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Volk und Land · 1919-03-06 · Heft 10-11 (6.3.1919) · p. Seite 321-322

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 10-11 (6.3.1919)
Date
1919-03-06
Page
Seite 321-322 (sequence 19)
Language
German
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321 VOLK UND LAND 322 FUENFUNDDREISSIG JAHRE BILU Die Geschichte einer palästi Von Schulrat Eb Es war zu Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als der Kampf gegen das Judentum zur Parole moderner gesellschaftlichvölkischer Forderungen wurde. Und in den slawischen Ländern des Ostens setzte sich alsbald die antisemitische Doktrin in Taten um, mit denen sich das ,,europäische“ oder das „christliche“ Gewissen wohl oder übel abfinden mußte. Ueber die Judenschaft in Rußland und Rumänien brach eine Katastrophe herein, die um so zerschmetternder wirkte, weil bis dahin die jüdisch-russische Intelligenz selbstlos ihre Kräfte der großen Sache des Slawentums“ geopfert hatte. Nun waren die Vorkämpfer russischer Aufklärung von gestern plötzlich das Wild, das auf der Straße von dem wach gewordenen Volke gehetzt wurde und bei der Heimkehr sein Gehege in Trümmern fand. „Wir sind verzweifelt; wir hören und sehen und fühlen hinter und vor uns nichts als Pogrome und Pogrome“, so schreibt ein Odessaer Blatt in seinem Neujahrsartikel vom Jahre 1882. Aber die seelische Verzweiflung ertötete das Volk nicht, das 1800 Jahre hindurch seine wunderbare Kraft und seinen Willen zum Leben im Ringen mit seßhaften Völkern bewährt hatte. Der Verzweiflungsschrei gebar — zum so und sovielten Male in der Tragödie dieses Volkes — den Gedanken der Selbstemanzipation. Das jüdische Volk fing an, sich auf sich selber zu besinnen, und ah die stelle feiger, schwächlicher Assimilation trat der Wille zum Judentum und das Bewußtsein der Eigenkraft. Der Mahnruf, den fünfzehn Jahre später Theodor Herz!, der Organisator des Zionismus, in die Worte kleidete: „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland“, wurde hier bereits erlebt und fand eine gute Statt. Das neue Leben und die junge Hoffnung erblühten jedoch nicht allein aus den Ruinen verwüsteter Heimstätten; bereits seit den siebziger Jahren stand die hebräisch-iüdische Literatur im Zeichen des nationalen Palästinagedankens. Von den Besten des Volkes wurde die Palästinaarbeit bereits damals als „die große Aufgabe unserer großen Zukunft“ anerkannt; angesehene Wortführer hatten die Rückkehr der jüdisch-akademischen Jugend in das Judentum vorausgesagt. Und wirklich lehnen es die ersten Palästinapioniere ausdrücklich ab, diese große innere Umwälzung allein auf die äußeren Ereignisse und Schrecknisse zurückzuführen. Als „Asyl“ konnte man ja auch Amerika wählen, wohin tatsächlich seit Jahrzehnten der .Strom der jüdischen Massenauswanderung fließt. „Es ist aber unsere l/eberzeugung, daß auch Amerika für unser Volk ein Irrlicht, eine trügerische Hoffnung ist. Ein neues Golus wird entstehen, Ghettos von geduldeten Fremdlingen. Wir aber müssen dem Volke das wahre Licht und den Massen den Weg zur Erlösung zeigen.“ So waren es historische Zusammenhänge, die mit einer instinktiven Macht die Herzen der jüdischen Jugend zu den .Vätern zurückführten. . An der Universität Charkow war es, wo sich im Jahre 1883 eine studentische Vereinigung von 25 Mitgliedern bildete, um dem jüdischen Volke und seiner Jugend einen neuen Weg zum Leben, einen Zugang zur Zukunft zu zeigen. Bet Jaakob Lechu Venel’chah („Haus Jakobs, kommt, wir wollen gehen“, Jes, 2,5), dieser prophetische Spruch wurde nensischen St u d e n t e n k o 1 o n i e. e r h a r d, Greiz. zum Leitstern des Kreises, der sich nach den Anfangsbuchstaben seines Wahlspruchs „Bilu“ nannte. Ehe Judenfrage, so sagten die Mitglieder der Bilu mit Recht, kann nicht von außen durch aussichtslose Abwehr des Antisemitismus gelöst .werden, sondern sie mu& „vom Standpunkt der Ewigkeit“ aus beurteilt und durch das jüdische Volk selber gelöst werden. Der alte lebendige Volkswille muß geweckt, die Liebe zu Zion und Jeruscholajim (Jerusalem) muß mit ihrer nie versiegenden Flamme •wieder entfacht werden. Neue Bedingungen sind not, die das Volk mit historischer Sicherheit einer sicheren Zukunft entgegenführen. Man muß ins Volk selber gehen und das schlummernde Völksbewußtsein revolutionieren, indem man ihm mit dem Beispiel persönlicher, nationaler Wiedergeburt im Lande der Väter vorangeht. Alles im Golus sollte geopfert w erden, um dem Boden Palästinas die besten Kräfte zu weihen. So gingen diese studentischen Elemente voller Begeisterung in das ,Volk. Zwanzig junge Biluenser, die noch kurz zuvor als Emanzipationskämpfer der slawischen Volkssache unter der Maske von Tagelöhnern und Landstreichern in entlegenen Dörfern Fühlung mit der russischen Bauernschaft gesucht hatten, durchzogen nun als Sendboten einer ganz neuen Propaganda die russischen Gouvernements und wandten sich mit ihren Wiedergeburtsgedanken an die gedrückten Massen des jüdischen Volkes, um sie für ein höheres Leben in Selbstachtung und Würde zu gewinnen, damit dann eines Tages „das Haus Jakobs gehe“. Dem Aufsehen, das diese Wanderredner erregten, folgten bald freudiger Jubel und innere Zustimmung; 525 junge iuden, meist Gymnasiasten und Studenten, wurden ellhörig und warteten nur auf das Signal, um dem neuen Leben im Lande der Väter entgegenzugehen. Man gewöhnte sich in den Synagogen und Lehrhäusern an die ungewohnte Erscheinung, daß statt religiöser Wanderredner und langhärtiger Bettelboten aus Erez Israel junge, für ihr Volkstum schwärmerisch begabte starke Propheten aus der Reihe der Studenten dort auftraten und daß an Stelle des Jiddisch die Klänge des Russischen oder Hebräischen ertönten, um für die Förderung des heiligen Landes durch Pflug und Sense zu werben; Je mehr freilich die Ideen der Charkower Sonderlinge zu einer brerten Volksbestrebung Würden. um so leichter mischten sich auch andere Tendenzen, Klassenkämpfe, marxistische Theorien und Amerikaprojekte, in die Bewegung. Aber die Bilu-Führer machten Front gegen alle Außenseiter. „Die ans Tageslicht getretene unglückliche Lage des jüdischen Volkes hat jede Möglichkeit zur Teilung unserer Nation in Klassen und Stände unwiderruflich beseitigt. Wir sind die Söhne jenes Volkes, das in letzter Zeit seine einzig mögliche Rettung vor dem Untergang in der Emigration gefunden hat und nach langer Prüfung zu der Erkenntnis gelangt ist, daß einzig und allein Palästina das Land ist, in dem unser Volk durch produktives Sch affen, speziell durch den Ackerbau, moralisch und körperlich gesunden kann.“ Das „Komitee der Söhne Bilu in Charkow“ verlegte seine Zentrale in das Zentrum jüdischen Lebens, nach Odessa, und in Konstantinopel erstand eine Hauptabteilung des Zentralbüros, die durch „diplomatische Verhandlungen“ das anbahnen sollte, was soäter auf dem ersten Zionisienkongreß in Basel

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