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Volk und Land · 1919-03-06 · Heft 10-11 (6.3.1919) · p. Seite 329-330

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 10-11 (6.3.1919)
Date
1919-03-06
Page
Seite 329-330 (sequence 23)
Language
German
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329 VOLK UND LAND 330 von Bedeutung ist. Ganz abgesehen davon, daß Deutschland durch seine Nachbarschaft zum Osten, wo die jüdischen Massen leben, an der jüdischen Frage stets interessiert sein wird, wird besonders auch für die nächste Zukunft, da es die wichtigste Aufgabe der deutschen Politik sein muß, wieder die internationalen Beziehungen herzustellen, das jüdische Element für Deutschland von Bedeutung sein. Denn von allen internationalen Verbänden ist die zionistische Weltorganisation die einzige, die im Kriege ihre Einheitlichkeit aufrecht zu erhalten gewußt hat. j * Das 'jüdische Volk, wo es politisch als solches auftritt, legt Wert darauf, seine neutrale Haltung zu! bekunden. Daß außerdem weite Kreise des jüdischen Volkes mit der deutschen Sprache und Kultur vertraut sind, starke Beziehungen auch zwischen dem deutschen Judentum und dem der anderen Länder bestehen, wird gerade für die Wiederanknüpfung der internationalen Verbindungen das jüdische Element vielfach wichtig sein. Bei Prüfung der jüdischen Forderungen ergibt sich,; daß die Interessen Deutschlands sich nicht mit den i jüdischen in Widerspruch befinden. Die nationale Autonomie der Juden im Osten ist eine Voraussetzung für die Schaffung geordneter Verhältnisse in diesen Ländern, die vom Standpunkt der inneren Ruhe und freien Entwicklung dieser Länder außerordentlich wünschenswert wäre. Die. Schaffung des jüdischen Zentrums in Palästina aber ist von Wert, weil sie den jüdischen sEmigrantenmassen aus dem Osten eine Zufluchtstätte bietet und schon dadurch die Behandlung der so schwiei rigen Judenfrage erleichtern wird. Außerdem wird auch nach dem Ausgang dieses Krieges Deutschland an der Entwicklung des Orients weiter interessiert sein, und es ist gar keine Frage, daß ein jüdisches Palästina für eine rasche Neubelebung Vorderasiens außerordentj lieh fruchtbar werden wird. Bedenkt man, daß sehr viele Juden die deutsche Sprache beherrschen, besoni ders Ostjuden, die in erster Reihe für die Einwanderung i nach Palästina in Frage kommen, deutsch verstehen i und von früher her starke wirtschaftliche und kulturelle j Verbindungen mit Deutschland haben, so wird man einsehen, daß ein jüdisches Palästina auch vom Gesichtspunkt der Herstellung wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen zwischen Deutschland und dem vorderen Orient zu begrüßen ist. So zeigt eine Prüfung der jüdischen Forderungen, daß ihre Verwirklichung auch vom deutschen Standpunkt wünschenswert ist. Nun wird wohl gerade bei diesen außerdeutschen Fragen Deutschland auf der Friedenskonferenz nicht stark beteiligt sein. Immerhin wird die Unterstützung dieser Forderungen durch Deutschland und durch die öffentliche Meinung Deutschlands ihre moralische Wirkung auf das Judentum nicht verfehlen, dem daran gelegen ist, daß alle Staaten und Völker seine Forderungen anerkennen. Eine jüdische Politik, die darauf eingestellt ist, sich die Sympathien der Welt zu schaffen, wird auch in Zukunft mit Deutschland als einem wichtigen Faktor rechnen.“ Zur Kongreßbewegung in Deutschland Stimmen der Gegner. „Im Deutschen Reich“, Zeitschrift des „Centralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“: „Dem Centralverein ist eine Beteiligung an dem Kongreß nicht möglich, der sich auf der Voraussetzung bewußter Zugehörigkeit zum jüdischen Volk aufbaut. Wir Mitglieder des Centralvereins erkennen den Begriff eines jüdischen Volkes nicht an und fühlen uns dem jüdischen Volk nicht zugehörig. Wir betrachten uns, wie schon wiederholt ausgesprochen wurde, als unlöslichen Bestandteil des deutschen Volkes. ... Nun wird den nichtzionistischen deutschen Juden in letzter Zeit von gegnerischer Seite ein Doppeltes vorgehalten: Einmal wird behauptet, wir schlössen das deutsche Judentum von der jüdischen Gesamtheit aus, wenn wir uns dem jüdischen Volke fernhalten. Zweitens aber sei die Geschichte bereits über unsere Bedenken zur Tagesordnung übergegangen; denn die maßgebenden Machtfaktoren, insbesondere die Regierungen der Entente, hätten die Judenheit His. jüdisches Volk anerkannt. Zum ersten Punkt ist zu bemerken: Es erscheint uns recht fraglich, ob das Oesamtjudentum die deutschen Juden wird entbehren wollen und können, selbst wenn sie sich nicht nationalisieren. Das Gesamtjudentum wird den in der deutschen Judenheit liegenden Reichtum an geistiger Kraft, an jüdischer Betätigung und jüdischem Gemeinsinn niemals missen können und wollen1). Dann aber muß mit Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß der Nachweis, daß alle Juden der Welt das jüdische Volk anerkannt haben, noch keineswegs geführt ist. Die Ostjuden, d^ren eigenartige Struktur als Massensiedlung eine andere Anschauungsweise bedingt, wollen wir hier außerhalb unserer Betrachtung lassen, obgleich auch hier die sogenannten „assimilatorischen“ Bestrebungen keineswegs ganz zum Schweigen gebracht sind. Was aber haben wir denn von den Westjuden erfahren, das berechtigt, von einer Einigung derselben auf den Begriff „Jüdisches Volk“ zu sprechen?2) Gelegentliche Acußerungen prominenter Juden, wie etwa des Lord Rothschild, beweisen gar nichts. Gerade die Zionisten, welche die Notabeln-Politik in Grund und Boden verdammen, wenn sie antizionistisch ist, sollen sie nicht wieder einführen wollen, w'enn sich einmal die Stimme vereinzelter hervorragender Juden für sie erhebt. Viel stärker spricht doch die Tatsache, daß der amerikanische Kongreß in seiner Palästinaresolution das Wort „jüdisches Volk“ (people) sorglich vermieden und dafür den farblosen Ausdruck „jüdische Gemeinschaft“ (common wealth) gesetzt hat. Und ein ganz besonders gewichtiges Argument wird gewöhnlich ganz mit Stillschweigen übergangen, nämlich die Tatsache, daß die Juden der Entente sich nicht dafür eingesetzt haben, auf dem jetzt stattfindenden Pariser Kongreß die deutschen Juden als Mitvertreter des jüdischen Volkes zu empfangen, während doch z. B. deutsche Polen dort ihr gewichtiges Wort mitgesprochen haben. Würden die Entente-Juden von der Einheit des jüdischen Volkes überzeugt sein, so hätten sie den deutschen Juden nicht das Schicksal ihrer christlichen Staatsgenossen bereitet, den entscheidenden Verhandlungen in Paris fernbleiben zu müssen und sich in der wichtigsten (nach ihrer Meinung wichtigsten) jüdischen Frage vor eine vollendete Tatsache stellen zu lassen. Der naheliegende politische Grund hierfür ist sicher der, daß England mit der Förderung des Palästinaprogramms nur seine Geschäfte besorgt und hierbei eine Hinzuziehung deutscher Juden, selbst deutscher Zionisten sorglich vermeiden will3). Nun zum zweiten Punxt! Unterstellen wir einmal, was noch gar nicht feststeht, daß der Begriff des jüdi-!) Das scheint uns als etw-as überheblich; die „jüdische Betätigung“ in Deutschland dürfte dem jüdischen Volke wenig imponieren, der „jüdische Gemeinsinn“ gibt sich selbst auf, wenn er sich vom VoEk-* sein ausschließt, und die „geistige Kraft“ schafft keine jüdischen Werte ohne eben diese Gemeinschaft mit dem Volke. D. R. 2) Die deutschen Juden bilden mit 600 000 Seelen die weitaus stärkste dieser westeuropäischen. Gruppen. Gegenüber den Millionenmassen des Ostens bildet das Westjudentum eine winzige Minorität, durch deren noch so heftigen Protest die Existenz des jüdischen Volkes nicht in Frage gestellt wird. D. R. 3) Uns scheint eine natürlichere Erklärung darin zu liegen, daß die ehemals deutschen Polen nunmehr als Bürger einem Staate angehören, der mit der Entente verbündet ist, {während die deutschen Juden (und mit ihpen die deutschen Zionisten) als deutsche Staatsbürger keine Ausnahmebehandhmg verlangen können.

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