Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-03-06 · Heft 10-11 (6.3.1919) · p. Seite 325-326

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 10-11 (6.3.1919)
Date
1919-03-06
Page
Seite 325-326 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649287--0223-2649565
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

VOLK UND LAND 326 325 in der Kolonie anzugreifen, nachdem...die ..Söhne Bilu sie durch tätliche Belehrungen dazu erzogen haben, ist sicherheitshalber die Nachtwache "auf das strengste eingeführt. Die Kolonisten von Gederah ertragen jedoch alles mit leichtem Herzen, froh, daß innen das Los zu ge fallen ist, den heiligen Boden unserer Väter zu beleben, in der Erwartung einer schönen lichten Zukunft. Bis jetzt (1886) ist es ihnen bereits gelungen, etwa 450 Dunam (ca. 40 ha) zu bearbeiten, 800 Olivenbäume zu pflanzen und eine ganze Reihe yon Feldzäunen zu errichten. Der Gott Israels möge ihnen hilfreich beistehen.“ Diese Zeilen lassen nur einen kurzen Blick in die Leidensgeschichte jener Idealisten tun, die unter ungeheuren Opfern und Entbehrungen aus Wüste und Steinen eine blühende Siedlung geschaffen haben. Die Schwierigkeiten, die ihnen erwuchsen, waren freilich zum Teil durch ihre eigene Unerfahrenheit verschuldet. Der angekaufte Boden erwies sich als unfruchtbar und reichlich klein, er erforderte für das Entsteinen, das Düngen und* Bestellen eine Arbeitskunde und Arbeitsleistung, zu der die durch Generationen hindurch erworbene Tüchtigkeit alter Bauerngeschlechter gehörte. Diese jungen, frischgebackenen Kolonisten aber waren bis gestern Männer der Feder, ihr Schauplatz der Hörsaal, ihre Lebensansprüche die der höheren Schichten gewesen, und diese Elemente sollten nun die gröbste und schwerste Arbeit verrichten, bei der schon der unvermeidliche Schmutz die Nerven peinigen kann! Dazu stellte auch die Hauswirtschaft ihre Forderungen an sie, da es an weiblichen Arbeitskräften in der Kolonie natürlich völlig fehlte. Endlich kamen noch die Schikanen der türkischen Verwaltung, in der allein der Bakschisch regierte, und der für die erste jüdische Kolonisation in Palästina typische Geldmangel hinzu. Aber in dem bitteren Kampf des Idealismus mit der herben Wirklichkeit bewiesen diese jungen jüdischen Seelen einen erstaunlichen Heroismus. Zwar mußten einige der Siedler dem ungewohnten Klima und der tückischen Malaria weichen, aber andere,»darunter auch Familienväter, traten an ihre Stelle. Die Mittel zum Ankaut des Düngers verdienten sie sich durch Tagelöhnerarbeit in den nächsten Dörfern; den Dünger trugen sie, weil jegliches Ackergerät fehlte, in Körben auf das Feld. Allgemach traten auch die in Ost- und Westeuropa neu entstandenen PalästinarVereine für sie ein und streckten. Geld zum Kauf des Viehs, der Ackergerätschaften, für den Hausbau vor. Zuletzt erfolgte dann aus Konstantinopel auch die Erlaub-, nis zum Hausbau. Aus der einen Holzhütte wurden mehrere, an ihre Stelle traten später steinerne Häuser, und allmählich besserte sich die Lage. Im Jahre 1898 wohnten in der Kolonie 21 Familien, gegenwärtig zählt sie ca. 140 Seelen, und das Areal mißt 450 ha. Die heutige Kolonie liegt auf einem Hügel mit schöner Fernsicht und hat ein gesundes Klima. Die Kolonisten haben in ihrer Mitte eine Synagoge, eine Schule und eine Apotheke. Die Hijgel sind mit Reben bepflanzt - man zählt etwa 200000 Weinstöcke —, aus deren Trauben die Winzer Alkohol bereiten, der in die großen Weinkellereien von Rischon lc Zion geliefert ward. In der Ebene wird Getreide, besonders Weizen und Sesam, mit gutem Erfolge gebaut; neuerdings sind viele Mandel- und andere Obstbäume angepflanzt worden. Doch ist die entsagungsreiche Entwicklung npdv heute drastisch sichtbar. Eins der Grundstücke weist ein nettes, solides Steinhaus mit einem geräumigen Kuhstall, dem Hühnerhaus und einer brettemen Hundehütte auf. Als der Inhaber zuerst ins Land kam, hat er unter dem Bretterverschlag geschlafen, der jetzt dem Hunde dient. Das Jahr darauf hai er ein Holzhäuschen gebaut, den jetzigen Hühnerstall, und jahrelang darin gewohnt. Dann endlich kam von der Behörde die Bauerlaubnis7 und neben jenem Häuschen erstand ein hölzerner Schuppen, in dem er mit dem Schatz des Kolonisten, dem inzwischen erworbenen Vieh, hauste. Als er sich später verheiratete, brachte die Mitgift seiner Frau die Möglichkeit zum Bau des steinernen Hauses, in dem er jetzt wohnt. Damit sind aber auch alle seine Wünsche erfüllt, denn er lebt nun als ein freier Mann unter dem freien, lichten Himmel Palästinas, umgeben von den Klängen der hebräischen Sprache, die aus der erstorbenen gottesdienstlichen dort längst wieder zum Leben in der Volkssprache erwacht ist. Und um ihn herum wächst ein Geschlecht heran, das von klein auf mit dem Boden der Väter verwachsen ist und in der Heimatluft gesund und stark wird an Leib und Seele — ein verheißungsvoller Ansatz zu der Wiedergeburt der jüdischen Rasse, die sich nur vollziehen wird in Erez Israel, dem Lande der Väter, dem Erbe der Enkel. Eine gewandelte Gesellschaft maß die irrtümliche Theorie aufgeben, wonach die Völker entweder landwirtschaftliche oder industrielle Produkte herzustellen haben. Sie muß sich für die Herstellung der Nahrungsmittel und vieler, wenn nicht der meisten Rohmaterialien auf sich selbst verlassen können; sie muß Mittel und Wege finden, die Landwirtschaft mit der Fabrikation, die Feldarbeit mit dezentralisierter Industrie zu verbinden — und sie muß für „integrale Erziehung“ sorgen, denn diese allein, die von der frühesten Kindheit an zugleich Wissenschaft und Handwerk unterrichtet, kann der Gesellschaft die Männer und Frauen geben, die sie braucht. Jedes Volk seih eigener Landwirt und Fabrikant, jedes Individuum^ Feldarbeiter und irgendwie Techniker; jeder Einzelne im Besitz wissenschaftlicher Bildung und handwerklichen Könnens.-^; dies ist die gegenwärtige Tendenz der. Kulturvölker. Peter Kropotkhi.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.