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Volk und Land · 1919-03-06 · Heft 10-11 (6.3.1919) · p. Seite 323-324

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 10-11 (6.3.1919)
Date
1919-03-06
Page
Seite 323-324 (sequence 20)
Language
German
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323 VOLK UND LAND 324 unter Th. Herzls Inspiration als Programm des offiziellen Zionismus dahin proklamiert . wurde: „Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk.“ Das war der erste Schritt auf einem langen, dornenvollen Wege. Durch ihn wurde ein Stadium der Entwicklung eingeleitet, das sich, unbeschadet der Opferfreudigkeit jener Biluenser, als einen historischen Fehler kennzeichnet. Die zionstreue Masse harrte, zum „Gehen“ bereit, sehnsüchtig des Zeichens zum. Aufbruch, aber das Zeichen kam nicht, und statt des „Weges ins Volk“ schlugen die Führer den Weg der Politik ein, der zum Fiasko führen mußte. Denn in dem Augenblick, da man von der Linie der .Autonomie“ abwich, wurde ein gut Teil selbständigen Willens und idealer Schaffenskraft Iahmgelegt, und man begab sich durch das Anknüpfen innerer und auch auswärtiger politischer Beziehungen bei dem Mangel jeglichen politischen Einflusses und Verständnisses in die Abhängigkeit von Machtfaktoren, die nicht immer uneigennützig das Wohl der Bilu- Bestrebungen suchten. Osman Pascha, der als russischer Kriegsgefangener in Charkow gelegen hatte, gab den Delegierten ein zweifelhaftes Empfehlungsschreiben an den Großvezier. Der Berliner Rabbiner und Palästinafreund Israel Hildesheimer unterzog sich der undankbaren Aufgabe, den Fürsten Bismarck gelegentlich des Gratulationsbesuches zu seinem siebzigsten Geburtstage für eine Intervention bei der Hohen Pforte zu gewinnen. Der abenteuerliche Politiker und Palästina-Schriftsteller Lord Laurence Oliphant versprach durch seine Beziehungen am Goldenen Horn den Wortführern goldene Berge in Palästina und warnte vor jedem übereilten Schritt der vvanderbegierigen russisch-jüdischen Jugend, der die schönsten Erfolge vereiteln könne. Schon sei ein Firman des Sultans, der 300 jüdischen Familien staatlichen Grundbesitz in Palästina und Syrien Zusage, unterwegs — — — Und das tatsächliche Ergebnis dieser phantastischen Bilu-Politik? Bald darauf erschien ein großherrliches Irade, das den Verkauf palästinensischen Bodens an russische und rumänische Juden aufs strengste verbot und ihren Einlaß in Palästina äußerst erschwerte. Nun trat die „kleine Volksarbeit“ mit ihrer „Einzelagitation“ wieder in den Vordergrund. Eine Bilu-Gruppe von 14 Köpfen irrte bereits an der palästinensischen Küste, nahe der Stadt Jaffa, umher, eine andere war unterwegs. Inzwischen hatte ein Prediger in der Wüste, David Levontin aus Orscha, voll tollkühnen Mutes Heimat, Wohlstand, Weib und Kind verlassen und sich zur Arbeit „auf die Berge Zions jm Lande unserer Väter“ begeben; ihm war dieses Tun „zur Wahrheit des Herzens und der Vernunft“ geworden. Auf einer wüsten, vertrockneten, nur dem Namen nach ein Feld darstellenden Bodenfläche weiht er feierlich die Kolonie Rischon le Zion (Anhub vo-n Zion) ein, und unter der Pflugschar der Heimatliebe wandelt sich mit finanzieller Unterstützung des Barons Rothschild in Paris das Oedland in eine fruchtbringende Siedlung. Da klopfen eines Morgens 12 jener Biluenser an die Pforten seiner Kolonie, und mit Freuden nimmt Levontin sie als Feklarb.eiter auf; er erblickt in der Tatsache, daß gerade „junge Leute von höherer Intelligenz und Energie endlich dazu kommen, sich dem geweihten Boden unserer Vergangenheit und Zukunft zu widmen, eine vielverheißende Epoche“.1 Audi in der nahen jüdischen Ackerbauschule Mikweh-Israel finden die Nachkommenden nach einigen Bedenklichkeiten Arbeit und die Erlaubnis zum Bau von Wohnhäusern. Nun hebt auf dem. steinigten Boden ein hoffnungsvolles Schaffen an. „Das waren fleißige Arbeiter,“ so berichtet ein schriftsteliernder Zeitgenosse, „die mit Gesang zur Arbeit gingen und singend vom Felde zurückkehrten. Allabendlich veranstalteten sie Lese- und Unterhaltungsstunden für hebräische Sprache, Literatur, Naturwissenschaft und Agronomie. Die Bilu wurden bald zum Mittelpunkt der Kolonie, ln ihre Zelte, wo es stets lebhaft und fröhlich zuging, kamen alle, die Stärkung ihres trüben Mutes nötig hatten, um Freude und .Lebenslust zu schöpfen. Die Bilu vereinigten sämtliche junge Männer der.Kolonie zu einer gefestigten Garde», um die oft vorkommenden räuberischen Ueberfälle kraftvoll abzuwehren. In kurzer Zeit gelang es der organisierten Koloniejugend, den kampfeslustigen Arabern einen solchen Respekt einzuflößen, daß die schlagfertigen Juden von ihnen nie anders als „Scheitane“ (Teufel) genannt wurden.“ Inzwischen waren die „Vorsteher der Bilu in Stambul“ auch nicht müßig gewesen. Die Mißerfolge ihrer abenteuerlichen Politik ließen sic unter Vermeidung der gemachten Fehler nun nach neuen Mitteln und Wegen suchen, um zum Ziel zu kommen. Die eingetretene Ernüchterung trat darin zutage, daß das Zentralbüro als seine nächste Aufgabe die Schaffung einer selbständigen Bilu-Kolonie ins Auge faßte. Damit war die Bewegung in das Stadium der Realpolitik hineingeleitet, das zwar langsame, aber um so sicherere Fortschritte verhieß. „In unserer Koloiiisationsmethode“, so sagte damals ein Aufruf des Vorstandes, „wird das wahre Heil unseres Volkes liegen. Einzig und allein in der Gründung einer Bilu-Kolonie \vird das Vorbild der Jüdischen Selbständigkeit in Palästina geschaffen sein, und nur diese Kolonie wird es in Zukunft vermögen, das Volk Israel aus allen Ländern Europas in» heilige Land Zu führen, um ihm unter Dattel- und Feigenbäumen ein ruhiges Leben zu gewähren.“ Für dieses Unternehmen bedurfte es aber der Zusammenfassung aller im heiligen Lande tätigen Kräfte. Die Biluenser von Rischon le Zion le<nen daher — nicht ohne daß ihr Vorgehen eine Reihe innerer Konflikte zur Folge hatte — die Arbeit nieder und warteten auf die Weisungen des Vorstandes. Dem war es gelungen, in der Nähe des Fellachendorfes Katra ein passendes Stück Land ausfindig zu machen, das nun nach zehnmonatlichen Bodenkauf-Formalitäten in den Besitz der Bilu überging. Katra oder mit dem biblischen Namen Gederah, so nannten die Söhne Bilu ihre erste eigene Errungenschaft. Was dort an einem trüben Novembermorgen des Jahres 1884 sich zutrug, schildert ein authentischer Bericht aus jener Zeit jnit folgenden Worten: „Die Kolonie wurde am ersten Tage des Makkabäerfestes ein geweiht. Sie bestand eigentlich aus einem kleinen Häuschen, das weder vor Regen noch vor Kälte schützen konnte. Die neun Buu-Mitglieder fühlten sich aber sämtlich sehr wohl in diesem Häuschen. Während sie zwecks Beschleunigung der Kolonisation die Bearbeitung eines Teils des Bodens den Arabern übergaben, machten sie sich selber daran, einen Hügel für den Weinbau zu kultivieren. Da sie weder Pferde, noch Ochsen, noch Werkzeuge besaßen, so mußten sie mit eigenen. .Händen den felsenfesten Hügel bearbeiten, was für sie eine ungeheuerliche Müne war. Dazu besaßen sie kein gutes Trinkwasser, was bei der unerträglichen Hitze besonders empfindlich war. Aus Raummangel mußten sie ihre Esel und Hühner in ihrem Wohnhäuschen halten. Außerdem durften sie sich auch des Nachts, nach schwerer Tagesarbeit, keine Ruhe gönnen, da sie sich vor den Arabern hüten mußten. Obwohl die Araber es nicht mehr wagen, einen Juden oder dessen Gut

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