer Presse den „Erwählten“ der Juden, wodurch nicht nur das Prestige des neuen Landtagspräsidenten, sondern auch das seiner politischen Anhänger in den Augen der polnischen Masse erniedrigt werden sollte. Diese Empfindungen sind in Amerika den Polen fremd, trotzdem sie dort kaum 80 Jahre leben - im Gegensätze zünden Juden, die in Polen seit einigen Jahr hunderten ansässig sind. Wie die Polen in Amerika, sotlen wir behandelt werden. Vorläufig behandelt man uns weit schlimmer als es bisnun die Deutschen mit den Polen in Posen taten, obwohl wir doch — gleich denen dort — hier keine Fremdlinge sind, sondern mit dem Boden verwachsene zwar nationale Judaei doch cives Pöloni.“ (Wiener Morgenzeitung.) Deutsch-Oesterreichs Anschluß In der Sitzung der Konstituierenden Nationalversammlung Deutsch-Oesterreichs vom 13. März 1019, in , welcher der Anschluß an Deutschland proklamiert wurde, i hielt der jüdisch-nationale Abgeordnete Ing. Stricker I folgende. Rede: { „Im Namen des jüdischen Volkes habe ich die Er Klärung abzugeben, daß wir das-Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes achten, daß wir in der Frage des Anschlusses au Deutschland eine Angelegenheit erblicken, die einzig und allein das deutsche Volk in Deutschösterreich zu beurteilen hat. Das deutsche Volk hat darüber zu entscheiden und wir werden uns dieser Entscheidung fügen. Wenn ich aber doch als Kontraredner spreche, so muß ich sagen: Es sind sachliche Gründe, die mich veranlassen, Sie vor der Gefahr zu warnen, die durch die Annahme des Gesetzes in der gegen wärtigen Form entsteht. Ich fühle mich dazu veranlaßt als Bürger dieses Staates. Dem Herrn Staatssekretär Dr. Bauer hat es be liebt, jedem, der in dieser Frage nicht blind mittun will, jeden, der für diese Nervosität kein Verständnis hat, als einen Habsburgerknecht oder als Knecht des Kapitalismus zu bezeichnen. Mein Gewissen spricht mich davon frei. Aber Sie beschließen hier einseitig in der Form eines Gesetzes: Deutschösterreich ist der unverzichtbare Bestandteil der deutschen Republik. Es ist unerhört, eine solche Bestimmung in ein Gesetz hineinzubringen. Der Zusammenschluß zweier Reiche kann nur das Resultat von Vertragsverhandlungen sein und das Gesetz kann die so gewonnenen Verträge besiegeln. Ich habe aber noch nie gehört daß ein X beschließt, meine Wohnung gehört zur Wohnung des Y. Das muß erst geordnet werden. Ich verstehe Ihr Bedürfnis, die Zusammengehörigkeit mit dem deutschen Volk zu manifestieren. Da empfehle ich Ihnen aber, eine andere Form zu suchen; muten Sie uns nicht zu, hier etwas zu beschließen, was die ärgsten Konsequenzen haben kann. Ich werde auf diese Konsequenzen sofort himveisen; Durch diesen Vertrag haben Sie sich diplomatisch entmündigt. Es wird dann nach außen hin keine selbständige Vertretung Deutschösterreichs mehr geben, sondern nur eine Vertretung des Deutschen Reiches. Kann aber Deutschösterreich' heute auf eine selbständige Vertretung verzichten? Ich sage nein. Wenn Sie mir sagen, das große Deutsche Reich werde dies besorgen, so antworte ich ihnen: in diesem Falle haben Sie Ihre Vertretung einem Schwächeren anvertraut. Wir sind vielleicht die Stärkeren. Es liegt in unserem Interesse, es liegt vielleicht auch im Interesse des Deutschen Reiches, daß es eine selbtändige Vertretung Deutschösterreichs gibt. Der Herr Staatssekretär hat gesagt: Ja, die Verhandlungen kommen und die Verträge w'ird man schließen, Kommissionen wird man wählen. Er hat den besten Eindruck, daß alles gut gehen wird. Aber so haben auch Graf C z e r n i n und Graf Berchtold gesprochen. Damals hat man uns auch erzählt, daß alles gut geht. Wir wollen aber wissen, wie es geht und was ver: handelt wird. Wir brauchen keine Geheimdiplomatie und keine Vertröstungen. Hat uns das damals bei dem schwarzen Grafen nicht gefallen, so kann es uns auch bei dem roten Staatssekretär nicht gefallen, wenn er Geheimdiplomatie treibt. Was ich hier sage, ist nicht faktiöse Opposition, sondern sachliche Bedenken. Ich kann nicht unwidersprochen lassen, daß man unser Schicksal in die Hände der deutschen Regierung legt. Sie ist mir nicht zu rot, im Gegenteil, sie ist mir zu blaßrot. So wenig ich den Herren Ludendorff und Tirpitz vertraut hätte, so wenig vertraue ich den Herren Scheidemann utid Ebert. Zwischen diesen Eie menten besteht eine Verwandtschaft. Wenn der Zusammenschluß des deutschen Volkes ein unveräußerliches Recht des deutschen Volkes ist, dann dürfen Sie nicht nervös werden und ein solches Tempo einschlagen. Eine Entschließung des Volkes: „Wir wollen mit Deutschland Zusammengehen“, besagt dasselbe und gibt den Feinden keine Handhabe-, uns zu isolieren.“

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