Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 10-11 (6.3.1919)
- Date
- 1919-03-06
- Page
- Seite 309-310 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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300 310 VOLK und LAND irgend einem Berufe — meistens dem kaufmännischen- — nachgegangen ist, ihren Beruf beibehalten und ihre Hausfrauenpflichten nur im Nebenamt ausüben. Auf diese Weise beginnt die Misere der Ueberbürdung schon gleich mit dem Eintritt in die Ehe, während sie sonst erst mit der Geburt des ersten oder zweiten Kindes ihren Anfang nahm. Mit ihr beginnt als Regel für die minderbemittelte Frau in jedem Falle der keineswegs freudlose, aber doch infolge der Arbeitsüberbürdung unendlich dornenvolle Weg, der mit der Geburt jedes weiteren Kindes bei abnehmenden physischen, geistigen und seelischen Kräften immer mühevoller und schwerer wird, und vor dem es kein Entrinnen gibt, es sei allenfalls dadurch, daß es bei einem, höchstens bei zwei Kindern sein Bewenden hat. Man kann es keiner Frau verdenken, wenn sie durch diese Beschränkung sich vor der völligen Preisgabe ihres Ich zu bewahren sucht, wenn es ihr in den meisten Fällen auch nicht gar zu viel nützen wird. Denn auch bei so beschränkter Kinderzahl wird sie immer noch so viel Arbeit haben wie der Tag Stunden hat, und 14 Stunden hat er für die Frau mindestens. Ist sie auch durch Dienstboten notdürftig entlastet, so bleibt ihr immer noch genug zu verwalten, zu leiten, ziu beaufsichtigen, zu bewirten, zu repräsentieren, zu kaufen und zu besorgen, zu nähen und auszubessern, derart, daß ein ruhiges Stündchen für Mann und Kinder kaum übrig bleibt und für ihre eigentliche Arbeit erst die Abendstunden in Betracht kommen. Für Geselligkeit, 'für Lektüre, für Teilnahme am öffentlichen und politischen Leben bleibt, wie groß auch das Bedürfnis danach sein mag, allmählich keine Zeit mehr übrig und mehr und mehr — „im engen Kreis verengert sich der Sinn.“ Unendlich schwer empfindet sie in vielen Fällen das geistige Erschlaffen und vor allen Dingen das Schwinden eines geistigen und seelischen Zusammenhangs mit Mann und Kindern. Zu dem, was Hauptsache sein sollte, fehlt die Zeit, die durch das Sorgen für die notwendigsten Lebensbedürfnisse mehr als restlos aufgebraucht wird. Erst wenn die Kinder erwachsen sind und eigene Haushaltungen! begründen, beginnt die Frau aufzuatmen, und meistens wird sie erst für ihre Enkelkinder die Zeit, die Nerven- und Gemütsruhe haben, die sie für ihre Kinder so gern gehabt hätte. Zwischen den I Enkelkindern und der Großmutter aber, die so lange ausgestoßen war aus der geistigen Gemeinschaft ihrer Zeit, läßt sich kein richtiger Konnex mehr herstellen, in den besten Fällen wird sie bei den Enkelkindern einer liebevollen Nachsicht begegnen. So ungefähr verläuft das Leben der Frau;, das einige wenige Glückliche ausfüllen und befriedigen mag, das aber die meisten stumpf und viele unsäglich unglücklich! macht und unser öffentliches Leben viel kostbarer Arbeitskraft beraubt. Wie kann das besser werden? Für die kommende Generation und auch schon für die jetzigen jungen Mädchen durch eine voll- - ständig andere Erziehung, durch eine zweckmäßige Schulung von Anfang an; für unsere Frauen durch weitgehende Erleichterungen im Haushalte, durch die Lösung der Dienstbotenfrage vermittelst Einführung weiblicher Dienstjahre, die den Mädchen nach Absolvierung der Schule als weitere Vorbereitung für den Beruf als Frau und Mutter dienen sollen, und durch die Betätigung der Frau außer dem Hause in einem ihr Befriedigung gebenden Beruf. Ich beginne mrt den notwendigen und mir möglich scheinenden Erleichterungen im Haushalte und komme damit gleichzeitig einer Aufforderung. nach, mit der Frau Dr. Maisel-Schochat in i ihrem Vortrage „Frauenarbeit in Palästina“, gehalten am 29. März 1918 im „Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina“, (veröffentlicht in Nr. 6 von „Volk und Land“) an die europäische Frau herantritt. Ich würde mich freuen, wenn meine Vorschläge im Großen und Ganzen die Zustimmung dieser* den ganzen einschlägigen Fragenkomplex so vorzüglich beherrschenden Frau finden könnten. Ü/er da meint, daß das, was ich über die übermäßig große Arbeitslast der Frau als Hausfrau, Gattin und Mutter gesagt habe, übertrieben sei, daß eine spezielle persönliche Uneignung oder aergl. die Schuld daran haben mögen, daß die Pflichten von mir als so schwer und unerfüllbar empfunden werden, der lese diesen von Sachkenntnis und Sachverständigkeit getragenen Aufsatz. Frau Dr. Maisel-Schochat spricht zwar in dem folgenden Abschnitt, den ich zitiere, von der „Arbeiter- und Koionistenfrau“, der noch einige Pflichten mehr aufgepackt sind als der Frau im allgemeinen, das Gesagte hat aber trotzdem allgemeine Geltung, da das! Plus auf jener Seite durch Anderes auf dieser Seite nahezu ausgeglichen werden dürfte. Sie sagt u. a.: „Die Arbeiterfrau oder die Kojonistenfrau, die für Haus, Garten und Hof sorgen soll, hat eine solche Menge Arbeit zu bewältigen, daß sogar unsere vorbereitete und entsprechend ausgebildete Frau mir schwer damit fertig werden kann. Da wir aber unsere arbeitenden Frauen nicht überbürden und sie nicht in ihrer Arbeit untergehen sehen wollen, da wir ihnen etwas Zeit für sich selbst, ihren Mann und die Kinder gönnen wollen, da wir sie auch noch außerhalb ihres Kreises mit der Arbeit für das Allgemeinwohl beschäftigt sehen möchten, müßte es die Pflicht der gebildeten Europäerin sein, die Wege, Mittel und Einrichtungen zu suchen, um die kleinlich mühsame häusliche Arbeit möglichst zu vereinfachen und zü verringern. Es ist zu staunen, wie wenig bisher auf diesem Gebiete noch geleistet ist.“ Meine Vorschläge gehen nun dahin, daß ich die Frau von all den vielen Arbeiten, die ihr Frau Dr. Maisel-Schochat bequemer gemacht wissen will, gänzlich befreit sehen möchte. Ist es notwendig und ökonomisch, daß in jedem Hause gekocht, gebacken und Geschirr gewaschen wird, ist es notwendig und ökonomisch, daß in jedem Hause gewaschen, geplättet und ausgebessert wird? Nein und abermals nein! Es ist nicht einmal notwendig und ökonomisch, daß zu jedem Kolonistenhaushalt eine Schar Hühner und sonstiges Viehzeug gehören soll. Wir können das alles sehr gut und in den meisten Fällen viel besser haben, als es die geschicktesten Frauen unter Drangabe ihrer ganzen Persönlichkeit zu leisten imstande sind. Wir können so gut geleitete Speisehäuser haben, die auch sehr hohen Anforderungen genügen können, die jede Diät ermöglichen, Krankenkost und alle mit üer größten Sorgfalt hergestellten Kleinkinderspeiseti liefern, die bis in den späten Abend geöffnet sind, und die auch in der Darreichung der Speisen garnichts zu wünschen übrig zu lassen brauchen. Sie sollten übrigens auch so funktionieren, daß das Essen auf Wunsch auch in die Einzelhaushalte und in die Arbeitsstätten! geliefert wird. Den Teekocher im Hause brauchen wir dabei nicht abzuschaffen, er sollte für jeden, der nicht gerade auf Beibehaltung des Samowars besteht, in jedem Wohnzimmer elektrisch angeschlossen sein, aber das notwendige Gebäck, das dazu wünschenswerte Eingemachte und all die kleinen Leckereien braucht der Haushalt nicht selbst zu produzieren. Wir werden Konser-